Autor & Archiv

Die Fremde, die wir mitbringen

Über Reisen, Projektionen und die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der die Welt Heimat wird

Wir reisen, um etwas anderes zu sehen, und nehmen dafür erstaunlich viel von dem mit, was wir bereits gesehen haben. Das gehört zu den komischen Grundwidersprüchen des Reisens. Eine Reise verspricht Fremde, aber wir treten ihr mit einer sorgfältig vorbereiteten Erwartung entgegen. Bevor wir Paris erreichen, haben wir Paris gesehen; bevor wir nach Venedig fahren, sind Canaletto, Visconti, Thomas Mann, Postkarten, Reiseführer und eine unüberschaubare Menge fremder Photographien bereits dort gewesen. Wer nach New York fliegt, nähert sich einer Stadt, die seit hundert Jahren daran arbeitet, schon vor unserer Ankunft in unserem Kopf vorhanden zu sein. Selbst Landschaften, von denen wir behaupten, sie hätten uns vollkommen überrascht, müssen irgendeine Form besitzen, in der wir sie überhaupt als Überraschung erkennen können.

Der Reisende ist insofern ein merkwürdiger Empiriker. Er möchte Erfahrungen machen, hat aber für die interessantesten unter ihnen bereits Kategorien gebucht. Er will das Authentische, das Ursprüngliche, das Abgelegene, die wirkliche Kneipe, den echten Markt, das unentdeckte Dorf und jenen Strand, den sonst niemand kennt. Dass derselbe Strand inzwischen in fünfhundert Reiseblogs als „Geheimtipp“ erscheint, vermindert seine Geheimnisqualität erstaunlich wenig. Der moderne Tourist sucht nicht einfach einen Ort; er sucht die Bestätigung, dass dieser Ort die Eigenschaften besitzt, derentwegen er gekommen ist.

Das hatte ich in „Krieg und Urlaub“ unter erheblich aggressiveren satirischen Bedingungen schon einmal beschrieben. Die Fremde, die der Tourismus verlangt, darf nicht so fremd sein, dass sie den Besucher tatsächlich aus seinen Gewohnheiten herausstößt. Sie soll fremd aussehen und dennoch zugänglich bleiben, ein wenig exotisch sein und zugleich zuverlässig funktionieren. Das Fremde soll, schrieb ich damals, uns gewissermaßen „fröhlich zublinzeln“. Touristenorte reproduzieren deshalb einen merkwürdigen Zwischenzustand: Heimat mit Palmen, Vertrautheit mit anderer Beleuchtung, Restaurantrechnung in exotischer Kulisse.

Diese Beobachtung ist weniger kulturkritisch, als sie zunächst klingt. Man könnte dem Touristen vorwerfen, er mache aus der Welt überall dasselbe. Wahrscheinlicher ist, dass Menschen gar nicht anders können. Wahrnehmung besteht nicht darin, dass etwas Fremdes vollkommen unvorbereitet in uns hineinfällt. Wahrnehmen heißt vergleichen, ergänzen, projizieren und Ähnlichkeiten erzeugen. Der vollkommen fremde Gegenstand wäre nicht interessant, sondern unkenntlich. Wir können das Neue nur deshalb sehen, weil wir ihm etwas Bekanntes entgegenhalten.

Reisender vor einer collagierten fremden Stadt aus Bildern und Erinnerungen
Die projizierte Fremde

Das erklärt auch den eigentümlichen Erfolg der Reiseliteratur. Sie handelt scheinbar von Orten, tatsächlich aber fast immer von der Person, die sie bereist. Roger Willemsen ist dafür ein besonders schönes Beispiel. Seine „Enden der Welt“ liegen keineswegs nur dort, wo Atlanten ihre geographischen Randzonen vermuten lassen. Er findet sie in Patagonien und am Nordpol, aber ebenso in einem Bett in Minsk, einem Bordellflur in Bombay oder vor einem Fresko in Orvieto. Die „Enden“ sind damit keine Eigenschaft der Geographie mehr, sondern eine Kategorie seines Blicks. Er reist nicht zu den Enden der Welt und findet sie dort; er besitzt eine Vorstellung davon, was ein Ende der Welt sein könnte, und entdeckt Situationen, die diese Vorstellung erfüllen.

