Hören · Erinnern · Wiederkaufen

Musik – Empfehlungen, Wiederhörbares und private Kanones

Aufnahmen und Musiker, die aus irgendeinem Grund im Ohr geblieben sind.

Vom Unsinn der Bestenlisten

„Goedart Palm Hit-Listen – Fantastisch unsinnig, aber es macht Spaß, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Ordnungen wir herstellen könnten. Wofür? Für Inseln, die nicht existieren, um andere zu belehren und das Chaos der Hörwelten in den Griff zu kriegen.“ In diesem Satz steckt bereits alles, was sich zugunsten und gegen musikalische Ranglisten sagen lässt. Sie sind unbegründbar, weil niemand das Ganze gehört hat, niemand dasselbe hört und jeder Vergleich zwischen Junior Wells, Jimmy Smith, Linton Kwesi Johnson und einem Gypsy-Jazz-Trio so viele Voraussetzungen unterschlägt, dass die Rangfolge schon im Augenblick ihrer Verkündung komisch wird. Und trotzdem werden Listen geschrieben, Platten für Inseln ausgewählt, Alben der Woche ausgerufen und Namen gegen das Vergessen aufgestellt.

Der Widerspruch verschwindet nicht, wenn man die Liste bescheiden „persönlich“ nennt. Auch das private Urteil greift über sich hinaus. Wer eine Aufnahme empfiehlt, sagt nicht nur, dass sie ihm zufällig gefallen habe; er behauptet zumindest für einen Augenblick, hier sei etwas hörbar, das auch ein anderer nicht verpassen sollte. Die Empfehlung ist eine Einladung mit leicht übergriffigem Unterton. Man legt jemandem eine Musik ans Ohr und hofft, dass sie dort dasselbe auslöst, obwohl man weiß, dass Hörbiografien nicht übertragbar sind. Vielleicht gehört gerade diese unvernünftige Hoffnung zum Vergnügen.

Musikgeschmack ist eine private Kartographie. Das Höruniversum ist nicht bloß groß, sondern grundsätzlich ungeordnet: Epochen, Genres, Aufnahmen, Clubs, Radiosendungen, Stimmen und zufällige Begegnungen liegen nicht auf einer gemeinsamen Skala. Die Karte entsteht erst aus Intensitäten. Ein Album markiert einen Ort, weil sein Klang nicht vergessen wurde; ein anderes, weil es ein Genre plötzlich öffnete, das zuvor wie eine verschlossene Provinz erschien; ein drittes bleibt, weil Instrumentierung, Stimme und Augenblick für wenige Minuten vollkommen zusammenfielen. Solche Orte besitzen keine objektiven Koordinaten. Dennoch kann man zu ihnen zurückkehren.

Blau-violette fotografische Nahaufnahme eines Klingel- und Schließmechanismus
Ein privater Kanon ist kein Generalschlüssel. Manche Musik öffnet trotzdem eine Tür. Fotografie: Goedart Palm.

Hören statt Ranking

Die interessanteste Empfehlung beginnt deshalb nicht mit dem Platz, sondern mit dem Grund des Wiederhörens. Man kann die historische Bedeutung eines Albums anerkennen und es nie freiwillig auflegen; man kann eine vermeintlich nebensächliche Aufnahme über Jahrzehnte behalten, weil eine Gitarre, eine Orgel oder eine „präponderante Tröte“ darin einen eigenen Raum geschaffen hat. Kanon und Neigung schneiden sich, aber sie fallen nicht zusammen. Der Kanon erklärt, was man kennen sollte. Die private Liste verrät, was tatsächlich geblieben ist.

Darin liegt auch das Recht auf Ungerechtigkeit. Persönliche Musikkritik muss nicht so tun, als seien alle Genres, Stars und kulturellen Großveranstaltungen nach unparteiischen Kriterien abzuwägen. „Ich glaube nicht, dass der Grand Prix Eurovision beziehungsweise der Eurovision Song Contest irgendetwas mit Musik zu tun hat.“ Das ist keine ausgewogene Untersuchung des Wettbewerbs, sondern ein Geschmacksurteil mit scharfem Rand. Solche Sätze sind riskanter und aufschlussreicher als die neutrale Mitteilung, Geschmäcker seien verschieden. Natürlich sind sie verschieden. Interessant wird es erst, wenn jemand sagt, wo seine Geduld endet.

Umgekehrt ist Begeisterung kein Beweis. Sie ist eine Gedächtnismarke. Arthur Blythes Sound wurde zu oft gehört, als dass er je vergessen werden könnte. Die relative Unordnung der Struktur stört wegen der präponderanten „Tröte“ nicht. Dieser Satz erklärt keine allgemeine Ästhetik des Saxophons; er beschreibt genauer, was eine Empfehlung leisten kann: Sie benennt die Stelle, an der ein möglicher Einwand gegen die besondere Präsenz des Klangs seine Kraft verliert.

