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Samuel Beckett als junger Mann

Ein Selbstporträt in Briefen von 1929-1940

Von Goedart Palm
Samuel Becketts Briefe von 1929 – 1940 sind prima vista keine poetischen Selbstinszenierungen oder literarisch autonome Texte. Der junge Beckett gewährt einem kleinen Kreis von Freunden Einblicke in seinen Alltag, der zwischen mehr oder weniger trivialen Nöten bis hin zu einem gewaltigen Programm bürgerlicher Kunstaneignung oszilliert. 1985 gab Beckett die vorliegenden Briefe zur Veröffentlichung frei. Er wollte nur solche Briefe publiziert sehen, die mit seinem künstlerischen Werk in Beziehung stehen. Wie schwer augenscheinlich die Trennung von Kunst und Leben ist, belegt bereits das Volumen von 15.000 Briefen, die jetzt die Editoren der auf vier Bände geplanten Ausgabe für den literarischen Nachgebrauch philologisch hochwertig zubereiteten. Die Briefe besitzen einen hohen Stellenwert für die Annäherung an diesen Schriftsteller, weil Beckett ein Meister des Schweigens war, insbesondere dann, wenn die literarische Öffentlichkeit ihm mit Fragen zum Werk und Leben nachstellte. Becketts Figuren erschienen so fremdartig und antiheldisch, dass es doch eine biografische Hintertreppe geben muss, sich diesen literarischen Entwürfen zu nähern. 

Für Henning Ritter ist Beckett gerade deshalb das Idealbild seiner Vorstellung eines Schriftstellers: »...als der, der zu keiner Antwort und Auskunft verpflichtet ist.« In den Briefen findet sich noch das Gegenteil seines sprichwörtlichen Schweigens. Hier entsteht das Porträt eines jungen Mannes mit zahlreichen, nicht nur literarischen Ambitionen. Gerade die bildende Kunst faszinierte Beckett, was seinen Interpreten die Frage nahe legen sollte, wie seine Dramen und insbesondere Figuren zeitgenössischen Bildern entspringen. Ein Oskar Kokoschka-Porträt von Nancy Cunard (Sprengel Museum, Hannover) versieht er in einem Brief mit drei Ausrufezeichen, was uns an die Verwandtschaft der Gestalten expressiver Malerei mit seinen schrägen Bühnenprotagonisten erinnert. Dieses und andere Vor-Bilder entmystifizieren Becketts vordergründigen Ruf, präzedenzlose Figuren erschaffen zu haben, ohne seine Entwürfe damit in ihrer Originalität zu relativieren. 

Sein »everyday life« protokolliert sich vordergründig recht unspektakulär. Beckett ist akademisch erfolgreich (Dozent an der École Nationale Supérieure in Paris), sportlich aktiv, ist so reiselustig wie polyglott und kulturell umfassend interessiert. Seine Intellektualität, Feinsinnigkeit bis hin zur unermüdlichen Beflissenheit, ein riesiges Kulturprogramm aller Künste zu absolvieren oder besser: sich einzuverleiben, lassen diesen Autor mit seinen literarischen Schwundstufenexistenzen Murphy oder gar Molloy nicht verwechselbar erscheinen. Becketts erste praktische Schritte als ambitionierter Autor sind Erfahrungen, von denen zahllose Literaten mutatis mutandis berichten können. Er wird von Verlagen abgewiesen und macht sich mehr oder weniger klein, um veröffentlicht zu werden. Mehr als vierzig Mal wird sein erster Roman »Murphy« (1938 veröffentlicht) dem Autor zurückgeschickt, was dann jenes lakonische Statement plausibel macht, das andere Autoren nicht sehr viel anders auch formulieren könnten: »Ich habe keine Lust, für den Rest meines Lebens Bücher zu schreiben, die keiner liest. Es ist ja nicht so, dass ich sie unbedingt schreiben will.« (26. Juli 1936, McGreevy) Doch die Art, wie er sich gegenüber den literarischen Statthaltern »krümmt«, lässt den absurden Witz aufscheinen, der in der Folge seine genuine Verteidigungsform gegen die An- und Zumutungen der Existenz wird. Ende 1936 schickt er aus Berlin McGreevy die absurd-clowneske Notiz: »Zum Buch nichts Neues. Das letzte war meine Bereitschaft, den Text bis auf den Titel zu kürzen und ihn zu ändern, falls er Anstoß erregt.«

