Musik · Technik · Virtualität

Virtuelle Musik

Was vom Klang bleibt, wenn die Hand abwesend ist.

Die abwesende Hand

Musik hat sich über Jahrhunderte in einer eigentümlich instabilen Dreiecksbeziehung ereignet: Eine Komposition entwarf eine Ordnung, ein Interpret übersetzte diese Ordnung in körperliche Bewegung, und erst im erklingenden Augenblick wurde aus beiden ein Ereignis, das mit seinem Verklingen bereits wieder verloren ging. Die Partitur war noch keine Musik, der Körper spielte nicht bloß eine Anweisung ab, und der Klang konnte nicht festgehalten werden, ohne etwas von jener Gegenwart einzubüßen, in der ein Atem, eine Hand, eine Tagesform und ein Raum miteinander verhandelten, was das Werk diesmal sein würde. Gerade weil die Komposition bleiben sollte, musste sie immer wieder neu durch einen vergänglichen Körper hindurch.

Technische Medien haben diese Beziehung nicht in einem einzigen revolutionären Schritt zerstört. Sie haben ihre Seiten nacheinander voneinander gelöst. Das mechanische Klavier speicherte eine Bewegung, die Schallplatte bewahrte ein vergangenes Klangereignis, die elektronische Klangerzeugung verzichtete auf die akustische Herkunft aus einem traditionellen Instrument, der Computer machte musikalische Verhältnisse berechenbar, und generative Systeme können heute klingende Zusammenhänge hervorbringen, ohne dass ihnen eine abgeschlossene menschliche Komposition vorausgehen muss. In jeder dieser Verschiebungen bleibt Musik wirklich; ungewiss wird lediglich, wo ihre Wirklichkeit beginnt und wem sie zugerechnet werden kann.

Abstrakte blaue Formen zwischen organischer Gestalt, Spiegelung und technisch erzeugter Klangfigur
Virtuelle Musik: organische Anmutung und technische Spiegelung in einer frühen digitalen Bildarbeit. © Goedart Palm

Mechanische Musik

Das Player Piano und der Lochstreifen bedeuteten deshalb mehr als eine bequeme Wiedergabemaschine. In ihnen wurde musikalische Bewegung erstmals systematisch von der Anwesenheit derjenigen Hand getrennt, die sie hervorgebracht oder für die sie gedacht hatte. Anschlag, Dauer, Einsatz und Folge ließen sich codieren und später erneut ausführen. Der Pianist war abwesend, doch eine Struktur seiner möglichen Bewegung blieb operativ. Das Instrument erinnerte nicht im psychologischen Sinn; es aktualisierte eine gespeicherte Differenz von Loch und Nichtloch, Impuls und Pause. Gerade darin liegt eine frühe Form musikalischer Virtualität: Nicht der Klang selbst wartet im Streifen, sondern eine Ordnung, die unter geeigneten Bedingungen wieder Klang werden kann.

Paul Hindemith erkannte in der mechanischen Musik die Möglichkeit, den Willen des Komponisten genauer festzulegen, ihn von Zufall, Tagesform und den physischen Grenzen des Ausführenden zu lösen, neue technische Mittel zu erschließen und Musik zugleich preiswerter zu verbreiten. Die Hoffnung richtete sich auf Präzision, doch sie enthielt eine folgenreiche Ambivalenz. Der Interpret erschien als Störung zwischen Entwurf und Resultat, obwohl gerade sein Widerstand, seine Verzögerung und seine körperliche Begrenzung das Werk bislang in die Zeit übersetzt hatten. Wird dieser Vermittler beseitigt, erfüllt die Maschine vielleicht den Willen des Komponisten; sie enthüllt aber auch, wie wenig eindeutig dieser Wille jemals in einer Partitur vorhanden war.

