Autobiografische Textbaustelle

Goedartwho

Eine offene Datei der Einflüsse, Abneigungen, Wiederentdeckungen und kulturellen Fixierungen.

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Keine Bekenntnisschrift und kein Kanon, eher eine fortlaufend korrigierte Karte dessen, was über Jahrzehnte hängen blieb: Bücher, die den Ton im Kopf veränderten; Musik, die biografische Räume öffnete; Bilder und Filme, die eine Zeit lang wichtiger waren als die sogenannte Wirklichkeit. Eine In-Out-Liste also, allerdings mit dem Vorbehalt, dass manches Verstoßene zurückkehrt und mancher früh verehrte Hausgott später nur noch als bemerkenswertes Möbelstück herumsteht.

Goedart Palm auf einer Wiese
Goedart Palm – biografischer Ausgangspunkt einer offenen Kulturdatei.

Lesebiografie

Lektüre: eine wachsende Unordnung

Peter Handkes Bitte „Herr, gib mir meine tägliche Lektüre heute“ beschreibt das Problem ziemlich genau. Es wird mit jeder Bibliothek, jedem Antiquariatsfund und jeder überquellenden Festplatte größer. Jean Paul wusste, dass noch kein Mensch seine ganze Bibliothek gelesen hat; das ist, wie jeder Büchersammler weiß, der geringste Grund, keine neuen Bücher zu kaufen.

Am Anfang standen Hominy, der Indianerbub, der vermutlich fliegende Stern, Klein Rubens Insel und Karl May in schweren Bamberger Ausgaben. Bücher waren kostspielig, Leihbibliotheken deshalb keine bloße Einrichtung, sondern eine Form der Welterschließung. Ernst Blochs Bemerkung über Karl May – der Traum des kleinen Mannes, sich eine Welt zu schaffen und sie zu beherrschen – erklärt die frühe Sogwirkung besser als jede nachträgliche Pädagogik.

Daneben Comics in Mengen: Illustrierte Klassiker, Superman, Marvel – Disney dagegen blieb mir eigentümlich fremd. Später Robert Crumb und Moebius. Bei Moebius faszinierte weniger ein bestimmtes Universum als die Ökonomie der Linie: wie wenig nötig ist, damit ein Raum steht und eine Figur sich bewegt. Solche frühen Vorlieben sind hartnäckig. Sie kehren in Urteilen über Literatur, Film und Malerei wieder, auch wenn man ihnen längst andere Namen gegeben hat.

Denkwege

Philosophie: Hausheilige und Hausverbote

Nietzsche traf auf mein philosophisches Nichts. In der Leihbücherei stand die Schlechta-Ausgabe; eine Grundierung war nicht vorhanden, also konnte die Sprache ungebremst wirken. Menschliches, Allzumenschliches wurde ein Buch der Überraschungen und begründete die dauerhafte Vorliebe für Aphoristiker: Lichtenberg, La Rochefoucauld, Rivarol, Galiani, Montaigne. Nietzsche zeigte, dass Philosophie nicht erst dort beginnt, wo ein System errichtet wird, sondern schon in der Präzision eines Verdachts.

Eine Woche im Nietzsche-Haus in Sils Maria, zwischen alten Möbeln und jener grünen Tischdecke, die kranke Augen schonen sollte, hat den Kult nicht beseitigt, aber körperlicher gemacht. Im Waldhaus lässt sich der Zauberberg als Hotelbetrieb fortsetzen; Adorno war da, die Alpenrose vielleicht schon verschwunden. Man möchte solchen Orten zurufen, sie mögen bis zur nächsten Liquidität bitte nichts verändern.

Freud war die zweite Offenbarung. Nietzsche destabilisiert Moral und Motiv, Freud sprengt die Bewusstseinsphilosophie: Man ist nicht Herr im eigenen Hause und kann gerade deshalb genauer nach den seltsamen Hausbewohnern fragen. Wilhelm Reich bot eine temperamentvolle Kur gegen Repression, bis seine Orgontheorie selbst kurbedürftig wurde. Günther Anders blieb mit seiner Diagnose der Asynchronität wichtig: Wir produzieren Verhältnisse, denen unsere Vorstellungskraft hinterherhinkt, und nennen dieses Zurückbleiben Fortschritt.