Das ist kein Einwand gegen Willemsen. Es ist gerade die Voraussetzung dafür, dass aus Reisen Literatur werden kann. Der vollkommen neutrale Reisende könnte keinen Reisebericht schreiben, weil er keine Gründe hätte, eine Begegnung der anderen vorzuziehen. Der Schriftsteller muss auswählen, und schon die Auswahl verwandelt Welt in Projektion. Willemsens außergewöhnliche Begabung bestand darin, das Außergewöhnliche mit so großer Erwartungsbereitschaft zu suchen, dass es ihm kaum entkommen konnte.

Wer entschlossen genug nach dem Besonderen reist, kann es nämlich fast nicht verfehlen. Begegnet er einem erstaunlichen Menschen, hat die Reise sich erfüllt. Begegnet er niemandem, kann gerade diese enttäuschte Erwartung zur erstaunlichen Geschichte werden. Ist ein berühmter Ort überwältigend, schreibt man über seine Überwältigung; ist er banal, schreibt man über die Banalität des Berühmten. Scheitern ist in der Reiseliteratur lediglich eine weitere Reiseform. Darum kommen gute Reiseautoren fast nie mit leeren Händen zurück. Das liegt nicht daran, dass die Welt ihnen mehr anbietet als anderen. Sie besitzen eine besondere Fähigkeit, aus dem Vorgefundenen das Gesuchte zu konstruieren.

Das außergewöhnliche Vorgefundene

Wir unterschätzen gewöhnlich, wie stark Reisen dramaturgisch vorstrukturiert sind. Schon die Abreise macht das Banale bedeutend. Ein Frühstück, das zu Hause keinerlei erinnerungsfähige Qualität hätte, wird in Palermo zu einer lokalen Erfahrung. Ein Bus, dessen Verspätung in Bonn bloß nervt, verwandelt sich in Indien in ein Reiseabenteuer. Das mag ungerecht sein, aber Erinnerung kennt keine Gleichbehandlung.

Der Reisende befindet sich in einem Zustand gesteigerter Bedeutungsbereitschaft. Er geht morgens aus einem Hotel und erwartet Welt. Gerade das unterscheidet ihn zunächst vom Einwohner, der aus demselben Haus tritt und erwartet, pünktlich bei der Arbeit anzukommen. Eine bröckelnde Fassade, ein Straßenhund, eine ältere Frau auf einem Balkon oder ein eigenartig beladenes Motorrad können für den Reisenden Zeichen eines Landes werden, während sie für denjenigen, der dort lebt, nicht einmal Wahrnehmungsereignisse sind. Die Reise produziert also nicht nur Ortsveränderung, sondern einen anderen Aufmerksamkeitsmodus. Das Alltägliche wird unter dem Vorzeichen des Nichtalltäglichen betrachtet. Man sieht mehr, weil man beschlossen hat, mehr zu sehen.

Darin steckt allerdings eine kleine erkenntnistheoretische Falle. Wenn jeder Hund plötzlich „typisch“ ist, jede Geste etwas über das Land verrät und jedes Mittagessen kulturelle Tiefenschichten freilegt, wird die Reise zur großen Projektionsmaschine. Der Reisende glaubt, die Fremde zu entschlüsseln, während er womöglich hauptsächlich seine eigenen Erwartungen entziffert.

Claude Lévi-Strauss eröffnet „Tristes Tropiques“ mit der berühmten Provokation, er hasse Reisen und Forschungsreisende. Die Ironie besteht darin, dass darauf eines der großen Bücher über Reisen folgt. Gerade diese Distanz erlaubt ihm jedoch, die Begierde nach dem Exotischen selbst zum Gegenstand zu machen. Sein Buch ist Reisebericht und Kritik des Reiseberichts zugleich; die Reise erzählt nicht nur von den anderen, sondern von der westlichen Sehnsucht, in den anderen einen Gegenstand der eigenen Erkenntnis zu finden.

Der Tourist ist darin nur die demokratisierte Form eines älteren Reisenden. Missionare suchten Heiden, Ethnologen Kulturen, Naturforscher Arten, Kolonialherren Rohstoffe, Bildungsreisende Antike, Romantiker Erhabenheit und heutige Reisende Authentizität. Niemand fährt ganz ohne Auftrag los, selbst wenn er ihn sich nur selbst erteilt hat.