Ein Pianist hat zehn Finger, ein Bläser muss atmen, ein Schlagzeuger kann nicht an beliebig vielen Stellen zugleich sein. Solche Grenzen wurden traditionell nicht nur als Mangel erlebt, sondern bildeten die Grammatik des musikalisch Möglichen. Die Maschine verschiebt diese Grammatik. Sie kann Tempi, Schichtungen, Wiederholungen und Präzisionsgrade hervorbringen, die kein einzelner Körper unmittelbar realisieren könnte. Damit wird nicht einfach eine menschliche Leistung technisch verbessert. Es entsteht eine Musik, deren Möglichkeit nicht länger mit der Möglichkeit ihrer Aufführung durch einen Menschen zusammenfällt. Ob sie deshalb unmenschlich ist, bleibt die falsche Alternative: Auch das Unspielbare kann aus menschlicher Vorstellung hervorgehen, während das virtuos Spielbare längst maschinenförmig diszipliniert sein kann.

Geräusch wird Klang

Luigi Russolos futuristische Geräuschkunst setzte an einer anderen Grenze an. Die industrielle Umwelt hatte das akustische Inventar der Städte bereits verändert, bevor die Kunst entschied, ob Motoren, Sirenen, Stampfen, Summen und Reibung musikalisch sein dürften. Russolos Provokation bestand daher nicht bloß in der Aufnahme lauterer oder hässlicherer Klänge. Sie entzog der tradierten Tonordnung das Recht, im Voraus zu bestimmen, was überhaupt als musikalisches Material gelten könne. Wenn die Maschine nicht nur spielt, sondern selbst klingt, wird die technische Umwelt vom Störgeräusch zum möglichen Instrument.

Diese Entgrenzung reicht bis zu elektronischer Musik, Noise und Sampling. Der Klang muss keine adelnde Herkunft mehr nachweisen; entscheidend wird, welche Beziehungen, Wiederholungen und Kontraste ihn in einem musikalischen Zusammenhang hörbar machen. Ein Stadtgeräusch kann Rhythmus, ein Defekt Klangfarbe, ein zufälliges Knacken formbildendes Ereignis werden. Das Ohr entdeckt dabei nicht einfach Musik, die in allen Dingen verborgen lag. Es lernt eine neue Unterscheidung. Technische Kunst erweitert Wahrnehmung, indem sie das vormals Ausgeschlossene so organisiert, dass es nicht länger bloß als akustischer Abfall erscheint.

Das virtuelle Instrument

Ein traditionelles Instrument ist ein System körperlicher Widerstände. Die Saite besitzt Spannung, das Rohr eine Luftsäule, die Taste einen Weg, das Fell eine Oberfläche; Spieltechnik heißt, diese Materialitäten so genau zu kennen, dass ihr Widerstand nicht verschwindet, sondern Ausdruck werden kann. Das virtuelle Instrument benötigt diese konkrete Mechanik nicht. Es kann die klanglichen Eigenschaften einer Violine simulieren, ohne Holz, Bogen oder Saite zu besitzen, und es kann Klänge erzeugen, für die überhaupt kein materielles Vorbild existiert. Seine Grenzen sind weniger durch Stoff als durch Modell, Rechenleistung, Bedienoberfläche und Vorstellung bestimmt.

Dadurch löst sich der Klang von seiner sichtbaren Ursache. Wer eine Trompete hört, erwartet Atem, Metall, Ansatz und eine bestimmte Geste; ein synthetischer Trompetenklang kann diese Erwartung erfüllen, ohne dass eines dieser Elemente gegenwärtig wäre. Die Simulation bewahrt die Erscheinungsform und ersetzt das Ursprungsereignis. Zugleich wäre es zu einfach, darin nur Verlust zu sehen. Der Synthesizer ist nicht deshalb interessant, weil er eine schlechtere Violine sein kann, sondern weil er zwischen bekannten Instrumenten Übergänge erzeugt, ihre Eigenschaften überdehnt und klangliche Körper konstruiert, die in keiner Werkstatt gebaut werden könnten.

Heinz von Foerster, in Palms Porträt Physiker, radikaler Konstruktivist und Pionier der Computermusik, verkörpert diese Verbindung von Berechnung und Wahrnehmung. Computermusik ist nicht bloß Musik mit einem neuen Werkzeug. Sie macht die Regeln der Hervorbringung selbst zum musikalischen Material. Ein Programm beschreibt nicht notwendig jeden einzelnen Ton; es kann Bedingungen formulieren, unter denen Töne entstehen, sich verändern und aufeinander reagieren. Komponieren nähert sich damit dem Entwurf eines Möglichkeitsraums. Das Werk ist weniger die fixierte Folge als eine Maschine für Folgen.

