Biografie und Erinnerung

Vor der eigenen Biografie

Familie, Herkunft und die ungefragten Anfänge einer Person.

Bevor ein Mensch sich selbst entwirft, ist über ihn schon erstaunlich viel verfügt. Er hat einen Namen, eine Familie, eine Sprache und eine Adresse; er kennt Stimmen, Regeln, Essenszeiten, Gesten der Zustimmung und Formen des Schweigens. Nichts davon hat er beantragt. Später nennt man das Herkunft und spricht darüber, als läge am Anfang der eigenen Geschichte eine sauber beschriftete Schublade. Tatsächlich beginnt eine Biografie eher in einem unübersichtlichen Haushalt aus Zufall, Prägung, Widerstand und nachträglicher Deutung. Familie ist darin weder Schicksalsmacht noch bloße Kulisse. Sie ist die erste soziale Ordnung – und die erste, gegen die man sich irgendwann eine eigene Ordnung ausdenken muss.

Die ungefragte Welt

Familie wird zuerst nicht als Beziehungssystem erlebt. Sie ist einfach die Welt. Ihre Personen besitzen Namen und Temperamente, aber noch keine soziologischen Funktionen. Erwachsene wissen, was erlaubt ist, wann man aufsteht und weshalb etwas „sich nicht gehört“. Kinder lernen diese Ordnung nicht aus einem Regelbuch. Sie lesen Gesichter, Tonfälle und Wiederholungen. So entsteht ein erstes Wissen darüber, wie Nähe verteilt wird, welche Geschichten häufig erzählt werden und welche besser unberührt bleiben.

Mit dieser Ordnung werden nicht nur Vorschriften vermittelt. Sprache, Geschmack, Scham, Ehrgeiz und die feinen Unterschiede zwischen dem Selbstverständlichen und dem beinahe Undenkbaren gehen in sie ein. Das Kind erfährt, welche Wünsche vernünftig klingen, welche Menschen als Vorbilder gelten, worüber man lachen darf und wann ein zu deutliches Interesse peinlich wird. So bildet sich, lange vor jeder bewussten Weltanschauung, eine praktische Orientierung. Man könnte sie mit Bourdieu Habitus nennen, sofern das Wort nicht zur rückwirkenden Zwangsjacke wird. Denn Prägung ist keine Programmierung. Sie stellt Möglichkeiten bereit, macht andere unwahrscheinlich und wird doch von jedem Kind eigens aufgenommen: zustimmend, widerständig, missverstehend oder in jener Übertreibung, mit der man sich gerade vom Vorgegebenen entfernen will.

Goedart Palm wurde in Köln geboren, lebte kurz in Gummersbach und wuchs im Wesentlichen in Bonn auf. Schon diese knappe Ortsfolge widerspricht der Vorstellung eines einzigen Ursprungs. Herkunft ist kein Punkt auf der Landkarte. Sie setzt sich aus Wohnungen, Straßen, Verwandtschaftsbesuchen und den Bewegungen zwischen ihnen zusammen. Köln bleibt Geburtsort, Bonn wird der eigentliche Sozialisationsraum; andere Orte treten später hinzu und verändern rückwirkend, was die frühen Orte bedeuten.

Zu den Familienbildern gehören Fotografien und Dokumente verschiedener Generationen: die Mutter als Mädchen mit einer vermutlich längst unpassend gewordenen Puppe, Peter Palm ungefähr im Alter von dreizehn Jahren, Karl Palm im Ersten Weltkrieg. Solche Bilder liefern keine vollständige Stammtafel. Sie zeigen Menschen in den Posen ihrer Zeit und bewahren gerade dadurch etwas, das ihre Nachfahren nicht mehr unmittelbar kennen können. Man erbt nicht ihre Erfahrung. Man erbt Bilder, Namen und Erzählungen – Material, aus dem später Zusammenhang hergestellt wird.

