Die verlorene Welt der Kinder
Erinnerung, Spiel und die Erfindung der Wirklichkeit
Der blinde Anfang
Jeder Erwachsene ist einmal ein Kind gewesen, und doch gehört dieser Zustand zu den fremdesten Erfahrungen seines eigenen Lebens. Wir wissen, dass wir dort gewesen sind. Wir besitzen Namen, Daten, Bilder und Geschichten; wir können das Haus zeigen, in dem wir aufwuchsen, vielleicht noch das Zimmer beschreiben, in dem wir schliefen, und manche erinnern sich an den Geruch eines Schranks genauer als an die Gesichter von Menschen, die täglich um sie waren. Aber dieses Wissen täuscht eine Nähe vor, die es nicht gibt. Was wir Kindheit nennen, ist größtenteils die Erinnerung eines Erwachsenen an Dinge, die einem Kind widerfahren sind. Wie es war, als Kind überhaupt eine Welt zu haben, entzieht sich uns.
Unser Leben beginnt folgerichtig mit einem Ereignis, das uns vollständig betrifft und von dem wir nichts wissen: der eigenen Geburt. Andere haben sie erlebt, manchmal unter Schmerzen, manchmal unter Angst und Hoffnungen, immer aber mit einer Aufmerksamkeit, zu der derjenige, um den es ging, noch keinen Zugang hatte. Man erzählt uns später, wann wir geboren wurden, wie groß wir waren, ob wir schrien, schliefen oder mit jenem ernsten Gesicht in die Welt blickten, das Erwachsene auf Säuglingsfotos gern als frühen Charakterzug deuten. Unser autobiographisches Bewusstsein setzt erst ein, als das Entscheidende längst geschehen ist. Der Anfang des eigenen Lebens ist eine Fremdüberlieferung.
Darin liegt mehr als eine Kuriosität des Gedächtnisses. Es bedeutet, dass unsere Biographie nicht mit einer eigenen Erinnerung beginnt, sondern mit einem Archiv, das andere für uns angelegt haben. Noch ehe wir erzählen können, sind wir erzählt worden. Die Eltern bewahren das erste Kleidungsstück auf, eine Locke, ein Armband aus der Geburtsklinik, später die ersten Zeichnungen und die merkwürdigsten Aussprüche. Sie kennen Szenen, in denen wir die Hauptfigur waren und von denen wir selbst nicht die geringste Vorstellung besitzen. Wir treten also in unser eigenes Leben zunächst als eine Person ein, über die es bereits Geschichten gibt. Das Ich kommt verspätet zu seiner Biographie.
Auch die frühesten Erinnerungen schaffen keine verlässliche Grenze. Oft weiß man nicht, ob man eine Szene tatsächlich erinnert oder nur das Foto kennt, das von ihr aufgenommen wurde. Vielleicht stand man im Garten neben einem Planschbecken. Vielleicht besitzt man aber lediglich das Bild dieses Kindes, hat es oft betrachtet und die Erzählungen der Eltern so gründlich aufgenommen, dass aus fremder Überlieferung eine scheinbar eigene Erinnerung wurde. Das Gedächtnis führt keine Herkunftsnachweise. Es mischt Wahrnehmungen, Bilder und Erzählungen, bis niemand mehr sagen kann, welcher Anteil wirklich erlebt und welcher später ergänzt worden ist.
Und selbst dort, wo die Erinnerung unzweifelhaft scheint, bleibt das Entscheidende verloren. Wir können uns an ein Spielzeug erinnern, aber kaum daran, was ein Spielzeug damals war. Wir sehen das frühere Kinderzimmer vor uns, doch wir können seine Größe nicht mehr empfinden, denn der Körper, dem es riesig erschien, existiert nicht mehr. Wir erinnern Weihnachten, den Baum, das Papier, vielleicht eine bestimmte Eisenbahn oder ein bestimmtes Auto. Aber lässt sich die ungeheure Ausdehnung jener Erwartung zurückholen, in der ein einziger Abend das ganze Jahr an sich zog? Der Erwachsene betrachtet die Gegenstände seiner Kindheit von außen. Das Kind lebte in ihnen.
Kindheit ist deshalb nicht nur eine vergangene Lebensphase. Sie ist eine verlorene Form des Weltverhältnisses. Der Erwachsene hat gelernt, was die Dinge sind, wozu sie dienen und was von ihnen vernünftigerweise zu erwarten ist. Das Kind trifft auf eine Welt, deren Bedeutungen noch nicht fest geworden sind. Es muss ihre Ordnung lernen, doch während es sie lernt, bleibt sichtbar, dass sie auch anders sein könnte. Im Kinderzimmer war nicht nur der Raum größer. Auch die Dinge hatten mehr Platz in sich.
Die kleine verfügbare Welt
Ein Matchbox-Auto lag in der Hand und enthielt dennoch eine ganze Verkehrsordnung. Es brauchte keine maßstabgerechte Stadt. Eine Tischkante genügte als Gebirge, der Teppich wurde zur Landschaft, zwei Bücher bildeten eine Garage, und ein Linienmuster im Fußboden konnte ohne größere administrative Vorbereitungen in ein Straßennetz verwandelt werden. Das kleine Auto war nicht bloß die Nachbildung eines großen. Gerade weil es klein war, machte es die große Welt verfügbar. Man konnte Straßen besitzen, Städte bauen, Unfälle verursachen und ihre Folgen durch einen Handgriff beseitigen. Was draußen unerreichbar und von Erwachsenen reglementiert war, gehorchte hier den Fingern.
Ähnliches geschah mit Puppen, Kaufläden und Modelleisenbahnen. Sie wiederholten die Welt nicht einfach, sondern veränderten ihre Machtverhältnisse. Im Kaufladen konnte ein Kind verkaufen, Preise festsetzen und Geschäfte eröffnen, obwohl es im wirklichen Laden kaum über die Höhe der Theke hinaussah. Die Puppe war Kind und Gegenüber, Schutzbefohlene und gelegentlich Opfer einer Behandlung, die man am eigenen Leib energisch zurückgewiesen hätte. Im Spiel wurde die Welt verkleinert, damit man über sie verfügen konnte; zugleich wurde sie vergrößert, weil jeder unscheinbare Gegenstand mehr Möglichkeiten besaß als in seinem gewöhnlichen Gebrauch.
