Peter Rühmkorf
Tabu I - Tagebücher 1989 - 1991
Reinbek bei Hamburg 1997 Rowohlt Taschenbuch Verlag ISBN 3-499 22153-5
Wer dies berührt, berührt einen Mann.
Rühmkorf, der Dichter, hat sein "erstes" Tagebuch veröffentlicht und vermutlich meint er sich selbst, wenn er den Altersstil als eine Art von Auslaufproduktion bezeichnet. Tagebücher ringen dem Leben post festum Geschichte und Geschichten ab. Sie retten der Erinnerung die vielen alltäglichen Partikel der Identität, machen das Leben zwar nicht rund, aber nachvollziehbarer. Für Leser sind Diarien oft eine Zumutung, da sich das konkrete Leben in seinem stolpernden Zeitablauf als Sammelsurium der Ereignisse darstellt. Aber gerade hier legitimiert sich mitunter die fremde Lebensgeschichte für Leser, die auch nicht stromlinienförmiger zu leben verstehen, die auch immer wieder in die biographischen Irrungen und Wirrungen eintauchen: "Und immer wieder mal die Frage nach einem sinnvoll geführten Leben in einer wahnsinnig gewordenen Welt."
Der fremde Leser braucht dafür keinen lückenlosen Zutritt zum Privatleben. Er braucht eine Wahrnehmung, die ihm etwas erschließt. Dass ein Ereignis dem Schreiber wichtig war, macht es noch nicht lesenswert; im Tagebuch muss es eine zweite Existenz gewinnen, in der auch jemand ohne Vorwissen mit ihm umgehen kann. Bei Rühmkorf entsteht diese zweite Existenz aus der Verbindung von Genauigkeit und Abstand. Die Notiz hält fest, wie sich ein Tag anfühlt, und lässt zugleich erkennen, wie fragwürdig derjenige ist, der ihn beurteilt. So wird aus der Zumutung einer fremden Lebensgeschichte eine eigentümliche Gesellschaft: Man muss die Vorlieben des Autors nicht teilen, um sich in der Unordnung seiner Ansprüche wiederzufinden. Gerade weil das Leben nicht rund gemacht wird, darf der Leser mit seinen eigenen Unebenheiten hinzutreten.
Je älter der Verfasser, um so mehr erfahren wir über seine Zipperlein. Auch Rühmkorf spart hier nicht mit schmerzhaften Intimitäten, er zeigt uns seine "vita dolorosa" zwischen den Vorboten des Endes und vorübergehender Pein. Leiden und Literatur sind nicht nur in Deutschland Geschwister. Gelitten haben sie alle: Lichtenberg, das Körperchen, Nietzsche, der aussichtslose Wille zur Gesundheit, Cioran, Schärfe aus tiefster Verbitterung, Pavese, moribund und todesentschlossen. Rühmkorf nimmt´s auch nicht leicht, aber spöttisch genug, um nicht fragwürdige Größe aus teutonischer Leidensverliebtheit zu generieren. Er hält sich poetisch vital gegenüber der selbstverschuldeten Verwrackung: "Vergiftet vom gestrigen Tag: Zigaretten, Hanf, Whiskey, Campari, Bier, Wacholder." Ja, so lustig bis körperzehrend leben die Dichter alle Tage. Rühmkorf gelingt die ironische Selbstdistanz zu alten Abhängigkeiten und neuen Gebrechen. Dabei geht es ihm nicht um einen "kleineleutenhaften" Offenbarungsgestus, keinen gerontophilen Lamentationsgegenstand, der zum geschwätzig-sprachlosen Stoff der Talkshows avancierte. Rühmkorf zeigt seine Pflaster und Pflästerchen, die Behelfsmäßigkeiten, aus denen ein Leben, zumindest wenn es noch nicht zum Mythos geworden ist, besteht.
Die Liste des gestrigen Konsums ist schon eine kleine Form. Nach der Vergiftung folgt kein erhabener Bericht über das Dichterschicksal, sondern ein Inventar seiner sehr irdischen Bestandteile. Das Aufzählen hat Tempo, während der Körper offenbar keines mehr hat. Darin steckt die Selbstdistanz: Der Leidende bleibt der Beteiligte an dem Zustand, den er beklagt. Er kann sich nicht ganz zum unschuldigen Opfer seiner Empfindlichkeit ernennen, weil die Getränkekarte seiner eigenen Mitwirkung widerspricht. Der Leser muss nicht zwischen Mitleid und Spott wählen. Beides ist in derselben sprachlichen Bewegung möglich, und gerade das hält die Klage beweglich. Das ist kein Freispruch für die Verwrackung, aber auch keine Bußübung, bei der der gute Vorsatz den schlechten Morgen noch um eine Unwahrheit bereichert.
Lichtenberg, Nietzsche, Cioran, Pavese: Die Reihe bezeichnet keine Krankheit, die sich mit dem Dichtertum automatisch einstellen müsste, sondern verschiedene Arten, unter Druck Sprache zu gewinnen. Entscheidend ist hier nicht, wer am meisten gelitten hat. Eine Rangliste der Gebrechen könnte über die Literatur nichts entscheiden. Interessant wird vielmehr, was ein Text mit der Zumutung macht: ob er scharf beobachtet, sich selbst anklagt, gegen die eigenen Zustände angeht oder den Leser nur als Zeugen seiner Besonderheit verpflichtet. Rühmkorfs Spott verhindert die Erhebung der Beschwerden in einen Adelstitel. Seine Pflästerchen bleiben Behelfe. Gerade diese Weigerung, aus jedem Schmerz Größe zu destillieren, gibt den schmerzhaften Einzelheiten ihr literarisches Gewicht.