Die Familie ist deshalb zugleich Wirklichkeit und erste Erzählung über Wirklichkeit. Sie sagt einem nicht nur, wer die anderen sind, sondern auch, wer man selbst angeblich sei: der Vernünftige, der Schwierige, der Begabte, der Verträumte. Solche frühen Benennungen können schützen und ermutigen. Sie können aber auch eine Leistungserwartung erzeugen, der man noch folgt, wenn niemand sie mehr ausspricht. Wer als „gut“ gesehen wird, gewinnt Anerkennung und gerät zugleich in die Versuchung, dieses Gesehenwerden nicht zu enttäuschen. Zwischen Zugehörigkeit und Individuation entsteht so kein einzelner großer Konflikt, sondern ein langes Aushandeln: Wie viel vom zugeschriebenen Bild wird übernommen, wie viel korrigiert, wie viel erst Jahrzehnte später als fremde Erwartung erkannt?

Historisches Porträt Karl Palms in Uniform
Karl Palm im Ersten Weltkrieg. Ein beschädigtes Bild, kein lückenloses Wissen.

Das historische Foto wirkt präzise und bleibt doch stumm. Uniform, Haltung und Atelierhintergrund sagen etwas über eine Epoche, aber wenig über den Menschen außerhalb dieses Augenblicks. Genau darin liegt die Grenze biografischer Rückschlüsse. Familie darf nicht aus ihren Bildern herausdiagnostiziert werden. Die Spuren sind ernst zu nehmen, ohne ihnen mehr Gewissheit abzupressen, als sie besitzen.

Das Haus und die Außenwelt

Die Familie ist die erste Welt, aber sie bleibt nicht lange die einzige. Straße, Nachbarschaft, Schule und Stadt beginnen früh, ihre eigenen Regeln geltend zu machen. In Duisdorf lagen Provinz und Bundesrepublik eng beieinander: Geschäfte, Lichtburg, wachsende Neubaugebiete und der Blick nach Lessenich bildeten eine lokale Topografie, während Radio, Fernsehen, Bücher und Kino längst andere Räume hereinholten. Nachkriegsdeutschland war nicht nur politische Epoche, sondern eine Einrichtung aus Möbeln, Waren, Gewohnheiten und Erwartungen. Das Neue trat neben das Alte, selten an dessen Stelle.

Die Kindheit der fünfziger und sechziger Jahre stand in einem historischen Zwischenraum. Wiederaufbau und bürgerliche Normalisierung versprachen Sicherheit; hinter ihnen blieben Krieg, Verlust und vielfach auch das Schweigen über beides gegenwärtig. Autorität gehörte zum Ton der Institutionen, während Bildungsaufstieg und Bildungsexpansion neue Wege öffneten. Fernsehen brachte eine gemeinsame Gegenwart ins Wohnzimmer, Popmusik andere Körperhaltungen, andere Haare, andere Zeitrechnungen. Die Jahre um 1968 und ihre Nachwirkungen erreichten auch jene Haushalte, die an keiner Revolte teilnahmen. Internationalisierung war nicht zuerst ein abstrakter Prozess. Sie erschien als Lied, Film, Zeitschrift, Reise und als die Irritation, dass anderswo offenbar anders gelebt wurde.

Eine frühe Episode macht sichtbar, wie sich Begabung, Familie und Öffentlichkeit verschränken. Als Palm etwa fünf oder sechs Jahre alt war, zeigte seine Mutter einer Nachbarin eine Zeichnung des Kindes. Die Nachbarin hielt sie für unglaubwürdig: Ein Kind dieses Alters könne so nicht zeichnen, die Mutter müsse nachgeholfen haben. Der kleine Vorgang ist weniger Ursprungsmythos als soziale Szene. Eine Fähigkeit wird im Familienraum bemerkt, nach außen getragen, dort bezweifelt und gerade durch diesen Zweifel als etwas Besonderes markiert.

Psychologisch bedeutsam ist daran nicht irgendeine verborgene Diagnose, sondern die Verteilung von Aufmerksamkeit. Jemand sieht etwas, zeigt es weiter, ein anderer bestreitet es. Anerkennung und Zweifel treffen in derselben Szene zusammen. Vielleicht entsteht daraus Selbstvertrauen, vielleicht Trotz, vielleicht nur eine Erinnerung, die später besonders gut in die Erzählung des zeichnenden Kindes passt. Erst die spätere Person macht aus solchen Momenten Anfänge. Das Kind selbst kennt den Ausgang noch nicht.