In „Krieg und Urlaub“ habe ich diesen Zusammenhang absichtlich brutalisiert: Reisen, Erobern, Missionieren und touristische Aneignung wurden dort aufeinander montiert. Jason und die Argonauten, Kolumbus, Livingstone und Stanley erscheinen als Touristen avant la lettre; der Baedeker setzt eine Geschichte fort, in der unbekannte Räume immer schon in Raster, Erzählungen und Verwertungsformen überführt wurden. Die satirische Überzeichnung verdeckt einen ernsthaften Gedanken: Fremde wird selten nur wahrgenommen. Sie wird angeeignet.

Das beginnt lange vor dem Massentourismus. Schon die alten Reiseberichte mussten das Unbekannte in bekannte Formen bringen. Fremde Tiere wurden auf europäischen Darstellungen so lange umgebaut, bis sie irgendwie in das heimische Bildinventar passten. In meinem alten Text tauchen daher Elefanten mit vertrauten anatomischen Konstruktionen und Nashörner aus der europäischen Illusionswerkstatt auf. Das Fremde wird deformiert, damit es überhaupt mitteilbar wird. Der Reisende kann nur erzählen, was in seiner Sprache ankommt.

Der erste Abend

Und doch gibt es einen Augenblick, in dem die Fremde tatsächlich körperlich wird. Es ist für mich häufig der erste Tag in einem Hotel gewesen, genauer der erste Abend. Man betritt ein Zimmer, in dem zunächst alles falsch steht. Der Lichtschalter befindet sich an einer Stelle, an der die Hand ihn nicht sucht. Die Geräusche des Flurs sind unbekannt. Die Matratze hat einen anderen Widerstand, die Klimaanlage summt, ein Aufzug öffnet irgendwo Türen, draußen fährt Verkehr nach einer noch nicht verstandenen Tagesordnung. Selbst das Badezimmer enthält kleine Ungewissheiten: Wo liegen die Handtücher, wie funktioniert die Dusche, welche Armatur regelt welches Wasser? Man besitzt den Raum rechtlich für einige Tage und ist ihm psychologisch vollkommen fremd.

Gerade der erste Abend kann deshalb eine leichte Beklemmung erzeugen, die mit der Qualität des Hotels wenig zu tun hat. Selbst ein luxuriöses Zimmer ist zunächst nur ein fremder Innenraum, in dem man nachts bewusstlos werden soll. Das Bett enthält keine Erinnerung. Die Gegenstände haben noch keine Positionen in den Bewegungen des eigenen Körpers. Die Tür zum Flur ist gleichzeitig Ausgang und Grenze; hinter ihr beginnt ein Gebäude voller Unbekannter.

Dunkles, noch fremdes Hotelzimmer am ersten Abend
Der erste Abend im Hotel

Dann geschieht etwas erstaunlich Schnelles. Am zweiten Tag liegt die Zahnbürste bereits dort, wo sie hingehört. Man kennt den Weg zum Frühstück. Der Aufzug ist nicht mehr irgendein Aufzug, sondern unserer. Man weiß, wie lange die Tür braucht, um zu schließen, an welcher Ecke der Flur abbiegt und welcher Stuhl am Fenster der angenehmste ist. Vielleicht liegt eine Zeitung auf dem Tisch, ein Buch am Bett, Kleidung hängt im Schrank. Einige wenige Gegenstände reichen aus, um aus der anonymen Hotelarchitektur einen persönlichen Raum zu erzeugen. Die Fremde beginnt Heimat zu werden.

Dasselbe Hotelzimmer am zweiten Morgen im warmen Tageslicht
Am zweiten Morgen

Das Wort Heimat wird dadurch sehr viel kleiner und interessanter. Heimat muss dann nicht jenes metaphysisch aufgeladene Territorium sein, aus dem Blut, Boden, Identität und schlechte politische Gedichte gewonnen werden. Heimat kann schlicht der Raum sein, in dem unsere Bewegungen nicht mehr nachdenken müssen.