Das galt besonders für die frühen Legosteine. Sie waren nicht schön im Sinne einer perfekten Nachahmung. Ihre Abstraktion war ihre Großzügigkeit. Derselbe Stein konnte in einem Haus stecken, am nächsten Tag Teil eines Fahrzeugs und kurz darauf Bestandteil eines Raumschiffs sein, für dessen technische Funktionsweise sich kein Erwachsener hätte verbürgen wollen. Was fehlte, musste erfunden werden. Gerade die Unvollständigkeit des Materials setzte die Phantasie nicht herab, sondern setzte sie in Tätigkeit.
Moderne Fertigsets können großartig konstruiert, detailreich und verführerisch sein. Es wäre billig, aus jeder Spezialfigur und jedem genau bezeichneten Bauteil den Untergang der kindlichen Kreativität abzuleiten. Auch mit vorgefertigten Welten lässt sich eigensinnig spielen, und Kinder besitzen eine bemerkenswerte Begabung, selbst Bedienungsanleitungen zu missverstehen. Dennoch verändert sich etwas, wenn das Spielzeug das Szenario bereits mitliefert. Wo früher einige Steine lagen, stehen nun Figuren mit Biographie, Fahrzeuge mit festgelegter Funktion und Gebäude, deren Vollendung an einer nummerierten Folge von Handgriffen hängt. Die Phantasie bekommt eine Bedienungsanleitung. Sie darf sich entfalten, aber möglichst innerhalb einer lizenzierten Welt.
Der Spielwert kann dadurch sinken, dass das Spielzeug vollkommener wird. Je genauer die kleine Welt der großen gleicht, desto weniger muss das Kind hinzufügen. Ein einfach gezeichnetes Kinderbuch konnte wirklichkeitsmächtiger sein als später ein gefeiertes Werk des Realismus, nicht weil seine Darstellung genauer gewesen wäre, sondern weil der kindliche Betrachter das Fehlende mit einer Intensität ergänzte, die dem Erwachsenen abhandengekommen ist. Der Realismus lag nicht allein im Werk. Er entstand zwischen dem Dargestellten und einem Rezipienten, der aus wenig sehr viel machen konnte.
Eine Geschichte der großen Rezipienten ist nie geschrieben worden. Die Geschichte der Kunst ehrt die Schöpfer, die Werke, Schulen und Techniken. Sie spricht seltener von der Fähigkeit, eine dürftige Zeichnung, eine schlichte Erzählung oder ein kleines Metallauto mit Welt anzureichern. Das Kind ist möglicherweise der radikalste Rezipient überhaupt. Es nimmt das Angebot eines Gegenstands nicht nur an, sondern überschreitet es ohne Bedenken. Der Stock ist kein schlecht gearbeitetes Schwert. Er ist ein Schwert, solange das Spiel ihn braucht, und im nächsten Augenblick etwas anderes. Der Karton wartet nicht auf seine Entsorgung. Er kann Haus, Schiff oder Gefängnis sein, manchmal alles innerhalb einer Viertelstunde.
Die Bedeutungen der Dinge sind in dieser Welt provisorisch. Das macht sie nicht friedlich. Mit Spielzeug werden nicht nur Häuser gebaut, Familien gegründet und Waren verkauft; es werden Kriege geführt, Katastrophen inszeniert und Herrschaftsverhältnisse ausprobiert. Kinder erfinden keine moralisch gereinigte Gegenwelt. Sie eignen sich die wirkliche Welt mit ihren Wünschen und Ängsten, ihrer Zärtlichkeit und Gewalt an. Gerade darin ist das Spiel ernst: Es erlaubt Probehandlungen, für die das Leben keine folgenlose Versuchsanordnung bereithält.
Der Erwachsene, der später die Spielzeuge seiner Kindheit wieder kauft, sucht deshalb nicht unbedingt nur einen Gegenstand. Modelleisenbahnen, alte Autos, Legosets und Sammlerfiguren versprechen einen Zugang zu der verschwundenen Fähigkeit, in einer kleinen Welt eine große zu sehen. Doch der Gegenstand ist zurückgekehrt, nicht der damalige Blick. Das Kind nahm die Miniatur, um die große Welt imaginativ zu erobern. Der Erwachsene wendet sich ihr womöglich zu, weil die große Welt ihm längst entglitten ist. Der Modelleisenbahner wird zum Bahnhofsvorsteher eines Reiches, in dem Züge nach seinem Willen fahren und Verspätungen durch einen Handgriff behoben werden. Das besitzt eine leise Komik, aber nichts Lächerliches. Es ist der ernsthafte Versuch, wenigstens für Stunden eine Welt zurückzugewinnen, in der Möglichkeit und Verfügung noch nicht vollständig auseinandergetreten waren.
Doch über eine kleine Welt verfügen kann nur, wer gelernt hat, in ihr das meiste zu übersehen. Das Matchbox-Auto gehorcht jedem Handgriff; ein wirkliches Fahrzeug verlangt eine ganz andere Kunst. Es verlangt die Fähigkeit, aus der Überfülle der Welt gerade so viel auszuwählen, wie das Handeln verträgt.
Die Kunst, zu viel zu sehen
Ich erinnere mich an ein Kind, das mit seinem Vater Autoscooter fuhr. Die Szene müsste eigentlich ein Fest der Steuerung sein: Lenkrad, Pedal, Geschwindigkeit, Zusammenstoß. Aber für das Kind geschah zu viel. Die anderen Wagen, die Lichter, die Musik, das Kreischen, der eigene Vater, die Menschen am Rand und jede unerwartete Bewegung verlangten gleichzeitig Aufmerksamkeit. Es lenkte nicht im erwachsenen Sinn. Es wurde von der Welt gelenkt, weil jeder ihrer Reize ein gleichberechtigtes Anrecht auf Wahrnehmung zu besitzen schien.