Später hingen Zeichnungen im Klassenraum. Schule bedeutete also nicht nur Disziplin und Bewertung, sondern auch eine erste Form öffentlicher Sichtbarkeit. Am Helmholtz-Gymnasium in Bonn-Duisdorf, das Palm von der Sexta bis zum Abitur 1975 besuchte, wurde der Kunstraum zu einem Gegenort innerhalb der Institution. Der Kunstlehrer Peter Wartenberg sprach über Kunst so, dass aus schulischer Beschäftigung ein dauerhafter Blick werden konnte. Die erste Begeisterung galt dabei nicht allem, was der Kanon vorsah. Der Impressionismus erschien zunächst wie eine verfeinerte, etwas unscharfe Fotografie. Erst der Surrealismus zeigte, dass ein Bild die sichtbare Welt nicht bestätigen muss, sondern eine Gegenwirklichkeit präzise organisieren kann.

Auch politische Sozialisation fand nicht nur in Lehrbüchern statt. Der SMV-Raum – Tisch, Zigarettenrauch, lange Gespräche – wurde zum kleinen Versuchslabor von Öffentlichkeit. Hier traten Gleichaltrige, Meinungen und Konflikte neben die familiären Rollen. Schule war damit beides: eine Institution bürgerlicher Erwartungen und ein Ort, an dem man lernen konnte, solchen Erwartungen zu widersprechen.

Bücher, Musik, Bilder

Kulturelle Sozialisation verläuft selten nach einem vernünftigen Lehrplan. Sie beginnt mit dem, was erreichbar ist. Karl May in schweren Bamberger Ausgaben, Leihbibliotheken, Comics, später Robert Crumb und Moebius: Das waren keine Vorstufen zu einer angeblich höheren Kultur, sondern unterschiedliche Verfahren, Welt herzustellen. Bücher waren kostspielig; die Leihbibliothek wurde deshalb zur Infrastruktur der Imagination. Lesen öffnete Räume, lange bevor Reisen selbstverständlich wurden.

Die Interessen des Kindes und Jugendlichen waren nicht einfach eine Verlängerung des Elternhauses. Entscheidend wurde vielmehr die Möglichkeit, aus dem Vorgefundenen auszuwählen. Nietzsche traf auf ein philosophisches Nichts und konnte gerade deshalb ungebremst wirken. Freud, Aphoristiker, Romane und Tagebücher kamen hinzu. Musik bildete ein zweites Klima: Beatles, Stones, Pink Floyd, Hendrix und später Blues und Jazz. Film zeigte Lebensformen, die im Alltag nicht vorhanden waren. Godard, Fellini, Kubrick oder Rivette lieferten keine Gebrauchsanweisungen, sondern Atmosphären möglicher Existenz.

Der Zugang zu solchen Welten ist sozial ungleich verteilt, selbst wenn er sich im Rückblick wie reine Neugier ausnimmt. Man muss eine Buchhandlung betreten können, ohne sich fehl am Platz zu fühlen, in einem Museum nicht nur die Stille, sondern auch die unsichtbaren Verhaltensregeln aushalten, im Plattenladen Namen und Fächer lesen lernen. Kulturelles Kapital besteht nicht allein im Besitz von Büchern oder im Wiedererkennen von Zitaten. Es ist auch das praktische Zutrauen, sich in solchen Räumen bewegen, auswählen, fragen und urteilen zu dürfen. Diese Sicherheit kann im Elternhaus mitgegeben werden; sie kann aber ebenso mühsam, lustvoll und mit gelegentlicher Beschämung erworben werden.

Solche Gegenwelten sind nicht unsozial. Sie schaffen nur andere Gesellschaften. Autoren, Musiker, Regisseure und Maler werden zu imaginären Zeitgenossen; Buchhandlungen, Plattenläden, Kinos und Museen zu Räumen einer erweiterten Sozialisation. Die Familie verliert dadurch nicht ihre Bedeutung. Sie verliert ihr Monopol.