Original ohne Original

Die Schallplatte hatte die Aufführung bereits von ihrem Ort und ihrer Zeit getrennt, ohne ihren Ereignischarakter vollständig zu tilgen. Die Rille bewahrte eine Spur, das Grammophon setzte sie erneut in Schwingung, und jede Wiedergabe trug noch die materielle Geschichte von Nadel, Abnutzung und Oberfläche. Mit der digitalen Datei veränderte sich diese Lage grundsätzlicher. Ihre Kopie muss nicht schwächer, verrauschter oder weiter vom Ursprung entfernt sein. Sie kann Bit für Bit identisch sein, sodass die Unterscheidung zwischen Original und Kopie technisch ihren alten Sinn verliert. Es entstehen nicht mehrere individuelle Werkstücke, sondern mehrere Instanzen derselben Information.

Geöffnetes tragbares Grammophon mit aufgelegter Schallplatte und sichtbarer Kurbel
Das Grammophon bindet die Wiederholung noch an Rille, Nadel, Kurbel und materiellen Verschleiß. Fotografie: Goedart Palm.

Palms Auseinandersetzung mit Privatkopie und Kopierschutz dokumentiert den Konflikt, den diese Eigenschaft für die Musikindustrie erzeugte. Eine Kunstform, deren technische Existenz auf Reproduzierbarkeit beruht, sollte künstlich verknappt werden, damit sie als Ware kontrollierbar blieb. Der Kopierschutz konnte den rechtmäßigen Käufer stärker behindern als den professionellen Kopierer; aus der Sperre gegen Vervielfältigung wurde eine Sperre gegen Gebrauch. Medienphilosophisch entscheidend ist weniger die damalige Rechtslage als das Paradox eines Eigentumsmodells, das knappe, unterscheidbare Gegenstände voraussetzt, während digitale Musik beim Teilen nicht aus dem Besitz des Gebers verschwindet.

MP3, Filesharing und später Streaming veränderten daher nicht bloß den Vertrieb. Das Album verlor seine materielle Geschlossenheit, die Sammlung wurde zur Datenbank, und die Verfügbarkeit löste sich vom Besitz. Im Streaming scheint nahezu alles erreichbar, doch die Datei gehört dem Hörer nicht; Titel können aus Katalogen verschwinden, Empfehlungen werden algorithmisch vorsortiert und Nutzungsrechte im Hintergrund neu verteilt. Die Kopie zerstörte die Knappheit des Tonträgers, die Plattform restauriert sie als kontrollierten Zugang. Musik wird grenzenlos verfügbar und bleibt im fremden System.

Vergangenheit als Instrument

Sampling führt die Virtualisierung noch näher an die musikalische Zeit heran. Das Sample ist ein vergangener Klang, der aus seinem ursprünglichen Ereignis herausgeschnitten und in einem neuen Zusammenhang aktualisiert wird. Die Aufnahme dient nicht mehr nur der Wiedergabe; sie wird selbst zum Instrument. Ein Schlag, eine Stimme, ein Takt oder ein Nebengeräusch kann wiederholt, gedehnt, transponiert und mit anderen Zeiten verschaltet werden. Vergangenheit wird nicht erinnert, sondern spielbar.

Damit verteilt sich Autorschaft über eine Kette: Jemand erzeugte den Klang, jemand nahm ihn auf, jemand isolierte ihn, ein anderer transformierte und kombinierte ihn. Keine dieser Operationen ist bedeutungslos, doch keine besitzt notwendig allein das Werk. Das Sample zeigt in konzentrierter Form, dass musikalisches Material immer schon Überlieferung war; neu ist, dass die technische Spur selbst unmittelbar in die Produktion zurückkehrt. Zitat und Instrument, Dokument und Gegenwart fallen ineinander. Die Frage nach dem Eigentum bleibt, aber ästhetisch interessanter ist die neue Zeitform: Was einmal geschah, kann in einer Folge auftreten, die damals noch nicht existierte.