Wie nahe sich Körper, Arbeit und Beobachtung kommen, zeigt die von der Bochumer Deutschlandforschung angeführte Tagebuchstelle zum Jahreswechsel 1989/90: Beim Suchen in Unterlagen schneidet sich Rühmkorf an Fotopapier in den rechten Mittelfinger. Ausgerechnet der Tippfinger ist getroffen. Zugleich hat er Lakritz im Mund und registriert: „etwas schmerzt und etwas schmeckt“. Der kleine Unfall wird durch diese doppelte Wahrnehmung genauer, nicht bedeutungsschwerer. Schmerz und Genuss laufen gleichzeitig; die Empfindung gehorcht keiner sauberen Einteilung in gute und schlechte Stunden. Und der Körper erscheint als Voraussetzung der Arbeit, die ihn beschreiben soll. Das Private wird hier für einen fremden Leser zugänglich, weil die Notiz einen Zusammenhang sichtbar macht, den man ohne sie leicht überginge.
Aber das ist nicht alles, was der Dichter zu berichten weiß. Wie sagt Rühmkorf? "Ja posthum, da könnte ich viel erzählen!" Immerhin gelingt ihm dies zu Lebzeiten auch schon. Zwischen Begegnungen, Reisen, Speisenkarten, Rezepten, Lektüren, Fernsehen ("In-Ferno") hat Rühmkorf alle Augen und Ohren voll zu tun. Ein Kessel Buntes aus Aphorismen, Beobachtungen mit Tiefenschärfe, aber eben auch Alltäglichkeiten bis hin zum Blumengießen - Rühmkorf rekapituliert seine wachen Tage so fröhlich-unfröhlich und disparat wie das Leben nun mal ist. Und späte Dichter können alles brauchen, was im Alltagsgebrauch der Zeitgenossen oft vorschnell auf dem Sperrmüll der persönlichen Geschichte landet.
Die Speisenkarte, das Fernsehen und das Blumengießen sind deshalb keine bloßen Pausen zwischen den literarisch bedeutenden Verrichtungen. In ihnen setzt sich dasselbe Leben fort, das andernorts nach seinem Sinn fragt. Beim Blumengießen ist etwas fällig, auch wenn der Weltlauf gerade keine vernünftige Antwort zulässt. Eine Lektüre kann nachwirken, während eine Kleinigkeit erledigt wird; eine Sendung kann den Tag besetzen, ohne dass man ihr diese Bedeutung freiwillig verliehen hätte. Das Tagebuch muss solche Übergänge nicht nachträglich zu einem mustergültigen Tagesplan ordnen. Es gewinnt seine Form dadurch, dass der Blick wiederkehrt: neugierig, gereizt, genießend, spöttisch, manchmal in einem Atemzug. Das Nebeneinander bleibt bestehen, aber es ist nicht gleichgültig geworden.
Schon das „In-Ferno“ gibt einer alltäglichen Verrichtung einen zweiten Klang. Im Fernsehen sitzt eine Hölle, ohne dass dafür erst ein Traktat über das Fernsehen eröffnet werden müsste. Solche Verdichtungen unterscheiden den Kessel Buntes vom bloßen Ausschütten einer Schublade. Der Einfall leuchtet kurz auf und lässt die übrigen Dinge doch weiter vorhanden sein. Auch der posthume Erzähler ist ein hübsches unmögliches Arrangement: Alle Hemmungen wären beseitigt, nur der Erzähler selbst stünde nicht mehr zur Verfügung. Indem Rühmkorf diese Befreiung zu Lebzeiten ausspricht, führt er die verbleibenden Hemmungen mit vor. Die Offenheit des Tagebuchs wird dadurch interessanter als die Versicherung, hier werde nun endlich alles gesagt. Sie zeigt einen Menschen beim Erzählen, einschließlich dessen, was ihn daran hindert.
Das rechtfertigt den Rang dieser Diarien. Die sprachliche Arbeit macht das Durcheinander nicht nachträglich ordentlich, sondern in seinen Beziehungen erfahrbar. Sie gibt dem Leser Nähe, ohne ihm Vertraulichkeit abzuverlangen, und sie lässt den Autor sich selbst im Wege stehen, ohne ihn dadurch aus seinem Text zu vertreiben. Im Goldschnitt würde eine solche Beweglichkeit leicht wie ein fertiger Besitz aussehen. Beim Lesen ist sie dagegen eine Tätigkeit, die sich immer neu an einem Anlass entzündet. Die großen Fragen werden nicht abgearbeitet; sie kehren zwischen den kleinen Verrichtungen wieder und bekommen durch diese Nachbarschaft ihren Ernst.
So hat dieser Mann zwar trotz seiner siebzig Jahre noch kein Oeuvre, das ledergebunden im Goldschnitt Schrankwände verzieren könnte, aber wenn weitere Tagebücher folgen, könnte ihm selbst das noch gelingen. Sein erstes Tagebuch ist es jedenfalls wert, in die Geschichte der wichtigen europäischen Tagebücher eingereiht zu werden - auch wenn er für diese Feststellung vermutlich nur gelinden Spott übrig hätte. Aber zuletzt lacht immer die Geschichte.
Zur zeitlichen Einordnung: Die Besprechung blickt auf Rühmkorfs Tagebuch aus der Perspektive vor den späteren Bänden. TABU I erschien zuerst 1995, die hier genannte Taschenbuchausgabe 1997. TABU II mit den Tagebüchern 1971–1972 folgte 2004.