In diesen Nebenmilieus entstehen Wahlverwandtschaften, bevor die wirklichen Personen dazukommen. Ein Roman kann vorführen, dass eine bislang private Empfindung eine Sprache besitzt; eine Platte kann den eigenen Alltag mit einer fremden Intensität überblenden; ein Film kann eine Haltung anbieten, die man probeweise übernimmt. Das ist keine Flucht aus dem Sozialen, sondern der Eintritt in weitere soziale Wirklichkeiten. Sie erlauben Selbstentwürfe, korrigieren aber auch den Geschmack, mit dem man sie betritt. Wer auswählt, wird durch seine Auswahl wiederum verändert.

Gezeichnete Figurenfolge Familie Palm von Konstanze, 2004
„Familie Palm“, gezeichnet von Konstanze, 2004: Familie nicht als Stammbaum, sondern als eigensinnige Figurenfolge.

Die Zeichnung ordnet Familie ohne Anspruch auf fotografische Ähnlichkeit. Größe, Abstand, Krone, Frisur und Geste reichen aus, damit Beziehungen denkbar werden. Darin ist sie dem Erinnern näher als ein amtliches Register. Sie hält keine objektive Familienwirklichkeit fest, sondern zeigt, wie eine Gruppe in einem bestimmten Augenblick gesehen werden konnte: zugleich verbunden und aus lauter Einzelwesen zusammengesetzt.

Abgrenzung und Auswahl

Erwachsenwerden heißt nicht, Herkunft abzuschütteln. Es heißt zunächst, sie als Herkunft erkennen zu können. Was vorher selbstverständlich war, wird vergleichbar. Andere Haushalte, andere Schulen, andere Städte und andere Formen des Sprechens zeigen, dass die erste Ordnung nicht die einzige ist. Aus Übernahme wird Auswahl; aus Ablehnung bisweilen eine besonders hartnäckige Bindung. Manches bekämpft man so lange, dass es einen zuverlässiger begleitet als das ausdrücklich Bewahrte.

Autonomie beginnt daher selten mit einem souveränen Schnitt. Sie arbeitet am vorhandenen Material. Aus einer ererbten Genauigkeit kann ein eigener Stil werden, aus einer auferlegten Erwartung ein selbstgewählter Anspruch, aus einem Gefühl der Fremdheit eine produktive Beobachterposition. Umgekehrt kann vermeintlicher Eigensinn bloß die negative Kopie des Elternhauses bleiben. Dass man anders handelt, beweist noch nicht, dass man frei von der alten Ordnung ist. Freiheit zeigt sich eher darin, dass Übernahme und Widerspruch erkennbar, prüfbar und schließlich veränderbar werden.

Die Bundesrepublik erwartete Bildungswege, Berufe und eine gewisse Ernsthaftigkeit. Palm studierte an der Universität Bonn Rechtswissenschaft, Kunstgeschichte und Allgemeine Geschichte. Diese Kombination lässt sich im Rückblick leicht als programmatische Verbindung von Regel, Bild und Zeit lesen. Tatsächlich entstehen Studienentscheidungen aber nicht als fertiges Symbol der späteren Person. Sie gehören zu den Versuchen, Interessen, Erwartungen und mögliche Lebensformen gleichzeitig unterzubringen.

Auch der Schritt in die Kunstöffentlichkeit war kein geradliniger Ausstieg aus einer vorgegebenen Biografie. Zeichnen, Malen, Collagieren und Schreiben liefen neben Ausbildung und Beruf. Um 1980/81 wurde die Vorstellung deutlicher, Kunst nicht nur privat zu betreiben; 1982 folgte die Beteiligung an „Bonner Künstler aktuell“ im Städtischen Kunstmuseum Bonn. Eine Person konstruiert sich nicht einmal neu und ist dann fertig. Sie richtet zwischen verschiedenen sozialen Rollen eine Werkstatt ein.