Roger Willemsen hat Heimat einmal sinngemäß als einen instabilen Ort beschrieben, der vor allem deshalb Heimat heißt, weil dort mehr Rituale stattfinden als anderswo. In dem posthum zusammengestellten Band „Unterwegs. Vom Reisen“ wird dieses Verhältnis von Unterwegssein und Heimat ausdrücklich formuliert: Man gelange stets nur an einen weiteren treibenden Ort; „Zuhause“ sei jener instabile Punkt, der mehr Rituale versammelt als andere. Das scheint mir genauer als die Vorstellung einer unverrückbaren Heimat. Heimat ist Ritualdichte. Der morgendliche Kaffee an derselben Stelle, der Weg ins Badezimmer im Dunkeln, der Blick aus einem bestimmten Fenster, die Geräusche, deren Ursachen man nicht mehr prüfen muss. Wenn das stimmt, kann ein Hotel überraschend schnell eine schwache Form von Heimat hervorbringen. Es besitzt nicht unsere Geschichte, aber bereits unsere Wiederholungen.

Das erklärt die merkwürdige Geschwindigkeit, mit der Menschen Räume domestizieren. Der erste Tag sagt: Ich bin hier nicht zu Hause. Der zweite sagt: Meine Sachen liegen da.

Die luxuriöse Armut

Noch sonderbarer wird das Verhältnis zur Fremde, wenn der Reisende freiwillig auf Komfort verzichtet. Eine karge Hütte, ein einfaches Zimmer, ein hartes Bett, ein Bad, das man teilen muss, können im Urlaub als authentisch und reizvoll erscheinen, obwohl dieselben Bedingungen am Heimatort als sozialer Abstieg empfunden würden.

Der Grund ist offensichtlich und wird trotzdem selten ausgesprochen: Temporäre Armut ist keine Armut. Wer weiß, dass er am Freitag wieder abreist, kann einen Zustand genießen, der für jemanden ohne Rückfahrkarte bedrückend wäre. Ein einfaches Fischerhaus am Meer besitzt für den Urlauber den Charme des Ursprünglichen; für seine Bewohner kann es schlicht ein schlecht isoliertes Haus sein. Ein Stromausfall wird zum Abenteuer, wenn man weiß, dass er nicht zum dauerhaften Zustand des eigenen Lebens gehört. Armut verwandelt sich in Ästhetik, sobald ihr Ausgang garantiert ist.

Darum können Reisende erstaunlich begeistert von dem Kargen sein. Sie mieten Hütten, schlafen auf Matratzen, essen einfache Speisen und erzählen später, wie wenig man doch eigentlich brauche. Das stimmt in diesem Moment sogar. Nur besitzt ihre Bedürfnislosigkeit ein Rückflugdatum. Die Sicherheit der Heimkehr ermöglicht den Genuss der Unsicherheit.

Das ist keine moralische Anklage. Es erklärt vielmehr, weshalb Fremde überhaupt lustvoll werden kann. Wir können uns temporär anderen Lebensformen annähern, weil wir nicht vollständig in ihnen aufgehen müssen. Die Reise suspendiert Teile der eigenen Lebensordnung, ohne sie endgültig aufzulösen. Sie ist eine kontrollierte Exterritorialität.

In meinem alten Text über Urlaub erscheint diese Konstruktion in schärferer Form: Tourismus versucht eine Fremde zu erzeugen, in der das „Außersichsein“ nicht gefährlich wird. Das Fremde und Eigene werden zu einem zeitlich begrenzten Mischraum zusammengesetzt. Das Hotel ist die perfekte Architektur dafür. Es ist weder Heimat noch wirkliche Fremde. Es ist eine Maschine zur kurzfristigen Beheimatung an beliebigen Orten.

Muss man dafür fort?

Damit stoßen wir auf die unhöflichste Frage, die man einem enthusiastischen Reisenden stellen kann: Muss man überhaupt reisen? Im achtzehnten Jahrhundert beantwortete Xavier de Maistre sie auf besonders elegante Weise. Wegen eines Duells zu 42 Tagen Arrest in seinem Zimmer verurteilt, schrieb er seine „Voyage autour de ma chambre“, die „Reise um mein Zimmer“. Tisch, Bett, Lehnstuhl, Bilder und Fenster werden zu Stationen einer Expedition. Die Geographie schrumpft auf wenige Meter, ohne dass der Reisebericht aufhört, Reisebericht zu sein.