Wiederkaufen

Es gibt ein einfaches Kriterium für gute Musik: Würde man das Album erneut kaufen, wenn man es verloren hat? Die Frage ist gröber als jede ausgearbeitete Kritik und trifft dennoch einen empfindlichen Punkt. Wiederkaufen heißt, dass Erinnerung nicht genügt. Die Musik soll erneut verfügbar sein, nicht nur als biografisches Wissen, sondern als Klang, der noch einmal in die Gegenwart eingreifen kann. Manche hochgeschätzte Platte besteht diesen Test nicht; manches Album, das in keiner Geschichte der Musik eine Epoche eröffnet, würde ohne Zögern ersetzt.

Der Wiederkauf prüft zugleich den Abstand zwischen Sammeln und Hören. Eine Sammlung kann Respekt, Vollständigkeitswunsch und das schlechte Gewissen dokumentieren, bestimmte Werke endlich angemessen würdigen zu müssen. Die verlorene Platte stellt eine brutalere Frage: Fehlt sie wirklich? Wo die Antwort Ja lautet, besitzt die Empfehlung ihren glaubwürdigsten Grund. Nicht weil das Album objektiv das beste wäre, sondern weil sein Fehlen eine Lücke erzeugt.

Auch die sogenannte Entdeckung funktioniert auf diese Weise. Sie muss keine musikhistorische Neuheit sein. Blind Lemon Jefferson ist nicht neu, doch eine Gedenkminute bleibt angebracht, weil Tausende von seinem Gitarrenstil zehren, darunter vermutlich viele, die seinen Namen nicht kennen. Eine Empfehlung kann eine überhörte Herkunft wieder kenntlich machen. Sie zieht keine gerade Abstammungslinie, sondern markiert, wo ein Klang lange nach seinem Urheber weiterarbeitet.

Tradition in der Gegenwart

Traditionsmusik wird langweilig, sobald ihre Korrektheit wichtiger wird als ihre Gegenwart. Joscho Stephan führt mit „Django Nuevo“ das Erbe glasklar und forever swinging fort. Beim Biel Ballester Trio gibt es Gypsy Jazz zwar wie Sand am Meer, doch die Musiker laden das Genre so dynamisch auf, dass wir Django und die anderen in der Weise hören, wie sie heute spielen müssten. Das ist ein brauchbares Kriterium: Tradition gelingt nicht, wenn sie eine vergangene Oberfläche möglichst staubfrei konserviert, sondern wenn sie deren Energie unter heutigen Bedingungen wieder riskieren kann.

Dasselbe Problem stellt sich dem Blues, nur in anderer Verkleidung. Bei den Black Keys bleibt die Tradition hörbar, obwohl der Erfolg der bekannten Schemata unwahrscheinlich erscheinen müsste. Einerseits inszenieren sie diese Musik und reflektieren ihre Zeichen bis zur Ironie; andererseits machen sie „nur“ Musik und bewahren eine autochthone, erdige Ebene. Gerade die Spannung zwischen reflektierter Wiederholung und unmittelbarer Klangkraft produziert den Kultcharakter. Wer bloß zitiert, landet im Museum. Wer behauptet, ohne Geschichte zu spielen, hat sie meistens nur vergessen.

Saxophonensemble auf einer Bonner Bühne neben einer farbig beleuchteten Beethovenfigur
Klanggrund: Tradition erscheint nicht als stilles Denkmal, sondern muss vor Publikum erneut Gegenwart werden. Fotografie und Gestaltung: Goedart Palm.

Die Ordnung bleibt vorläufig

Listen werden gern mit der Hoffnung geschrieben, eine endgültige Auswahl könne das Hören beruhigen. Doch jedes Wiederhören verändert die Karte. Ein Meisterwerk kann verblassen, eine beiläufig gekaufte Platte nach Jahren ihren Moment finden, eine Stimme kann mit einer Erinnerung so fest verbunden sein, dass musikalisches Urteil und verlorene Zeit nicht mehr sauber zu trennen sind. Der private Kanon ist deshalb kein Denkmalpark. Er gleicht eher einer Küste, deren Inseln bei anderem Licht neue Umrisse bekommen.

Hinzu kommt, dass jede Liste auch ihre technischen Bedingungen verschweigt. Was im Plattenladen erreichbar war, im Radio lief, von Freunden überspielt oder auf einer Reise zufällig entdeckt wurde, gelangte überhaupt erst in den Bereich des möglichen Urteils. Eine private Hörkarte verzeichnet daher nicht nur Vorlieben, sondern Wege der Verfügbarkeit. Sie enthält Lücken, die nicht aus Ablehnung, sondern aus Nichtbegegnung entstanden sind. Gerade deshalb sollte sie selbstbewusst und widerruflich zugleich sein: deutlich genug, um eine Empfehlung zu wagen, und offen genug, um morgen eine bislang unbekannte Insel einzuzeichnen.