In dieser Werkstatt erzählt sie sich zunehmend als Autor der eigenen Geschichte. Das ist notwendig und zugleich nur teilweise wahr. Niemand beginnt mit leerem Papier. Wörter, Wertungen, Körperhaltungen, Ängste und Vorlieben sind schon da; Institutionen stellen Abschlüsse und Ausschlüsse bereit; Zufälle öffnen Türen, die kein Lebensplan vorgesehen hatte. Autorschaft bedeutet biografisch nicht, alles verursacht zu haben. Sie bedeutet, aus Gegebenem Gewähltes zu machen und für diese Auswahl Verantwortung zu übernehmen.

Abgrenzung bedeutet dabei nicht die nachträgliche Denunziation der Familie. Eltern und Verwandte müssen nicht zu Hindernissen erklärt werden, damit eine eigene Welt entstehen kann. Ebenso wenig braucht es die versöhnliche Behauptung, jeder Konflikt habe letztlich einem höheren Zweck gedient. Biografisch produktiv ist gerade das Unaufgelöste: Hilfe und Begrenzung, Nähe und Fremdheit, Weitergabe und Missverständnis können gleichzeitig bestehen.

Andere Familien

Später treten selbstgewählte Zusammenhänge hinzu. Freunde sind keine Ersatzverwandten, auch wenn die Sprache sie gern zur „Wahlfamilie“ adelt. Sie entstehen unter anderen Bedingungen: aus gemeinsam verbrachter Zeit, Gesprächen, Reisen, Musik, Arbeit und der Möglichkeit, wieder zu gehen. Gerade deshalb können sie Prägungen erzeugen, die der Familie ähneln, ohne ihre Unwiderruflichkeit zu besitzen.

Auch diese zweite Sozialisation ist nicht beliebig. Man sucht Menschen und Milieus häufig mit einem bereits geformten Sensorium auf. Vertrautes wird wiedererkannt, Fehlendes gesucht, Unangenehmes vorsorglich gemieden. Dennoch erweitert jede ernsthafte Begegnung das Repertoire. Freunde können Erwartungen suspendieren, Lehrer eine Fähigkeit benennen, Institutionen disziplinieren, Städte Wahrnehmung beschleunigen. Manchmal genügt ein Satz zur richtigen Zeit; manchmal wirkt eine zufällige Bekanntschaft stärker als eine jahrelange Absicht. Familie ist der Anfang dieser Geschichte, nicht ihre Monokausalität.

Schulfreunde, Barcelona 1974, Science-Fiction in einem Kino von Canet de Mar, politische Gespräche und gemeinsam gehörte Musik verbinden Personen mit Orten und Medien. Ebenso erweitern Lehrer, Künstler, Autoren und Universitäten den Kreis der Stimmen, an denen man sich prüft. Nicht jede Begegnung bleibt. Manche wirkt jahrelang, andere nur in einem einzigen verdichteten Augenblick.

Städte werden in diesem Sinn zu sozialen Räumen. Bonn war Schule, Universität, Kunstszene und dauerhafter Ausgangspunkt. Köln blieb Herkunft und nahe Metropole. London zeigte 1968 eine andere urbane Geschwindigkeit: Schaufenster, Kinos, Werbung und Museen machten erfahrbar, dass Modernität nicht nur ein Begriff war. Paris und andere Städte kamen später hinzu. Die Faszination für Städte entstand dabei möglicherweise auch im Widerspruch zu jenen Familienausflügen, deren Hitze, Zielsuche und knappe Eisversorgung im Gedächtnis weniger als Glücksversprechen erhalten blieben. Eine Abneigung kann eine erstaunlich produktive Reiseroute eröffnen.

Goedart Palm in London 1968 vor Kinos und städtischer Werbung
London 1968: Die Außenwelt wird größer als der mitgebrachte Horizont.
Historische Reimagination einer Londoner Straßenszene mit einem Jungen, Pferdekutschen und Gaslaternen
Historische Reimagination: derselbe Ort und der Junge an nahezu derselben Stelle, um etwa ein Jahrhundert zurückversetzt. Keine dokumentarische Aufnahme.