Steinerne Bücher als Skulptur in einem Garten
© Goedart Palm

De Maistres Witz ist radikaler, als die charmante Form vermuten lässt. Wenn Reise vor allem eine Veränderung der Aufmerksamkeit bedeutet, benötigt sie keine Entfernung. Man kann das Bekannte fremd machen, indem man es anders betrachtet. Damit wird sein Zimmer zum Gegenentwurf der touristischen Ideologie, nach der Erlebnis proportional zu Kilometern wächst.

Zimmer, das sich zwischen den Möbeln in Meere, Küsten und Wüsten verwandelt
Reise um das Zimmer

Joris-Karl Huysmans treibt diesen Gedanken in „À rebours“ noch weiter. Des Esseintes will nach London. Dickens hat sein London längst vorbereitet. In Paris besucht er vor der Abfahrt englisch wirkende Geschäfte und schließlich eine englische Taverne, isst und trinkt dort und gelangt zu der dekadenten Einsicht, dass die wirkliche Reise eigentlich nur noch enttäuschen könne. Warum sich bewegen, wenn der Lehnstuhl das imaginierte London zuverlässiger erhält? Er lässt die tatsächliche Fahrt ausfallen. Das ist die konsequenteste Theorie der projektiven Reise: Wer nur weit genug vorausphantasiert, riskiert durch die Ankunft eine Verschlechterung.

In anderer Weise war auch Kant ein monumentaler Zimmerreisender. In „Krieg und Urlaub“ hatte ich ihn deshalb etwas respektlos als weitgehend immobilen Weltdenker auftreten lassen, der Reiseberichte verschlang und aus ihnen Geographievorlesungen konstruierte. Der Witz bleibt brauchbar: Reisen bildet, aber nicht jedes Wissen über Welt setzt voraus, dass der eigene Körper dort war.

Wir vergessen das leicht, weil körperliche Anwesenheit einen enormen Authentizitätsbonus besitzt. „Ich war dort“ gilt als epistemisches Kapital. Aber der Satz beweist zunächst wenig. Man kann zwei Wochen in Japan verbringen und fast nichts von Japan verstehen; man kann jahrzehntelang japanische Literatur, Geschichte, Kunst und Sprache studieren, ohne je einen Fuß auf die Inseln gesetzt zu haben, und dennoch bestimmte Zusammenhänge sehr viel besser kennen. Der Körper kann reisen, während der Geist zu Hause bleibt. Und der Geist kann reisen, während der Körper im Lehnstuhl sitzt.

Gefängnisreisen

Die Verbindung von Gefangenschaft und Reise ist deshalb besonders reizvoll. Äußerlich könnte kaum etwas gegensätzlicher sein. Der Reisende besitzt Bewegungsfreiheit; der Gefangene hat sie verloren. Trotzdem gehören einige bemerkenswerte Reisegeschichten gerade in Räume erzwungener Immobilität.

Marco Polos Reisen wurden der Überlieferung zufolge während seiner Gefangenschaft in Genua zu Literatur. Nach seiner Rückkehr aus Asien geriet er im Krieg zwischen Venedig und Genua in Gefangenschaft und diktierte dort Rustichello da Pisa seinen Bericht. Die große Weltreise erhielt ihre dauerhafte sprachliche Form also ausgerechnet dort, wo der Reisende nicht mehr reisen konnte. Das ist beinahe zu schön, um nur biographischer Zufall zu sein. Erst die Immobilität zwingt die Bewegung in Erinnerung.

Bei Xavier de Maistre wird das Prinzip noch konsequenter, weil der Arrest nicht bloß Ort des Schreibens, sondern selbst zur Reiseroute wird. Und selbst Albert Speer, im vollkommen anderen moralischen Zusammenhang seiner Spandauer Haft, zählte seine täglichen Wege im Gefängnishof und verwandelte sie gedanklich in eine Reise um den Globus. Dass diese Praxis ausgerechnet bei einem Gefangenen auftaucht, der zuvor an einem verbrecherischen Regime beteiligt gewesen war, verleiht ihr keine moralische Unschuld; sie zeigt aber drastisch, wie schwer sich Imagination einsperren lässt. Der Gefangene besitzt keinen geographischen Horizont und kann gerade deshalb einen imaginären erzeugen. Das Wohnzimmer und die Zelle treffen sich an diesem Punkt. Beide können Ausgangspunkte einer Reise werden, sobald Reise nicht mehr ausschließlich als Ortswechsel definiert wird.