Empfehlungen sind unter diesen Bedingungen keine Befehle zur richtigen Bildung. Sie sind Berichte von Aufenthalten. Hier hat eine Orgel einen Himmel eröffnet, dort eine Harp mit absoluter Autorität gesprochen; an anderer Stelle war die Instrumentierung so schlicht und konsistent, dass kein Durchhänger die Platte beschädigte. Die Gründe bleiben verschieden, weil Musik auf verschiedenen Wegen bleibt. Manchmal entscheidet eine Form, manchmal ein Sound, manchmal die Erinnerung an eine erste Begegnung, manchmal nur das Verlangen, sofort noch einmal von vorn zu hören.

Die Rangliste ist Unsinn. Das Wiederhören ist das Kriterium. Der Rest bleibt vorläufig.

Blues, der bleibt

Zu den besten Blues-Platten „aller Zeiten“ gehört die erste Veröffentlichung von Junior Wells: Hoodoo Man Blues. Kurze, auf den Punkt gespielte Stücke mit einer hervorragenden Gitarrenarbeit von Buddy Guy, die sich nicht so sehr in den Vordergrund schiebt. Guy „shreddert“ mehr, spielt selbst auf der Gitarre einen Harmonica-Style. Wells spielt seine Harp mit absoluter Autorität. Später legte Wells viele konventionellere Alben vor, was seine Meisterschaft nie beeinträchtigte.

Blind Lemon Jefferson: eine Gedenkminute. Von diesem Gitarrenstil zehren Tausende Musiker nach ihm, darunter viele, die ihn vermutlich nicht einmal kennen.

Dan Auerbach und The Black Keys: „We like spooky sounds …“ Well, so do I. Die Musik hält die Spannung zwischen ironisch reflektierter Inszenierung und jener erdigen Ebene, auf der sich der Blues nicht erklären muss. Mehr zum Zusammenhang auf der Seite Blues.

Jazz, Orgel, Tröte

Wenn im Himmel Orgelmusik gespielt wird, dann lasst Jimmy Smith spielen. Smith ist bereit und hat die einschlägige Aufnahme schon vorgelegt: Groovin’ at Small’s Paradise von 1957. Barbara Dennerlein solo ist ebenfalls nicht zu verachten.

Arthur Blythe: Ich habe den Sound zu oft gehört, als dass ich ihn je vergessen könnte. Die relative Unordnung der Struktur stört mich hier wegen der präponderanten „Tröte“ nie.

Album der Woche: Yusef Abdul Lateef, Eastern Sounds.

Zeichnerische Komposition aus Gesichtern, Instrumentformen, Augen und rhythmischen Linien mit dem Schriftzug Egyptian Jazz
Egyptian Jazz: Instrumente, Gesichter und Zeichen bilden ihre eigene Hörkarte. Zeichnung: Goedart Palm.

Gypsy Swing

Joscho Stephan – Django Nuevo: Ja, genau so. Das ist die Fortführung des Erbes – glasklar gespielt, forever swinging.

Biel Ballester Trio: Gypsy Jazz gibt es wie Sand am Meer, aber hier laufen die Musiker zu einer Form auf, die das Genre nicht neu erfindet, jedoch so dynamisch auflädt, dass wir Django und die anderen in der Weise hören, wie sie heute spielen müssten.

Rock, Indie und Verwandtes

Divine Horsemen, Snake Handler: Es hat so viel Alt-, Punk- und Indie-Kram gegeben, doch dies ist eines der Alben, das bei aller relativen Schlichtheit der Instrumentierung sehr konsistent erscheint. Keine Durchhänger, keine Schnörkel – Album der Woche.

Country Joe and the Fish.

Eilen Jewell.

Reggae und Randlagen

Linton Kwesi Johnson – der ist wirklich cool. Und Hand aufs Herz: Von wem können wir das mit Überzeugung sagen?

Musik für die letzte Veranstaltung

Falls das Wiederkaufkriterium noch zu lebenspraktisch erscheint, bleibt der Vorschlag, die musikalische Abfolge der eigenen Beerdigung beziehungsweise Verbrennung mit eben dieser Musik vorzubereiten. Wenn Ranglisten schon fantastisch unsinnig sind, könnten sie wenigstens an einer Stelle verbindlich werden, an der man die Reaktion des Publikums nicht mehr persönlich auswerten muss.

Musik und Literatur

Peter V. Brinkempers intermediale Neuinterpretation von Thomas Manns Doktor Faustus gehört nicht in eine persönliche Empfehlungsliste. Der vollständige Besprechungstext ist deshalb jetzt im biografischen Zusammenhang dokumentiert: Provozierte Musik – Spiegel, Echo und Doktor Faustus.

Weiterhören und weiterlesen