In diesen Jahren verwandelt sich Samuel Beckett zur Überfigur »Beckett«, die der Durchhalte- und Hoffnungsmoral der Gesellschaft die allfällige und offene Rechnung präsentiert. Die Konstruktion des Absurden ist nicht zuletzt ein Phänomen des Körpers, der in postkartesianischer Geworfenheit die Frage nach der Identität neu aufwirft - und so eigenwillig wie unhintergehbar beantwortet. In Berlin leidet er an so schrecklichen Magen-Darm-Problemen, dass »ich erst jetzt allmählich begreife, dass ich es bin.« (18. Januar 1937, Manning Howe) Und diese Leiden verlängern sich in Idiosynkrasien, die kaum weniger schmerzen: Beckett leidet noch an der kleinsten Kritik, die Bemerkung »Frechheit« - über ihn oder sein Werk, das sagt er uns nicht - wird für ihn zum »Dum-Dum-Geschoß«. (10.Mai 1934, Costello) »Es reicht schon, dass ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann als den geistigen Marasmus, in dem ich seit Monaten herumwanke und schmore. Es erweist sich tatsächlich als Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin, was ich schon wusste, bevor ich sie antrat.« (13. Dezember 1936, Manning Howe)

Zwar erscheint ihm trotz seiner ausführlichen Klagen das körperliche Elend trivial im Vergleich mit dem intellektuellen, aber die Berlin- und Dresden-Reise (»Deutschland ist grässlich. Das Geld ist knapp. Ich bin ständig müde.«) wird prägend für die malträtierte Existenz, die viele seiner Protagonisten beherrscht. Seine Klage über die Schwierigkeiten, mit diesen Schmerzen eine erträgliche Körperhaltung einzunehmen, lässt Murphys Schaukelstuhlfreuden, Molloys »Lutschsteinepisode« oder andere absurde Entspannungsformen begreiflicher werden. »In dieser tiefschwarzen Phase« verbinden sich Werk und Leben zum perennierenden Leitmotiv der geschundenen Kreatur. Der absurde Mensch - und einen anderen gibt es eben nicht - ist einem somatisch konkreten wie existenziell nicht weniger schmerzhaften »Pruritus« unterworfen, der die äußerste Ironie als Antidot entwickeln muss, um die leere Zeit vor dem allfälligen Ende nicht zu ertragen, sondern ad absurdum zu führen. Die negative Theologie erschöpft sich in körperlichen Sensationen, denen keine Erlösung, sondern allenfalls ein fragiles Äquilibrium gewährt wird.  

In Becketts Briefen, insbesondere in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre verbinden sich, wie wohl bei keinem anderen Autor, höchste Empfindsamkeit und Intellektualität unmittelbar mit körperlichen Leiden, die nicht in der Idealität der Kunst zu eskamotieren oder gar zu transzendieren wären. Die kartesianische Kartografie, die das Denken vom Körper trennt und einen Erlösungstopos projiziert, der je von größter Strahlkraft war, tröstet längst nicht mehr. Hier demonstriert sich die vielleicht wichtigste, kognitiv nicht aufschlüsselbare und in jenen Jahren gereifte Erkenntnis Becketts, für die es bis heute keinen befriedigenden Begriff gibt: Geist und Körper sind weder getrennt noch eine Einheit. Wilhelm Furtwängler hörend konstatiert Beckett das in dem Ton, der seine Romane bestimmt: »Mein Musikempfinden scheint in meinem Arsch konzentriert zu sein, der höllisch weh tat.« (25. März 1937, Mc Greevy) Der Weg zwischen dem Leiden und der künstlerischen Empfindung ist so kurz wie der zwischen dem Tragischen und dem Komischen. Das Absurde ist der einzige, aber so parodistische wie vergebliche Versuch, dem zu entkommen. 

Samuel Beckett
Weitermachen ist mehr, 
als ich tun kann
Briefe 1929–1940 
Herausgegeben von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn und Lois More Overbeck Aus dem Englischen und Französischen von Chris Hirte 
Suhrkamp, 2013
 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.