Ein Erwachsener fährt Auto, weil er gelernt hat, fast alles nicht zu sehen. Er nimmt Verkehrszeichen, Abstände, Bewegungen und mögliche Gefahren wahr, aber er registriert nicht jede Farbe einer Hausfassade, nicht jedes Gesicht auf dem Gehweg und nicht jede Spiegelung in einer Scheibe. Seine Aufmerksamkeit ist leistungsfähig geworden, weil sie auswählt. Sie schützt das Handeln vor der Überfülle der Welt. Der geübte Fahrer sieht weniger als das Kind und kommt gerade deshalb ans Ziel.
Das Erwachsenwerden besteht zu einem beträchtlichen Teil in dieser Einübung des Nichtwahrnehmens. Wir lernen, Relevantes vom Irrelevanten zu unterscheiden, und vergessen dabei, dass diese Unterscheidung nicht in den Dingen selbst geschrieben steht. Was für die Fortbewegung störend ist, kann für das Erleben entscheidend sein. Das Kind am Lenkrad scheitert an einer Aufgabe, weil es zu viel sieht; zugleich besitzt es eine Wahrnehmungsintensität, die der Erwachsene nur noch in seltenen Augenblicken erreicht, wenn eine Landschaft, ein Kunstwerk oder ein Schreck die routinierten Filter durchbricht. Handlungsfähigkeit beginnt mit einer Verarmung, die wir Fortschritt nennen dürfen, weil wir ohne sie nirgendwohin kämen.
Auch die Sprache wird zunächst nicht einfach übernommen. Ein Kind, das ein verbotenes Wort nur halb ausspricht, prüft nicht allein seinen Wortschatz. Es experimentiert mit Macht, Sanktion und Bedeutung. Wie viel vom Wort muss hörbar werden, damit das Verbot gilt? Genügt die Absicht? Kann man die Erwachsenen dadurch reizen, dass man sich auf den Rand des Erlaubten stellt und behauptet, man habe die Grenze gar nicht überschritten? Kinder lernen Regeln, indem sie ihre Reichweite testen. Sie betreiben Grundlagenforschung mit denkbar eigennützigen Versuchsanordnungen.
Dasselbe geschieht in den eigenwilligen Kategorien, mit denen sie die Welt ordnen. Die Einteilung aller Dinge in „kaputt“ und „nicht kaputt“ mag Erwachsenen grob erscheinen, besitzt aber eine bestechende Reichweite. Spielzeug kann kaputt sein, eine Tasse, ein Fernseher, ein Knie und womöglich auch eine Stimmung. Die Kategorie verbindet Materielles und Seelisches, Funktionsverlust und Verletzung, ohne sich um die Zuständigkeitsbereiche erwachsener Begriffe zu kümmern. Sprache beginnt nicht als präzise Vermessung einer fertigen Welt. Sie ist ein Werkzeug, mit dem das Kind prüft, welche Welt sich herstellen lässt.
Der Erwachsene kennt die Regeln irgendwann so gut, dass er ihre Kontingenz vergisst. Man steht in einer Schlange, unterschreibt Formulare, benutzt Wörter in den vorgesehenen Zusammenhängen und hält viele menschliche Vereinbarungen für Eigenschaften der Wirklichkeit. Das Kind muss sich an diese Ordnung anpassen, erkennt aber während der Anpassung noch, dass sie gemacht ist. Es befindet sich innerhalb und außerhalb der Regeln. Es gehorcht ihnen, hintertreibt sie und erfindet Ausnahmen, die vor allem ihm selbst zugutekommen. Darin liegt keine angeborene Weisheit. Kinder können ihre Verhandlungen mit der Welt mit der Selbstlosigkeit eines absolutistischen Herrschers führen. Doch sie glauben noch nicht vollständig an die Endgültigkeit dessen, was ihnen vorgesetzt wird.
Eine solche Offenheit darf nicht mit moralischer Reinheit verwechselt werden. Ich erinnere mich an ein Kind, das einen Käfer zertreten wollte und wütend wurde, als man es daran hinderte. Das Tier war kein Gegenstand andächtiger Naturbeobachtung, sondern etwas Kleines, über das sich Macht ausüben ließ. Kinder können grausam, egoistisch, tyrannisch, gelangweilt und destruktiv sein. Wer Kindheit zum verlorenen Paradies erklärt, muss einen beträchtlichen Teil wirklicher Kindheit unterschlagen.
Gerade deshalb ist ihre philosophische Bedeutung interessanter als jede sentimentale Verklärung. Kinder sind nicht bessere Menschen. Sie leben nur in einer weniger sedimentierten Welt. Auch Macht, Mitleid und Grausamkeit werden erprobt, ehe sie sich zu Haltungen verfestigen. Der Käfer ist gefährdet, weil seine Bedeutung noch nicht gesichert ist: Lebewesen, Spielobjekt, Hindernis, Anlass zu Neugier oder Gelegenheit, eine Wirkung hervorzurufen. Der Erwachsene, der eingreift, vermittelt nicht nur eine moralische Regel. Er versucht, eine Bedeutung verbindlich zu machen.
Solche Bedeutungen entstehen aber nicht allein durch Verbote und Erklärungen. Sie entstehen ebenso durch Geschichten und Erwartungen. Wo ein Stock zum Schwert werden kann, kann ein Wald voller Gefahren sein; wo ein Karton ein Haus wird, kann Heimkehr mehr bedeuten als die Rückkehr an eine Adresse. Die kindliche Welt ist nicht nur offen für Dinge. Sie ist offen für Erzählungen, die nicht bloß von der Wirklichkeit handeln, sondern ihr erst eine Gestalt geben.