Hegel immer wieder, aber in kleinen Portionen; Kant ebenso, wobei die Kritik der reinen Vernunft die beiden anderen Kritiken für mich überragt. Wer nur Platon und Kant läse, wäre nicht schlecht bedient, aber vermutlich schlecht gelaunt. Diderots Jacques der Fatalist hilft, wenn das Leben plagt. Wittgenstein erinnert daran, dass Philosophie Fragen nicht mit Lehrgebäuden zustellen sollte.

Luhmann: Bewunderung mit Sicherheitsabstand

Niklas Luhmann gehört zu den originellsten und produktivsten Sozialtheoretikern des 20. Jahrhunderts. Seine Zumutung besteht darin, Gesellschaft nicht aus Menschen, Absichten oder moralischen Programmen aufzubauen, sondern aus Kommunikation. Funktionale Differenzierung, Codes, Beobachtung, Selbstreferenz: Das ist kein bürokratisches Wortspiel, sondern eine begriffliche Maschine von erstaunlicher Reichweite. Wer Luhmann gelesen hat, beobachtet Unterschiede anders – und bemerkt schneller, wie oft moralische Gewissheit nur die Blindstelle der eigenen Beobachtung verwaltet.

Gerade die Souveränität dieser Theorie erzeugt jedoch Widerstand. Menschen gehören nicht zu den sozialen Systemen, sondern erscheinen als psychische Systeme in deren Umwelt; normative Fragen werden beobachtet, nicht im klassischen Sinn beantwortet. Geschichte, Leiden, politische Leidenschaft und individuelle Erfahrung verschwinden damit keineswegs, aber sie geraten auf eine theoretische Distanz, die bisweilen frostig wirkt. Man liest Luhmann mit Bewunderung für ein Modell, das beinahe alles in seine Sprache übersetzen kann, und fragt sich zugleich, ob die Wirklichkeit irgendwann nur noch als Material dieser Übersetzung vorkommt. Ein Hausheiliger wurde er mir deshalb nicht. Aber wer ihn bloß abkanzelt, macht es sich sehr viel leichter, als seine Theorie es erlaubt.

Habermas las ich selten ohne Ressentiment gegen den oberlehrerhaften Glauben an Aufklärung – einen Glauben, den man dennoch nicht preisgeben sollte. Seine glasklaren Parteinahmen versöhnen, sein Diskursmodell bleibt angreifbar und unverzichtbar zugleich. Adornos Sprache funkelt, Benjamin montiert Gedanken, Bloch hält Möglichkeit offen. Marshall McLuhan bleibt für Medienfragen der große Anschlussgeber; viele neuere Theorien altern schneller als die Geräte, die sie erklären wollen.

Romane, Tagebücher, kleine Formen

Literatur: Stimmen, die bleiben

Casanovas Geschichte meines Lebens verdankt ihre Wahrheit gerade der Flatterhaftigkeit ihres Autors. Fellinis Film ist prachtvoll und unfair; ohne Casanovas mangelnde Beständigkeit besäßen wir diesen intimen Zugang zu einer Epoche nicht. Stendhal bleibt immergrün, Hebbels Tagebücher gehören zu den eindringlichsten, Gottfried Kellers Grüner Heinrich fragt, ob man erwachsen werden kann, ohne sich mit dem Bürger zu verwechseln. Lieber dieser Heinrich als Wilhelm Meister – Goethe hat es bei mir nie ganz leicht gehabt.

Flauberts Bouvard und Pécuchet ist schon Postmoderne, bevor diese ihren Namen kannte. Huysmans, Rodenbach und Mario Praz öffneten die schwarze Romantik; Wilde den Dandy und die brauchbare Form des Zynismus. Mark Twains später Geheimnisvoller Fremder, Bulgakows Meister und Margarita und Thomas Manns Doktor Faustus gehören zu einer privaten Dämonologie, die noch auf ihren Essay wartet.

Karl Kraus lese ich, wenn ich die eigene Sprache verwerfe. Tucholsky ist wärmer, beweglicher und erstaunlich gegenwärtig. Leo Perutz bleibt der Meister eines Spannungsromans, der die Wirklichkeit mit einem fast unmerklichen Dreh aus den Angeln hebt. Borges baut Labyrinthe, Lovecraft einen Horror jenseits filmischer Möglichkeiten, Arno Schmidt belädt Wörter mit unbewusstem Nebensinn.

