Goedart Palm - Ultimatives Filmranking (Erste Sichtung)
Definitiv sind Hitlisten a priori verdächtig, sinnlos zu sein. Denn ist es nicht so, dass jenes Faszinosum sich auf ein paar Details bezieht, ein kleines punctum hier und dort, doch das längst keinen Film so nobilitiert, dass wir ihn in toto großartig finden. Und doch: Für jene, die kein hard core-Verhältnis zum cinema haben, sind Orientierungen nicht schlecht. Also mit ambivalentem Gewissen, absolut ungerecht und noch ziemlich ungemischt und jederzeitigem Vorbehalt von einer anderen Kategorie zur nächsten wieder zu wechseln (demnächst mit Erläuterungen):
Das Misstrauen, mit dem dieser erste Versuch beginnt, ist inzwischen eher gewachsen als verschwunden. Filme in eine Rangfolge zu bringen heißt, Dinge miteinander verrechnen zu wollen, die sich jeder gemeinsamen Währung widersetzen. Wie viele Punkte besitzt eine Kamerafahrt, wie viele ein Gesicht, das sich im richtigen Augenblick abwendet? Ist die Farbe Rot bei Godard höher zu bewerten als das Schwarz bei Murnau, die Stille Ozus strenger als Morricones Musik, eine Stunde Langeweile schwerer als drei Minuten Ekstase? Schon die Frage ist ein wenig lächerlich. Ästhetische Erfahrung kennt keine Buchhaltung, und sobald sie eine Tabelle erhält, beginnt sie, hinter deren Rücken ihre eigenen Geschäfte zu machen. Das Urteil „besser“ tut so, als ließe sich ein Film vollständig überblicken. Aber wer hätte je einen Film vollständig gesehen? Wir sehen ihn einmal im Kino, später im Fernsehen, irgendwann in einer restaurierten Fassung; wir sehen ihn jung, gelangweilt, verliebt, übermüdet, kenntnisreich oder von Kenntnissen bereits verdorben. Jedes Mal sitzt ein anderer Zuschauer im selben Sessel.

Und doch üben Ranglisten eine unwiderstehliche Faszination aus. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so offenkundig unzulänglich sind. Sie zwingen das diffuse Wohlgefallen, Farbe zu bekennen. Wer eine Liste schreibt, kann sich nicht länger hinter der vernünftigen Versicherung verstecken, jeder Film müsse aus seiner Zeit, seiner Gattung und seinen Produktionsbedingungen verstanden werden. Plötzlich soll Blow-Up neben Céline et Julie vont en bateau stehen, Ozu neben Leone, Varda neben Tarantino. Die Zumutung ist heilsam. Sie produziert keine Wahrheit über das Kino, wohl aber eine Wahrheit über denjenigen, der sortiert. Eine Rangliste ist kein Thermometer der Filmgeschichte. Sie ist ein Seismograph privater Erschütterungen.
Roland Barthes hat für die Fotografie das punctum beschrieben: jenes Detail, das den Betrachter trifft, ihn gleichsam aus dem Bild heraus verwundet, ohne sich in der allgemeinen kulturellen Lesbarkeit des Motivs zu erschöpfen. Im Kino ist dieses punctum beweglich und meist unzuverlässig. Es kann ein Blick sein, der zu spät beantwortet wird, eine Hand am Türrahmen, der Schatten eines Baumes auf einer weißen Wand, ein Geräusch aus dem Off oder eine Musik, die den Film verlässt und noch Jahrzehnte später in einem selbst weiterspielt. Von vielen Filmen bleiben nicht die Handlungen, sondern solche Splitter. Man erinnert sich an eine Farbe, aber nicht mehr daran, wer wen verraten hat; an einen Korridor, aber nicht an den Weg, der dorthin führte; an eine Einstellung, die im Gedächtnis viel länger dauert als im Film. Das Werk als Ganzes wird vom eigenen Erinnern auseinandergenommen und nach einem geheimen Montageplan neu zusammengesetzt.