Literatur hat ohnehin seit jeher davon gelebt. Odysseus reist, aber der Leser bleibt sitzen. Jules Verne schickt uns um die Welt, zum Erdmittelpunkt und zum Mond, ohne dass wir den Sessel verlassen. Proust benötigt für gewaltige Reisen durch Raum und Zeit manchmal nicht mehr als den Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks. Pessoa erzeugt in seinem Lissabonner Innenleben eine Welt, deren Entfernungen psychischer als geographischer Natur sind. Bei Sebald wiederum werden reale Wanderungen unaufhörlich von Erinnerung, historischen Bildern und fremden Biographien durchsetzt, bis kaum noch entschieden werden kann, ob das Gehen die Gedanken hervorbringt oder die Gedanken den Weg. Reiseliteratur widerlegt daher seit Jahrhunderten die naive Behauptung, Reisen bestehe darin, dass der Körper den Ort wechselt.

Heimat und Fremde

Was aber unterscheidet dann Heimat und Fremde? Sicher nicht nur die Entfernung. Ein Mensch kann sich in seiner Geburtsstadt fremd fühlen und in einem Hotelzimmer nach zwei Tagen merkwürdig heimisch. Heimat ist auch nicht notwendig der schönere oder angenehmere Ort. Gerade Heimaten können ärgerlich, hässlich und voller Dinge sein, die man seit Jahren ändern möchte.

Ihre entscheidende Eigenschaft könnte vielmehr darin bestehen, dass sie keine dauernde Interpretation verlangt. In der Fremde lesen wir. In der Heimat benutzen wir. Wir lesen Straßenschilder, Gesichter, Speisekarten, Verkehrsregeln, Gesten, Geräusche. Wir fragen uns, ob ein Platz gefährlich ist, wann Geschäfte schließen, wie laut Menschen sprechen, wie ein Bus bezahlt wird. Die Welt besitzt noch keine Selbstverständlichkeit.

Heimat entsteht, wenn diese Interpretationsarbeit zurückgeht. Man läuft, ohne auf Straßennamen zu achten. Man weiß, welcher Bäcker gut ist, ohne ihn zu bewerten. Das Geräusch der Straßenbahn wird nicht mehr als lokales Kolorit registriert. Die Wirklichkeit verliert einen Teil ihrer Zeichenhaftigkeit.

Deshalb ist der erste Tag einer Reise so dicht. Fast alles ist Zeichen. Der zweite Tag ist schon ärmer und angenehmer. Am dritten kennen wir den Weg. Mit jeder Wiederholung stirbt etwas Fremdheit und entsteht etwas Heimat. Das kann innerhalb weniger Stunden beginnen. Vielleicht ist die eigentliche Reise deshalb nicht der Übergang von Heimat in Fremde, sondern die Beobachtung, wie rasch Fremde sich in einen neuen Bereich des Selbstverständlichen verwandelt.

Der Reisende reist dem Verschwinden seiner Reise entgegen. Kaum hat er gelernt, wie alles funktioniert, muss er abreisen, wenn er das Fremde bewahren will.

Die Enttäuschung als Vollendung

Darum ist die Enttäuschung ein notwendiger Bestandteil des Reisens. Kein Ort kann dauerhaft mit seiner Erwartung konkurrieren. Venedig muss gegen Venedig antreten. Paris gegen Paris. New York gegen New York.

Die wirkliche Stadt hat Baustellen, schlechtes Wetter, geschlossene Museen, schlecht gelaunte Kellner und Menschen, die nicht wissen, dass sie gerade Bestandteil unserer bedeutenden Reiseerfahrung sein sollen. Die imaginierte Stadt besitzt solche Freiheiten nicht.