Beckett las ich mit achtzehn tonnenweise und glaubte noch zu wissen, was gemeint war. Godot, Endspiel, Molloy: zum Totlachen, im buchstäblichen Sinn. Heute bin ich diesen Endfiguren ferner. Thomas Pynchon hielt ich lange für mächtig überschätzt; Against the Day zwang zur Revision. Auch das gehört in eine Kulturbiografie: Nicht nur Bücher werden alt, Urteile tun es ebenfalls.

Goedart Palm lesend in einem Pariser Antiquariat mit hohen Bücherregalen und Leitern
Das Antiquariat als Gegenmodell zur lückenlosen Verfügbarkeit.

Hörbiografie

Musik: Rettungsmittel und Zeitmaschine

Wim Wenders sagte, ohne Rockmusik wäre er verrückt geworden. Dem ist wenig hinzuzufügen. Beatles, Stones, CCR, Neil Young, Pink Floyd bis The Dark Side of the Moon; mit Ummagumma bin ich beinahe aufgewachsen. Musik war weniger Begleitung als ein zweites Klima.

Goedart Palm in einem schwarzen Hemd mit einer Schallplatte in der Weltmusikabteilung der Pariser FNAC
Plattenkauf als Weltaneignung: keine Systematik ohne Umwege.

Country Joe & The Fish – schon der Name Haight-Ashbury entzückt – und Terry Rileys A Rainbow in Curved Air, dessen erste Seite ich immer hören kann. Captain Beefheart war göttlich schräg, Zappa dort, wo er nicht symphonisch wird. The Doors: ein Sound, der nicht verschwindet. Hendrix zeigte, was sich mit einer elektrischen Gitarre anstellen lässt; Cream und Clapton, besonders mit Duane Allman in Layla, machten Virtuosität zu einer körperlichen Angelegenheit.

Saturn als kosmisches Bildmotiv
Saturn: kosmischer Nachhall zwischen Musik, Zeit und Erinnerung.

Der Blues kam später und blieb: Robert Johnson, Lightnin’ Hopkins, J. B. Hutto im Godesberger Stadtpark, Buddy Guy auf dem Bonner Marktplatz, Muddy Waters, Howlin’ Wolf; vor allem Earl Hooker, elegant und teuflisch ohne Theaterdonner. Jazz in Unmengen, wobei ich immer wieder bei Balladen lande: Parker, Hawkins, Lester Young, Dolphy, Art Pepper, Miles Davis, Coltrane vor Ascension, Django Reinhardt und Chet Baker. Alterserscheinung? Möglich. Aber Geschwindigkeit ist kein Wert an sich.

Flamenco führte über Paco de Lucía zu Sabicas, diesem vollkommenen Hexenmeister. Dazu Soul von Sam & Dave, James Brown, Booker T. & the M.G.’s und Al Green. Und schließlich Claire Waldoff und Georg Kreisler: das Chanson als Präzisionswaffe gegen Ehe, Anstand, Parktauben und Musikkritiker.

Bilder und Künstler

Malerei und Kunst: Nähe durch Widerstand

In Malerei habe ich mehr Zeit investiert als in vieles andere. Van Eyck, Dürer als Zeichner und Grafiker, Tizian, Chardin, Picasso; Velázquez mit der Lässigkeit eines Malerfürsten. Rembrandt und Rubens bleiben ambivalent. Die deutschen Romantiker – Horny, Fohr, August Lucas – zeigen, wie weit Bleistift und Aquarell tragen, solange die Nazarener nicht in Öl und Essig serviert werden.

Corot und Barbizon machten Landschaft zum Denkraum. Van Gogh ist übersatt gesehen, was nicht seine Schuld ist. Die frühe Euphorie für Dalí kühlte ab; Max Ernst blieb in Collagen und Frottagen lebendig, produzierte aber auch überflüssiges Gemüse. Joseph Cornell baute in seinen Kästen vollkommene Kleinwelten.