Märchen, Weihnachten und die Größe der Erwartung
Märchen gehören zu dieser unfertigen Welt nicht deshalb, weil Kinder angeblich das Unwirkliche lieben. Für sie ist die Grenze zwischen wirklich und unwirklich ohnehin anders gezogen. Märchen ordnen Erfahrungen, die real genug sind: Gefahr, Verlust, Verlassenwerden, Verwandlung, Prüfung, Rettung und Heimkehr. Ihre Wälder sind finster, ihre Eltern bisweilen abwesend oder hilflos, ihre Stiefmütter mörderisch und ihre Strafen von einer Konsequenz, die jede moderne Erziehungsberatung beunruhigen müsste. Das Kind begegnet in ihnen keiner heilen Welt. Es begegnet einer Welt, in der Ängste Gestalt annehmen und deshalb erzählbar werden.
Die Frage lautet also nicht nur, ob Menschen Märchen brauchen, sondern welche Märchen sie brauchen. Jede Zeit erzählt ihren Kindern, wovor man sich fürchten, worauf man hoffen und wodurch man gerettet werden könne. Auch die technisch perfekteste Unterhaltung kommt ohne solche Ordnungen nicht aus. Sie tauscht höchstens Wald, Hexe und verwunschenes Schloss gegen andere Bilder aus. Märchen sind keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie zeigen, dass Wirklichkeit immer schon durch Geschichten bewohnbar gemacht wird.
Was das Märchen für die Angst leistet, vermag Weihnachten für die Erwartung. Auch hier kommentiert eine Erzählung nicht einfach ein bevorstehendes Ereignis. Sie bringt dieses Ereignis überhaupt erst hervor. In der Erinnerung besteht Weihnachten weniger aus dem, was tatsächlich geschah, als aus der Erwartung dessen, was geschehen sollte. Wochenlang verdichteten sich Wünsche, Gerüche, Verbote und Vermutungen. Türen blieben geschlossen, Pakete wurden versteckt, Erwachsene sprachen in einer auffälligen Unauffälligkeit miteinander. Ein Abend erhielt eine Größe, die kein Kalenderdatum eines Erwachsenen mehr besitzt.
Was später als Familienritual erscheint, war damals eine umfassende Wunschproduktion. Es ging nicht nur darum, was man bekommen würde. Auch die Familie selbst sollte an diesem Abend so sein, wie sie in der Erwartung bereits entworfen worden war. Alles sollte stimmen: das Licht, die Stimmung, die Geschenke und die Aufmerksamkeit der anderen. Je größer die Erwartung, desto deutlicher konnte die Wirklichkeit neben ihr sichtbar werden. Ein falsches Geschenk, ein Streit oder die schlichte Erschöpfung der Erwachsenen genügte, um eine Enttäuschung hervorzurufen, deren Ausmaß aus der Sache allein nicht zu erklären war. Enttäuscht wurde nicht nur ein Wunsch. Für einen Augenblick misslang eine ganze Welt.
Der Erwachsene rekapituliert an Weihnachten oft seine früheren Wünsche. Er kauft Dinge für Kinder und erinnert sich dabei an das, was er selbst ersehnte, bekam oder nie bekam. Die Gegenwart wird von alten Festen durchzogen, ohne dass sich deren Intensität wiederherstellen ließe. Man weiß, wie Weihnachten abläuft. Gerade dieses Wissen nimmt ihm jene unermessliche Offenheit, die es einmal besaß. Das Kind wartet nicht bloß auf Geschenke. Es wartet darauf, dass die Welt für einen Augenblick vollkommen mit seiner Vorstellung übereinstimmt.
Später bleiben Gegenstände und Bilder zurück: das Foto vor dem Baum, ein verwackelter Film, ein Spielzeug, dessen damalige Kostbarkeit sich seinem heutigen Anblick nicht mehr entnehmen lässt. Die Erwartung selbst wurde nicht aufgenommen. Auf dem Bild sieht man das Kind neben seinen Geschenken. Man sieht nicht die Welt, die dieses Kind ihnen vorausgeschickt hatte.
Erinnerungsmaschinen
Vielleicht versuchen wir deshalb so beharrlich, Kindheit festzuhalten. Früher gab es einige Fotografien, oft feierliche Inseln in einem ansonsten unaufgezeichneten Leben. Dann kam Super-8. Bewegungen blieben erhalten, allerdings stumm, flackernd und durch die Kostbarkeit des Filmmaterials begrenzt. Später folgten Video, Digitalkamera und Smartphone. Heute kann ein Kinderleben nahezu lückenlos dokumentiert werden: das erste Lächeln, der erste Schritt, der erste Schultag, jeder Geburtstag, jede Aufführung und dazwischen zahllose Augenblicke, die früher vergangen wären, ohne eine Datei zu hinterlassen.
Damit scheint sich ein alter Wunsch zu erfüllen. Nichts soll verloren gehen. Die Eltern legen Erinnerungsbibliotheken an, in denen das Kind eines Tages nachsehen kann, wer es gewesen ist. Doch je vollständiger das Archiv wird, desto größer wird sein Einfluss auf die Erinnerung. Wer eine Szene oft als Film gesehen hat, erinnert irgendwann nicht mehr das Ereignis, sondern dessen aufgezeichnete Perspektive. Die Kamera stand an einem bestimmten Ort, wählte einen Ausschnitt und ließ alles außerhalb des Bildes verschwinden. Später übernimmt das Gedächtnis diesen Ausschnitt, als wäre er das Erlebnis selbst gewesen. Die technische Aufnahme wird zur inneren Einstellung.
Das Bild bewahrt einen Augenblick, aber es bewahrt ihn auf seine Weise. Es zeigt den sichtbaren Raum, nicht seine damalige Größe. Das Kinderzimmer bleibt auf dem Foto so viele Quadratmeter groß; dass es für den kleinen Körper eine Landschaft war, lässt sich nicht mitfotografieren. Das Matchbox-Auto erscheint als Gegenstand von wenigen Zentimetern; die Stadt, die es enthielt, bleibt unsichtbar. Auf dem Film bewegt sich das Kind durch eine Welt, deren Bedeutungen die Kamera nicht kennt.