Die Gegenüberstellung behauptet keine historische Authentizität. Sie verschiebt die persönliche Erinnerung probeweise in eine längere Zeit der Stadt. Der Ort bleibt wiedererkennbar, während Verkehr, Kleidung, Technik und soziale Ordnung ausgetauscht erscheinen. So wird sichtbar, dass individuelle Erfahrung immer nur eine kurze Schicht in der Biografie eines Ortes bildet. London war 1968 eine frühe Fremdheitserfahrung; die Reimagination macht aus dieser Erfahrung zusätzlich eine Frage: Wie viele fremde Gegenwarten haben denselben Straßenraum bereits für selbstverständlich gehalten?

Buchhandlungen, Plattenläden, Kino und Museum sind ebenfalls soziale Institutionen, nur ohne gemeinsamen Esstisch. Sie vermitteln Geschmack, ermöglichen Zugehörigkeit und produzieren Distinktionen. Man findet dort Gegenbilder zum Bekannten, aber auch neue Konventionen. Kein kulturelles Milieu ist frei von Regeln. Der Unterschied liegt darin, dass man seine Regeln zunächst freiwilliger zu betreten scheint.

Was bleibt

Eine Biografie ist keine Gleichung, in der Familie plus Schule plus Bücher zuverlässig eine Person ergeben. Dieselben Bedingungen hätten einen anderen Menschen hervorbringen können; andere Bedingungen vielleicht einen erstaunlich ähnlichen. Rückblickend entsteht leicht die Versuchung, jede frühe Szene als Vorzeichen zu lesen. Das zeichnende Kind muss dann notwendig zum Künstler, der Bücherleser zum Essayisten, der London-Besucher zum Stadtbeobachter werden. Solche Linien sind elegant und meistens zu glatt.

Erinnerung arbeitet ohnehin nicht wie ein Lebenslauf. Sie bewahrt eine Zeichnung, einen Klassenraum, eine Uhr, einen Laden nach dem Regen oder den Blick aus einem Bus und lässt vermeintlich wichtigere Jahre fast verschwinden. Familie lebt in diesen Ausschnitten fort: in Redewendungen, Vorlieben, Widerständen und Erwartungen, deren Herkunft man oft erst erkennt, wenn sie längst zur eigenen Stimme geworden sind.

Dabei ruft Erinnerung keine unveränderte Datei ab. Jede spätere Gegenwart ordnet die frühen Szenen neu. Der Künstler erkennt Vorzeichen, der Jurist Regeln, der ältere Mensch Verluste, die dem Kind noch unbekannt waren. Das macht Erinnerung nicht wertlos; es macht sie zu einer Form gegenwärtiger Arbeit. Sie bewahrt und erfindet nicht in sauber getrennten Anteilen, sondern rekonstruiert aus Bildern, Erzählungen, Dokumenten, Körperwissen und Lücken eine Vergangenheit, die jeweils wieder bewohnbar werden soll.

Was bleibt, ist deshalb keine reine Essenz der Herkunft. Es ist ein wechselnder Bestand. Einige frühe Prägungen werden bewusst weitergeführt, andere verlieren sich, manche kehren in veränderter Form zurück. Die eigene Biografie beginnt nicht dort, wo Familie endet. Sie beginnt dort, wo man mit dem ungefragten Material zu arbeiten anfängt – ohne je vollständig darüber zu verfügen.

Was daran ist Erbe, was Widerspruch, was erst später umbenannt worden? Welche Vorliebe war einmal ein Versuch dazuzugehören, welche Abgrenzung schützt noch immer eine alte Verletzbarkeit? Und was verdankt sich weder Familie noch entschlossener Selbsterschaffung, sondern Lehrern, Freunden, Städten, Büchern und Zufällen? Vielleicht ist Herkunft weniger eine Wurzel als eine fortgesetzte Frage: nicht, woher alles kommt, sondern was aus dem Übernommenen, Bestrittenen und Gefundenen jeweils gemacht wird.