Huysmans' Des Esseintes ist darin nur radikal konsequent. Er verhindert die Enttäuschung, indem er die Reise abbricht, bevor die Wirklichkeit Gelegenheit erhält, sein London zu beschädigen.

Der gewöhnliche Tourist besitzt dagegen eine erstaunliche Technik, selbst Enttäuschungen in Bestätigungen zu verwandeln. Ist Venedig überfüllt, beweist das die Tragödie des Massentourismus. Regnet es in der Toskana, entsteht eine melancholische Landschaftserfahrung. Ist das berühmte Restaurant schlecht, besitzt man eine Geschichte über den Verfall berühmter Restaurants. Die Reise gewinnt fast immer.

Das erklärt auch, weshalb Willemsen seine Enden der Welt nicht verfehlen konnte. Das Ende ist kein Punkt auf einer Karte, sondern eine narrative Kategorie. Er musste nur aufmerksam genug sein, um es dort zu erkennen, wo die Situation es anbot. Und wenn es nicht kam, konnte gerade die Abwesenheit zum Ende werden. Der Schriftsteller ist dem Touristen darin überlegen, weil er noch die schlechte Reise retten kann.

Das Recht auf das Gewöhnliche

Vielleicht wäre die radikalste Form des Reisens deshalb, dem fremden Ort sein Recht auf Gewöhnlichkeit zurückzugeben. Nicht jedes Café in Rom muss italienischer sein als ein Café in Bonn. Nicht jeder Finne trägt eine metaphysische Beziehung zur Einsamkeit in sich. Nicht jeder Japaner ist Träger einer jahrtausendealten Ästhetik des Zen. Menschen kaufen Waschmittel, warten auf Pakete, haben Rückenschmerzen, streiten mit Nachbarn und sitzen vor Fernsehern. Die Fremde ist voller Alltag. Genau das ist für den Reisenden schwer auszuhalten, weil er für Differenz bezahlt hat.

In „Krieg und Urlaub“ hatte ich das Gegenteil verspottet: die touristische Industrie, die eine standardisierte Heimat in die Fremde exportiert, damit sich der Besucher nie wirklich verlassen muss. Heute würde ich die andere Seite stärker betonen: Auch der Reisende selbst hat ein Interesse daran, dass die Fremde ihre Rolle spielt.

Das armenische Dorf soll armenisch genug sein. Der Fischer soll Fischer bleiben. Der Markt darf nicht zu viele Dinge verkaufen, die wir auch zu Hause kennen. Sobald die Einheimischen dieselben Turnschuhe tragen, dieselben Mobiltelefone benutzen und denselben Unsinn im Internet ansehen, empfinden wir eine sonderbare Enttäuschung über ihre mangelnde Exotik.

Der Reisende verlangt Authentizität von Menschen, denen er selbst keineswegs authentisch gegenübertritt. Er erscheint schließlich ebenfalls in einer Sonderrolle: mit Zeit, Geld, Kamera und Abreisedatum. Die touristische Begegnung ist also auf beiden Seiten inszeniert.

Reise nach Irgendwo

Und trotzdem möchte ich die Reise nicht gegen das Zimmer ausspielen. Xavier de Maistre beweist nicht, dass man zu Hause bleiben soll. Huysmans beweist nicht, dass London überflüssig ist. Kant beweist nicht, dass Königsberg genügt. Sie zeigen nur, dass Entfernung und Erfahrung nicht identisch sind.

Das reale Reisen besitzt eine Macht, die gerade darin liegt, dass Projektionen gestört werden können. Wir fahren mit Bildern los und treffen mitunter auf Dinge, die sich nicht richtig einfügen lassen. Genau dort wird die Reise interessant. Nicht wenn sie vollkommen bestätigt, was wir über den Ort wissen wollten, sondern wenn sie unsere vorbereitete Fremde beschädigt.

Das Problem des Tourismus ist deshalb nicht, dass er projiziert. Ohne Projektion gibt es keine Wahrnehmung. Interessant ist vielmehr, ob die Projektion korrigierbar bleibt.