Die Aufzeichnung bewahrt und verdrängt zugleich. Sie rettet Gesten, Stimmen und Gesichter vor dem Verschwinden, kann sich aber zwischen uns und das Vergangene schieben. Je mehr Bilder wir besitzen, desto größer wird die Gefahr, dass wir irgendwann nicht mehr die Kindheit erinnern, sondern nur noch ihre Dokumentation. Die nahezu vollständige Aufzeichnung stellt die verlorene Wahrnehmungsform nicht wieder her. Man sieht das Kind, aber man sieht nicht, wie dieses Kind sah.
Gerade hier kehrt der blinde Anfang zurück. Die Geburt war immer schon fremdüberliefert. Nun droht ein größerer Teil des Lebens denselben Charakter anzunehmen. Andere haben die Bilder gemacht, ausgewählt, gespeichert und kommentiert. Das Kind findet später eine Vergangenheit vor, die bereits geschnitten und beschriftet worden ist. Seine Biographie beginnt nicht nur mit einem Archiv; sie könnte zunehmend mit ihm verschmelzen. Was lückenlos dokumentiert wurde, scheint dem Gedächtnis keine Lücken mehr zu gestatten, obwohl gerade in ihnen die eigene Erinnerung hätte entstehen können.
Das ist kein Argument gegen Fotografien oder Filme. Ohne sie wären viele Züge geliebter Menschen unwiederbringlich verschwunden. Die Aufnahme eines Kindes, das sich bewegt, spricht oder lacht, besitzt für Eltern einen Wert, der sich durch Medientheorie kaum vermindern lässt. Aber Bilder halten Zeit anders fest als Erinnerung. Sie machen einen Augenblick wiederholbar, während seine Bedeutung sich mit jeder Wiederholung verändert. Das Kind auf dem Film bleibt gleich alt. Wer es betrachtet, nicht.
So sind die Erinnerungsmaschinen nicht nur Speicher der Kindheit. Sie gehören zur eigentümlichen Zeit der Eltern, in der ein vergangenes Kind sichtbar gegenwärtig bleibt, während das wirkliche sich immer weiter von seinem Bild entfernt.
Die Gleichzeitigkeit der Kinder
Eltern sehen in einem Kind nie nur den Menschen, der vor ihnen steht. Sie sehen ihre eigene Vergangenheit, manchmal die eigenen Eltern und die Wiederkehr von Familienmustern, die sie fortsetzen oder endlich unterbrechen wollten. Sie sehen Möglichkeiten, die ihnen selbst verschlossen blieben, und eine Zukunft, an der sie nur noch mittelbar teilnehmen werden. Das Kind ist Gegenwart und Zeitmaschine, eigenständiger Mensch und Projektionsfläche. Gute Elternschaft besteht womöglich auch darin, diese Projektionen zu erkennen, ohne sich einzubilden, man könne auf sie verzichten.
Wer seine Kinder betrachtet, hofft gelegentlich, in ihnen einen Zugang zur eigenen Kindheit zu finden. Doch das eigene Kind ist kein Fenster in den verlorenen Zustand. Es kann den Abstand sogar sichtbarer machen. Man beobachtet die Intensität seines Spiels, seine Kategorien, Ängste und Verhandlungen, aber die erwachsene Beobachtung bleibt außerhalb. Selbst die zärtlichste Nähe hebt diese Fremdheit nicht auf. Das Kind erinnert den Erwachsenen daran, dass er einmal an einem Ort gewesen ist, den er nicht mehr betreten kann.
Für Eltern existieren dabei mehrere Zeiten gleichzeitig. Wir werden das Bild der Kinder unmittelbar nach ihrer Geburt nie ganz los. Ihr Erwachsenwerden besitzt deshalb gelegentlich etwas Unwahrscheinliches, beinahe den Charakter einer Lüge, obwohl jeder Tag seine Wahrheit bezeugt. Der erwachsene Sohn und die erwachsene Tochter sind im elterlichen Bewusstsein zugleich das Neugeborene, das Kleinkind und das Schulkind. Die früheren Gestalten verschwinden nicht. Sie legen sich übereinander wie Bilder, deren Durchsichtigkeit mit den Jahren zunimmt, ohne dass eines das andere vollständig verdeckte.
Das Gedächtnis widersetzt sich hier der Chronologie. Es weiß, dass das Kind gewachsen ist, und bewahrt doch den Körper, der getragen werden musste. Für das Kind ist Wachstum zunächst Gewinn: Es erreicht die Türklinke, darf allein gehen, lesen, fahren und entscheiden. Für die Eltern ist derselbe Vorgang ein fortgesetzter Verlust. Jede neue Fähigkeit macht eine Hilfe überflüssig, die kurz zuvor noch selbstverständlich war. Das Kind, das gestern getragen wurde, braucht morgen niemanden mehr, der es trägt. Darin liegt der Erfolg der Eltern und zugleich ihre stille Entlassung aus einem Amt, das ihnen niemand förmlich genommen hat.
Manchmal zeigt sich die Kontinuität unterhalb aller Veränderungen. Ein Sohn sang vor dem Einschlafen zunächst vor sich hin. Später sprach er, dann las er im Bett. Die Verfahren wechselten, doch das Bedürfnis blieb: Der Übergang vom Wachsein zum Schlaf musste gestaltet werden. Singen, Sprechen, Lesen, Musik und andere Rituale bilden kleine Brücken über den Moment, in dem das Bewusstsein seine Verfügung über sich selbst aufgibt. Vielleicht erkennt man eine Person weniger an ihren großen Entscheidungen als an solchen wiederkehrenden Gesten, die sich verwandeln und dennoch etwas bewahren.
