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Zynismus als Lebensform

Zyniker sind Menschen, die ihren Reim auf die Verhältnisse so formulieren, wie die Verhältnisse es nun mal brauchen. Der Zyniker identifiziert sich mit den Verhältnissen, um sich darin über sie hinwegzusetzen. So weit, so paradox. Die Paradoxie löst sich schnell auf, wenn der Zyniker seine gefährliche Affirmation moralisch werden lässt. Der Zyniker ist Moralist, aber das kann er nicht ungestraft sagen, weil er sonst sein Selbstverständnis beschädigt. Die Verhältnisse produzieren den Zyniker und nicht umgekehrt. Zynismus ist danach eine moralische Überlebensform in zynischen Verhältnissen. Warum lässt sich die Kritik an den Verhältnissen nicht einfach moralisch formulieren? Moralisten machen Formfehler. Man glaubt ihnen nicht, weil sie so unangefochten von den Verhältnissen über diesen stehen wollen. Der Zyniker steckt dagegen im Schlamm der Verhältnisse, seine Transzendenz verliert nicht die Bodenhaftung. Der Zyniker weiß, dass er durch diesen Humus geprägt ist. Es bleibt eine Affinität zum Verfemten bestehen. Ablehnen kann nur der, der das Abgelehnte intim kennt. In jedem Zyniker, so will es der Begriff des Herrschaftszynismus, steckt auch ein heimlicher Apologet des Kritisierten. Dieser Schmerz ist die Energieform des Zynismus. Vom Ironiker unterscheidet den Zyniker die moralische Ergriffenheit - letzterer Begriff, um nicht Betroffenheit zu sagen, weil der Begriff nur noch betroffen macht. Ironiker glasieren den Kuchen, der Zyniker spuckt ihn aus. Ironie ist versöhnlich, Zynismus nicht. 

 

 

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.