Eine schlechte Reise lässt die Welt nur auftreten, damit sie unsere Erwartungen bestätigt. Eine gute Reise erlaubt ihr Widerspruch. Dann kann aus dem armen Land ein kompliziertes Land werden, aus dem exotischen Menschen ein Mensch, aus dem pittoresken Dorf ein Ort, an dem jemand seinen Alltag verflucht, und aus der Sehenswürdigkeit ein Gebäude, das zufällig vor Jahrhunderten an derselben Stelle gebaut wurde, an der wir heute stehen.

Vielleicht ist Fremdheit genau dieser Widerstand gegen unsere Erzählung. Heimat dagegen wäre der Ort, an dem dieser Widerstand so lange eingeübt wurde, dass wir ihn kaum noch bemerken. Das erklärt auch, weshalb Reisen und Heimkehr zusammengehören. Erst die Rückkehr macht sichtbar, dass auch die Heimat konstruiert ist. Man kommt zurück und bemerkt für einige Stunden Dinge, die vorher unsichtbar waren: die Breite einer Straße, eine bestimmte Ordnung der Häuser, die Geräusche des Bahnhofs, die Art, wie Menschen angezogen sind. Für einen kurzen Augenblick bereisen wir die eigene Stadt. Dann verschwindet der Effekt. Die Dinge werden wieder selbstverständlich. Heimat ist die Fremde, an die wir uns so vollständig gewöhnt haben, dass wir aufgehört haben, sie zu interpretieren.

Der letzte Luxus

Der größte Luxus des Reisens besteht deshalb nicht darin, weit weg zu sein. Er besteht in der zeitweiligen Aufhebung von Selbstverständlichkeit. Man darf wieder Anfänger sein. Man kennt den Weg nicht, versteht eine Speisekarte falsch, steigt an der falschen Haltestelle aus, betrachtet einen gewöhnlichen Gegenstand zu lange und hält Menschen für interessanter, nur weil man ihnen noch nie begegnet ist. Das ist naiv, ungerecht und produktiv. Reisen verleiht der Welt einen Aufmerksamkeitsvorschuss.

Darum können Menschen nach zwanzig Flugstunden genau das entdecken, was seit Jahren in der Straße vor ihrem Haus liegt. Und darum kann Xavier de Maistre dieselbe Operation umkehren und den Lehnstuhl zum Reiseziel erklären. Das Fremde ist nicht ausschließlich eine Eigenschaft des Ortes. Es ist eine Leistung der Aufmerksamkeit.

Der Unterschied zwischen dem Zimmerreisenden und dem Weltreisenden wird dadurch kleiner, ohne zu verschwinden. Der eine verändert den Blick und hält den Ort fest; der andere verändert zusätzlich den Ort und hofft, dass dadurch auch sein Blick beweglicher wird. Beide können scheitern. Man kann um die Erde reisen und überall nur sich selbst begegnen. Man kann im eigenen Zimmer bleiben und Welten entdecken.

Marco Polo musste erst in einer Gefängniszelle sitzen, damit seine jahrelange Bewegung durch Asien zu einer erzählbaren Welt wurde. De Maistre musste an sein Zimmer gebunden werden, um aus wenigen Möbeln einen Kontinent zu machen. Des Esseintes musste beinahe nach London reisen, um zu entdecken, dass ihm sein imaginäres London lieber war. Lévi-Strauss musste die Tropen bereisen, um ein Buch zu beginnen, das die Begierde nach dem Reisen selbst verdächtig macht. Und Willemsen musste an die Enden der Welt fahren, um zu zeigen, dass ein Ende der Welt auch ein Bett in Minsk sein kann.

Vielleicht liegt darin die einzige Reiseformel, der ich noch einigermaßen traue: Wir fahren nicht fort, um die Welt zu finden, wie sie ist. Wir fahren mit Vorstellungen von ihr los, stoßen auf Widerstände, korrigieren einige Bilder, bestätigen andere und kehren mit einer Welt zurück, die es vor unserer Reise in genau dieser Form nicht gab. Denn jede Reise ist projektiv. Aber nicht jede Projektion ist blind. Die interessanteste Reise beginnt dort, wo die Welt sich weigert, die Kulisse zu spielen, die wir für sie vorgesehen hatten. Dann tritt für einen Augenblick etwas hervor, das tatsächlich fremd ist — bis wir es ansehen, benennen, erzählen, erinnern und damit schon wieder beginnen, es zur Heimat zu machen.