Für Eltern werden diese unscheinbaren Übergänge zu Markierungen der Zeit. Man bemerkt oft erst im Nachhinein, dass ein Ritual zum letzten Mal stattgefunden hat. Es gab einen letzten Abend, an dem das Kind vor dem Einschlafen sang, aber niemand wusste, dass es der letzte war. Die entscheidenden Abschiede tragen keine Überschrift. Sie verstecken sich in der Alltäglichkeit, bis eine spätere Gewohnheit erkennen lässt, dass eine frühere verschwunden ist.
So wächst das Kind aus seinen Welten heraus, während die Eltern sie innerlich weiterbewohnen. Das alte Spielzeug bleibt im Schrank, das Foto zeigt einen längst vergangenen Körper, eine Melodie ruft einen Abend zurück. Doch auch die Eltern besitzen keinen Zugang zu dem, was diese Dinge damals für das Kind waren. Sie bewahren die äußeren Zeichen einer Erfahrung, deren Inneres ihnen ebenso fremd ist wie dem späteren Erwachsenen, zu dem dieses Kind wird. Die Hand, die das Kind nicht mehr tragen muss, kann seine Vergangenheit festhalten, aber nicht für es erinnern.
Aus dieser Gleichzeitigkeit bezieht die Aufforderung, wieder wie die Kinder zu werden, ihren Zauber. Der Erwachsene sieht im Kind nicht nur ein anderes Lebensalter. Er sieht eine Beziehung zur Welt, deren Verlust er empfindet, ohne ihren früheren Zustand noch genau zu kennen.
Werdet wie die Kinder?
„Werdet wie die Kinder“ ist ein Satz von großer Verführungskraft. Er scheint einen Weg aus der verhärteten Erwachsenenwelt zu weisen, zurück zu Spontaneität, Vertrauen und Offenheit. Doch wie sind Kinder? Wir können es nicht ermessen, weil wir diesen Zustand erlebt haben, ohne ihn in seiner Eigenart erinnern zu können. Was Erwachsene am Kind bewundern, ist häufig eine nachträgliche Auswahl: seine Phantasie ohne seine Rücksichtslosigkeit, seine Unmittelbarkeit ohne seine Wut, sein Vertrauen ohne seine Abhängigkeit.
Wir können nicht einfach wieder wie Kinder werden. Jeder ernsthafte Versuch gerät leicht zur Inszenierung eines Erwachsenen, der sich kindlich gibt und dabei sehr genau weiß, welche Wirkung er erzielen möchte. Wissen lässt sich nicht ablegen wie ein Mantel. Wer die Regeln durchschaut hat, kann nicht zu dem Zustand zurückkehren, in dem sie erst gelernt wurden. Auch das gekaufte Spielzeug, der frühere Weihnachtsbrauch und das wiederbesuchte Kinderzimmer stellen den verlorenen Blick nicht wieder her. Der Raum ist noch da; nur seine frühere Größe fehlt.
Dennoch enthält der Satz eine Herausforderung. Kinder leben in gesellschaftlichen Ordnungen, ohne vollständig in ihnen aufzugehen. Sie übernehmen Kategorien, aber ihre Fragen verraten, dass diese Kategorien nicht selbstverständlich sind. Sie kennen Regeln und hintertreiben sie. Sie benutzen Dinge und lösen sie zugleich von ihrem Gebrauch. Diese Entfernung zur festgelegten Welt ist philosophisch produktiv, gerade weil sie weder reine Unschuld noch überlegene Erkenntnis darstellt.
Erwachsenwerden bedeutet einen enormen Gewinn. Wir lernen Zusammenhänge, entwickeln Urteilsvermögen, übernehmen Verantwortung und werden handlungsfähig, weil wir nicht mehr auf jeden Reiz reagieren müssen. Wir können ein Fahrzeug steuern, einen Plan verfolgen, Gefahren abschätzen und zwischen einem Karton und einem Haus unterscheiden. Niemand sollte diesen Gewinn gering achten. Eine dauerhaft unfertige Welt wäre nicht nur reich an Möglichkeiten, sondern auch unerträglich unsicher. Das Kind im Autoscooter sieht zu viel, um sicher zu lenken; der Erwachsene erreicht sein Ziel, weil er den Lichtern, Gesichtern und Spiegelungen ihr gleiches Recht auf Aufmerksamkeit entzogen hat.
Doch der Gewinn hat einen Preis. Die Welt wird berechenbarer und zugleich ärmer an Möglichkeiten. Der Stuhl wird ein Stuhl, der Karton Verpackung, der Stock bleibt ein Stock, und die Regel erscheint schließlich wie ein Naturgesetz. Wir wissen immer genauer, was etwas ist, und bemerken immer seltener, dass es auch anders gesehen, gebraucht oder geordnet werden könnte. Unsere Wahrnehmung wird zuverlässig, weil sie das Mögliche zugunsten des Wahrscheinlichen aussortiert. Wir gelangen ans Ziel und können oft nicht mehr sagen, was wir unterwegs nicht gesehen haben.
Vielleicht lieben Erwachsene Kinder auch deshalb, weil diese eine Entfernung zur Welt besitzen, die wir selbst einmal besessen und verloren haben. Nicht ihre moralische Reinheit rührt uns, denn die gibt es nicht. Es ist die noch nicht abgeschlossene Übereinkunft mit der Wirklichkeit. In ihrer Gegenwart begegnen wir keinem früheren Ich, das sich zurückholen ließe. Wir begegnen dem Beweis, dass die Welt für einen Menschen einmal weniger endgültig sein kann.
Die Aufgabe des Erwachsenen besteht daher nicht darin, wieder Kind zu werden. Das wäre unmöglich und vermutlich auch nicht wünschenswert. Sie könnte bescheidener und schwieriger sein: das erworbene Wissen zu behalten, ohne jede Abweichung von ihm für Unsinn zu halten; Regeln zu kennen, ohne ihre Gemachtheit zu vergessen; aufmerksam handeln zu können, ohne alles zu übersehen, was dem Handeln gerade nicht dient.