Die Stimme ohne Körper

Trotz aller Virtualisierung verschwindet der Körper nicht. Popmusik bindet Stimme, Bühnenfigur, Blick und biographische Erzählung so eng aneinander, dass die technische Produktion häufig gerade eine gesteigerte Körpernähe simuliert. Das Mikrofon lässt das Flüstern intim erscheinen, Mehrspurtechnik vervielfacht eine einzelne Kehle, Schnitt und Pitch-Korrektur erzeugen eine Kontinuität, die in keinem ununterbrochenen Singen vorhanden war. Wir hören einen Menschen und zugleich ein technisches Produkt. Die Stimme ist körperlich, weil sie als Spur eines Atems lesbar bleibt, und virtuell, weil der hörbare Körper aus vielen Zeiten und Eingriffen zusammengesetzt sein kann.

Der Interpret verschwindet also nicht einfach; er wird verteilt. Ein Teil seiner Geste liegt in der Aufnahme, ein anderer in der Bearbeitung, ein weiterer in der medialen Persona, die dem Klang ein Gesicht gibt. Gerade wo technische Perfektion die Zufälle des Körpers entfernt, wächst oft das Bedürfnis nach sichtbarer Authentizität: Konzert, Video, Interview und private Erzählung sollen beglaubigen, dass hinter der vollkommenen Oberfläche noch jemand empfindet. Die Virtualisierung macht den Körper nicht überflüssig. Sie verwandelt ihn von der notwendigen Schallursache in ein Zeichen musikalischer Herkunft.

Nach dem Komponisten

Generative Systeme verschärfen diese Entwicklung, weil sie nicht nur Klänge speichern, reproduzieren oder nach explizit entworfenen Regeln variieren. Aus großen Beständen musikalischer Strukturen können sie neue Stücke hervorbringen, die stilistische Erwartungen erfüllen, ohne dass ein einzelner Mensch zuvor über jeden Einsatz, jede Wendung und jeden Klang entschieden hätte. Der menschliche Anteil verschwindet auch hier nicht: Er liegt in Datenwahl, Modellarchitektur, Eingabe, Auswahl, Verwerfung, Kontext und Gebrauch. Doch die traditionelle Zurechnung von Ausdruck an ein erlebendes Subjekt wird unsicher.

Ein generiertes Stück kann Trauer, Spannung, Innigkeit oder Triumph formal überzeugend darstellen, ohne dass ein System traurig, angespannt oder triumphierend gewesen wäre. Damit entsteht die musikalische Variante des generativen Bildproblems: Die Erscheinungsform bleibt erhalten, während das traditionelle Ursprungsereignis fehlen kann. Daraus folgt weder, dass der Klang bedeutungslos sei, noch dass maschineller Ausdruck mit menschlichem Erleben identisch werde. Bedeutung entsteht auch beim Hörer, in Situationen und Erinnerungen, die kein Produktionsverfahren kontrolliert. Aber die alte Abkürzung vom Ausdrucksmerkmal auf einen ausdrückenden Menschen funktioniert nicht mehr zuverlässig.

Virtuelle Musik ist deshalb nicht unwirkliche Musik. Sie ist Musik, deren Wirklichkeit nicht mehr notwendig an die Anwesenheit dessen gebunden ist, der sie hervorbringt. Sie existiert als gespeicherte Bewegung, Aufnahme, Datei, Sample, Simulation, Code und algorithmische Möglichkeit; sie kann jederzeit aktualisiert werden, ohne an einen einzigen Körper, ein bestimmtes Instrument, eine abgeschlossene Partitur oder einen materiellen Tonträger gebunden zu bleiben. Gerade dadurch wird sichtbar, wie eng die ältere Vorstellung musikalischen Ausdrucks an Hand, Atem, Widerstand, Ereignis und Autor gekoppelt war.

Die Technik nimmt der Musik ihre Wirklichkeit nicht. Sie verlagert den Ort, an dem wir sie suchen müssen. Wo einst der Interpret zwischen Komposition und Klang stand, treten heute Apparate, Speicher, Programme, Modelle und Plattformen hinzu; sie erweitern den musikalischen Möglichkeitsraum und machen seine Bedingungen zugleich undurchsichtiger. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Maschinen wirklich Musik machen können. Sie lautet, welche Beziehungen zwischen menschlicher Erfahrung, technischer Struktur und hörendem Körper wir Musik nennen wollen, wenn keiner dieser Pole mehr allein ihr Ursprung ist.

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