Duchamp vertrieb die heilige Scheu vor der Kunst, solange man ihn nicht selbst zum Säulenheiligen macht. Pollock besitzt Intensität, aber der Gestus allein reicht nicht; bei Baselitz noch weniger. Beuys vermittelte dagegen einen tiefen Begriff von Materialität. Sein Atelier in der Düsseldorfer Eiskellerstraße habe ich mehrfach besucht.

Polemik gehört zum Geschmack, sofern sie einen Grund hat. Tübke bleibt mir unerträglich, nicht weil Virtuosität verdächtig wäre, sondern weil die historische Formensprache zu angestrengt Bedeutung ausstellt und jene Eleganz vermissen lässt, die ihre Vorbilder besaßen. Das ist ein ästhetisches Urteil – und selbstverständlich eines, das Widerspruch verdient.

Kinoerinnerungen

Film: Leben im Königsmedium

Heidi mit acht Jahren, später Louis Malles Herzflimmern: frühe Kinobesuche, noch ohne cineastischen Blick, dafür mit jener präintellektuellen Empfänglichkeit, die sich nicht konservieren lässt. Spiel mir das Lied vom Tod befriedigte die Neigung zu erhabenen, mythisch entrückten Helden; King Hu tat es auf andere Weise.

Godard und nochmals Godard: Die Außenseiterbande, Die Chinesin, Weekend, Tout va bien. Das Kino war das Leben, das man selbst nicht führte, als Film noch Königsmedium war. Buñuel zeigte, wie das Bürgerliche durch einen kaum merklichen Schnitt ins Traumlogische kippt. Rivettes Céline und Julie fahren Boot blieb einer meiner Lieblingsfilme.

Goedart Palm vor einem alten Kino mit T.-Rex-Leuchtschrift und Ankündigungen für David Bowie und Kraftwerk
Kino und Musik unter einem Leuchtdach.

Fellinis Roma ist mein Favorit, Amarcord dicht dahinter. Seine Üppigkeit wirkt, weil sie die eigene Künstlichkeit nie verleugnet. Ozu lehrt dagegen eine Ruhe, die das europäische und erst recht das amerikanische Kino kaum kennt. Hitchcock, besonders North by Northwest, wegen der Szenenwechsel und weil ich Odysseen liebe. Tarkowskijs Stalker ist taktiles Kino: Man spürt den Regen, obwohl man trocken im Sessel sitzt.

Dunkles Filmplakat mit Projektor, nächtlicher Straße, Schallplattenarchiv und Erinnerungsfragmenten
Das Archiv der Schatten: Kino als Speicher dessen, was nicht zurückkehrt.

Jodorowskys El Topo überbietet den Manierismus des Italo-Western, Montana Sacra die metaphysische Suche bis an die Grenze der Albernheit. Gerade sein Humor verhindert, dass der Exzess vollständig ins Weihevolle kippt. Altman, Tarantino, Jarmuschs Ghost Dog, Ang Lees Tiger and Dragon: sehr verschiedene Filme, verbunden durch Haltung und Rhythmus.

Orte und Nachklang

Orte: Museen, Städte, Traumarchive

Wenig Natur, viel Stadt. London in den sechziger Jahren, 1966 und 1968: die erste wirkliche Erfahrung von Stadt und die erste Begegnung mit Weltmuseen. Victoria and Albert Museum, Science Museum, British Museum, Tate Gallery – seitdem notorischer Museumsbesucher. Städte sind für mich keine Empfehlungen, sondern Speicher. Man kehrt zurück und prüft weniger den Ort als die Veränderungen des eigenen Blicks.

Sils Maria, London, Paris, Canet de Mar: Orte werden wichtig, weil Lektüre, Film, Erinnerung und tatsächlicher Aufenthalt sich in ihnen überlagern. Eine Stadt ist nie nur das, was dort steht; sie besteht ebenso aus früheren Besuchen, versäumten Wegen und den Bildern, die man ihr unterschiebt.

Wenn ich wählen müsste, mein Leben oder meine Träume als Premium-Edition zu erhalten, würde ich vermutlich die Träume nehmen. Roy Batty hatte recht: Man hat unglaubliche Dinge gesehen. Die Schwierigkeit beginnt erst bei der Ablage.