Wir können die verlorene Welt der Kinder nicht wieder betreten. Das Kinderzimmer ist kleiner geworden, selbst wenn seine Wände unverändert stehen. Das Matchbox-Auto enthält keine Stadt mehr, das Foto zeigt nur noch, was vor der Kamera lag, und auf dem Autoscooter haben wir gelernt, dorthin zu sehen, wohin wir fahren. Der Stock war ein Schwert. Der Karton war ein Haus. Die Welt war nicht richtiger, gütiger oder wahrer. Aber sie hatte noch nicht aufgehört, mehr als eine zu sein.
Daran können wir uns nicht wirklich erinnern. Wir können nur verhindern, es vollständig zu vergessen.
Historisches Notat – ursprüngliche Fassung dieser Seite
Familienbande
Kinderkram
Pädagogik Geburt. Unbegreiflich für Menschen. Ein blinder Fleck.
Wir Säuglinge. Täglich neu genährtes Wissen. Wenn einer wachsen will, muss er dem Wissen folgen, das er bisher aus seiner Wahrnehmung verdrängt hat. Aber wie nimmt er seinen blinden Fleck wahr?
Eltern. Alter Bios. Hier steckt eine Schuld der Kinder, die nie überwunden wird.
Patriarchal. Im Zeichen des Vaters wurden wir zu dem, was wir sind. Wir sind nicht mehr bereit, zu den Leuten zu werden, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben. Wie viel weniger als verlorene Söhne und schwarze Schafe in der Psychiatrie zu enden. Kontinuierlich werden die wohlfeilen Persönlichkeitshorizonte abgebaut, mögen auch noch so viele Ersatzidentitäten für Kurzzeitexistenzen bereitgehalten werden.
Aufzeichnungen. Mit Fotografie und Video markieren wir unsere Biografie. Je einfacher die Aufzeichnungssysteme wurden, je nachhaltiger wurden Konserven des passierten Lebens hergestellt. Erinnerungsbibliotheken für jedermann entstehen. Fröhliche Zeiten für die Psycho-Ingenieure, wenn zukünftig Klein Hänschens frühe Deprivationen kinematografisch rekonstruiert werden können, jede Neu- und Altrose auf den Bildpunkt elterlichen Versagens gebracht werden kann. Kein großer Schritt trennt uns mehr von der filmischen Totalerfassung jeder Lebensregung. So werden wir im quälenden Detail wissen, warum wir wurden, was wir sind oder - in der Mehrzahl der Fälle - nicht sind. Die sinnlos verheizte Lebenszeit, die vielen Momente des alltäglichen Nichts werden zu beredten Zeitzeugen, Mahnung und Abrechnung.
Provokation. Ein Zweijähriger provoziert seine Mutter: "Schei..., Schei..., Schei...". Er kennt schon verbotene Wörter und spielt mit der Semantik. Er spricht nicht aus, um auszusprechen und sich doch jeder Sanktion zu entziehen. Nicht immer vermeidet man mit dieser Technik Ohrfeigen.
Sinnkrise. Die von Nietzsche beschworene Sinnkrise findet nicht statt. So wie die Verhältnisse nach Brecht in die Funktionale gerutscht sind, so rutscht die Sinnsuche ins Unbewusste ab, wabert ein wenig, um dann vollends im neuen Identitätsdesign zu verschwinden.
Väter. Die Rolle ist inzwischen schwach besetzt. Wie lässt sich heute noch Erfahrung vermitteln? Wir werden alte Schwätzer mit rostigen Erinnerungen.
Mutter. Intrauterine Sicherheitszone - aber nur vorläufig. Die Enttäuschung über die Mutter schreit nach Rache. Wenn alle Aggression zuletzt Enttäuschung wäre. Diesen Konstruktionsfehler der besten aller möglichen Welten mahnen wir an.
Intimitätskiller. Massenmedien schnorcheln sich in die Intimität der Familien ein. Kein Zweifel: Repressionsagenturen, die Ehefrauen und Kinder misshandeln, müssen geoutet werden. Aber was ist mit familiären Arrangements, die keine gesellschaftlichen Agenturen zur Produktion botmäßiger Mitglieder sein wollen. Die Familie konstituiert sich als Durchzugsfeld gesellschaftlicher Imperative und zugleich als deren Abwendung. Familienstrukturen bleiben ambivalent, um die Identität des Individuums zu sichern. Gegen die Gesellschaft und mit der Gesellschaft werden Familienbande geknüpft. Diese fragile Struktur gilt es zu erhalten.
Kaputt. Ein kleiner Junge lernte als eine der ersten Vokabeln das Wort "kaputt". Die Welt teilte sich in "kaputt" und nicht kaputt. Dieses Unterscheidungsparadigma bleibt vielen geläufig. Mit dem Alter wächst das Wissen um die "Kaputtheit", zugleich aber die Bereitschaft, sich damit abzufinden. Die Verantwortung für das Weltganze nimmt mit zunehmendem Lebensalter ab. Politiker suggerieren den Glauben an die bessere Zukunft lediglich. Zumeist sind sie aber längst dem bedingungslosen Glauben an die Unveränderlichkeit der Welt anheim gefallen.
Kinder. Kleine Teufel, die den Glauben an eine harmonische Hölle vermitteln. Welches Bild übertrifft die Ansicht eines Kleinkindes, das mit einem übergroßen Bademantel durch die Wohnung läuft? Spinatschlachten und zerrissene Bücher.
Käfer. Ein Kind will einen Käfer zertreten. Es wird wütend, weil es davon abgehalten wird. Welch ein Machtverlust. Wären die Erwachsenen Käfer, würde das Kind die zertreten. Wie gut, dass nicht jeden Morgen die Größenverhältnisse neu verteilt werden.
Gute Nacht. Die Walgesänge eines einschlafenden Kindes. Pazifische Weite und Urvertrauen in einem kleinen Körper. Nachtrag: Unser Sohn Leonard sang stundenlang, bevor er sprechen konnte. Als er der Sprache mächtig war, brabbelte er - sich in den Schlaf wiegend - endlos. Heute liest er ohne Unterbrechung, bevor er einschläft. Das wäre eine Monografie: Menschen und ihre Einschlafhilfen.
Traum. Vielleicht ist der Traum der Vater aller Dinge.
Werdet wie die Kinder. Aber wie sind Kinder? Das können wir nicht ermessen, weil wir den Zustand erlebt haben, aber nicht erinnern.
Märchen. Nicht nur Kinder brauchen Märchen - so will es der Gemeinplatz. Aber wenig behandelt ist die Frage, welche Märchen wir brauchen und welche wir lieber vergessen.
Kinder. Wir werden nie das Bild der Kinder unmittelbar nach der Geburt los. Ihr Erwachsenwerden eine Lüge?
Weihnachten. Alle Erinnerungen sind zuvörderst Rekapitulationen von Wünschen. In jeder Anamnese taucht Begehren auf, das unerfüllt blieb. Die uneingelösten Träume harren auf Erfüllung. Au-Weih-nachten, wenn der Christbaum in den gleichgewichtslosen Halter gerammt wurde und die Familie plötzlich das Spieglein an der Wand ihrer tristen Verfassung sah.
Weihnachtsmarkt. St. Sebaldus, Nürnberg, drei Punker mit Hund betreten den Sakralraum. Nieten- und kettenbewehrt, funkelndes Metall, wie zu groß geratene Weihnachtsbaumanhänger, die dem Christkindlmarkt entronnen sind und sich nun des Herrn erfreuen.
Autoscooter. Ich fahre mit meinem Sohn in einem Autoscooter, die Ablenkungen sind zu zahlreich, er steuert nicht, sondern wird von dem Ansturm der Reize abgelenkt. So verlieren wir die Steuerungskraft, wenn wir unseren Blick nicht entphänomenologisieren, d.h. die Welt so banal nehmen wie sie nicht ist, wie wir sie aber brauchen, um handlungsfähig zu sein.
Collage eines unduldsamen Kindes. Kinder besitzen noch die Kraft, mit der Apathie der Konvention fertig zu werden. Werdet wie die Kinder. Hintertreibt die Regeln, während ihr sie kennen lernt. Jede Regel schreit nach Permutation.
In der Welt sein. Warum Kinder geliebt werden, kann verschieden beantwortet werden. In ihnen lieben wir die Entfernung zu der Welt, die wir verloren haben und nur sehr schwer rekonstruieren können. Nicht zuletzt aber ist ihre Distanz zu den Verhältnissen, die wir glauben zu sehen, noch stark. Sie leben und denken gegen die Verhältnisse, die wir ihnen verordnen. Wenn diese Distanz in ihrer späteren Existenz aufgehoben ist, werden sie die Verhältnisse ändern - mehr oder weniger.
Lego. Der Verfall des Spielwertes von Spielzeug zeigt nichts besser als das Lego-Konstruktionssystem. Waren vorher Bausteine Fantasiematerial mit ungezählten Spielmöglichkeiten, hat heute die Erlebnisbanalität von Fertigszenarien die armen Kinder eingeholt. Toys for adults. Da ist es nur gerecht, wenn die Autoindustrie die Kinder umschmeichelt, weil die nun auch für die Großen entscheiden dürfen.
Matchbox. Die kleinen Autos/Puppen/Kaufläden vermitteln Kindern ein Bewusstsein von der Verfügbarkeit der großen Welt. Der Realismus war für das Kinderbewusstsein unüberbietbar. So wie die schlechten Zeichnungen in den frühen Kinderbüchern eine sinnliche Qualität vermittelten, die wir selbst bei den großen Realisten der Malerei nie mehr gefunden haben, weil wir als Kinder noch der Fantasie auf die Sprünge geholfen haben. Eine Geschichte der großen Rezipienten wurde nie geschrieben. Wie viel Imagination, die unrettbar verloren scheint.
Beherrschbar. Erwachsene suchen Kinderspielzeug, weil sie es jetzt beherrschen können. Vormals war es die Welt, jetzt ist es die Herrschaft über die Kleinwelt, die Papa zum Bahnhofsvorsteher werden lässt.
Nintendo. Auch Spielzeug läuft heute im Computer zusammen. Virtualisierung von Spiel und Spielzeug.
Abstrakt. Kinder ertragen Kinderbücher, weil sie viel abstrakter denken als Erwachsene. Das Bewusstseinsprogramm im Aufbau legt Strukturen. Danach reagieren Kinder oft regelgerecht, aber falsch. Ein Kind zählt auf: "Erstens, Zweitens, Dreitens". Kinder rekonstruieren Sätze syntaktisch-abstrakt: "ABC, die Katze ba ba im ba ba". Also hat die verfemte "Ganzheitsmethode" doch Recht.
Mini-Play-back-Show. Wie weit die öffentliche Betroffenheit eben nicht reicht, wird klar, wenn Kinder als Appetithappen für Schänder unter den Augen der beglückten Eltern kredenzt werden.
Pädagogik. Die eigenen Schwächen rekapitulieren. Zumeist ist Didaktik wichtiger als Pädagogik - zumal die Vorbilder abhanden gekommen sind. Aber Kinder müssen getäuscht werden, wenn sie später den Enttäuschungen standhalten wollen.
Goedart Palm
"Wie kommt es, dass die Zeit die Heiterkeit (gaieté) verloren hat? Das hat seine Ursache in der außerordentlichen Vermehrung unserer Kenntnisse. Mit der Aufklärungswut fanden wir mehr Leere als Völle - und im Grunde wissen wir, dass unendlich viele Dinge, die unsere Väter für Wahrheiten hielten, keine sind, und wir wissen sehr wenig Wahres, das unsere Väter nicht auch schon wussten. Die Leere in unserer Seele und unsere Fantasie - sie ist die wahre Ursache der blasierten Traurigkeit." (Abbé Galiani)