Darum ist der beste Film keineswegs notwendig der Lieblingsfilm. „Der beste Film“ gehört zur Sprache des Kanons, zu Seminaren, Retrospektiven, Abstimmungen und jener ehrwürdigen Institution namens Filmgeschichte. Der Lieblingsfilm dagegen ist selten ganz vorzeigbar. Er kennt biografische Begünstigungen, sentimentale Korruption und unentschuldbare Wiederholungen. Vielleicht sah man ihn in einem Augenblick, in dem die Welt besonders empfänglich war; vielleicht rettete eine Szene einen misslungenen Abend; vielleicht war es der erste Film, nach dem die Straße vor dem Kino nicht mehr dieselbe Straße war. Der beste Film verlangt Gründe. Der Lieblingsfilm hat bereits gewonnen, bevor die Gründe eintreffen. Er ist einem zugestoßen.
Eine persönliche Filmliste ist deshalb weniger Urteil als Kartographie des eigenen Sehens. Sie verzeichnet keine objektiven Höhenzüge, sondern jene Stellen, an denen das Terrain für den Betrachter anstieg, einbrach oder plötzlich durchlässig wurde. Manche Filme markieren Hauptstraßen, andere kaum sichtbare Pfade. Einige waren lange Zeit Zentren und sind später an den Rand gerückt; andere lagen jahrelang unbeachtet im Gelände und erwiesen sich beim Wiedersehen als geheime Verbindungslinien. Die Karte ist nicht maßstabsgerecht. Gerade das macht sie brauchbar. Sie zeigt, wo das eigene Sehen sich verirrt, eingerichtet, gelangweilt oder neu erfunden hat.

So wird jede ausreichend lange Filmliste zur verkappten Autobiografie. Man könnte Lebensabschnitte nicht nach Schulen, Wohnungen und Berufen ordnen, sondern nach den Filmen, die jeweils den Horizont besetzten. Es gäbe eine Zeit vor Außer Atem und eine danach, Jahre, in denen Star Wars die technische Mythologie lieferte, eine Phase, in der Shining jeden Hotelflur kontaminierte, und spätere Begegnungen, in denen Rivette zeigte, dass ein Film zugleich Labyrinth, Kinderspiel und erkenntnistheoretischer Scherz sein kann. Solche Stationen erzählen nicht nur, was man gesehen hat. Sie erzählen, wer man beim Sehen sein wollte und wer man wider Erwarten geworden ist.
Das Wiedersehen macht diese Autobiografie instabil. Filme altern nicht allein im Material, in Kostümen, Gesten und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Sie verändern sich, weil der Betrachter sich verändert. Eine Figur, die früher Freiheit verkörperte, kann später bloß eitel erscheinen; ein vermeintlicher Nebencharakter übernimmt unversehens den Film; eine einst bewunderte formale Kühnheit wirkt angestrengt, während eine übersehene Stille plötzlich alles trägt. Das ist keine Enttäuschung des ursprünglichen Urteils, sondern sein eigentliches Leben. Ein Film, der bei jeder Begegnung derselbe bliebe, wäre womöglich schon tot. Das Wiedersehen ist kein Kontrollgang, sondern die Begegnung zweier Zeitläufe: der Filmzeit und der eigenen Lebenszeit.

Der Kanon verspricht gegen diese Beweglichkeit eine gewisse Ordnung. Er bewahrt Werke vor dem Vergessen, schafft Traditionslinien und ermöglicht das Gespräch zwischen Generationen. Ohne ihn wäre Filmgeschichte ein riesiges Lager schlecht beschrifteter Rollen. Aber jeder Kanon erzeugt zugleich seine Schatten: Filme, die nicht in die richtige Erzählung passen, populäre Werke, die man zu früh verstanden zu haben glaubt, Komödien, Genrefilme, private Obsessionen und ästhetische Unfälle. Der persönliche Gegenkanon ist keine heroische Revolte gegen alle Institutionen. Er ist eher das beharrliche Recht, an einer eigenen Erfahrung festzuhalten. Man darf Sucker Punch interessanter finden, als es die zuständige Kritik erlaubt, und einen anerkannten Klassiker respektieren, ohne ihn lieben zu müssen. Geschmack beginnt dort, wo die korrekte Antwort nicht genügt.
Das erklärt auch die Kategorien dieser Liste. Sie sind keine Stockwerke eines objektiven Museums, in dessen oberster Etage die endgültig besten Filme wohnen. Kategorie 1 bezeichnet vielmehr jene Filme, bei denen Werk, Erinnerung und persönliche Lebenszeit besonders dicht übereinanderliegen. Ihre Stellung verdankt sich nicht nur dem, was auf der Leinwand geschieht, sondern auch dem, was sie außerhalb der Leinwand ausgelöst haben. In ihnen ist das Gesehene mit früheren Kinosälen, Gesprächen, Städten und Lebensaltern verbunden. Die unteren Kategorien sind deshalb nicht einfach Abteilungen des Minderwertigen. Sie markieren andere Grade der Bindung, andere Mischungen aus Bewunderung, Vergnügen, Widerstand und Ernüchterung. Auch ein misslungener Film kann eine produktive Narbe hinterlassen.

Filmwahrnehmung besteht ohnehin aus einer merkwürdigen Mischung von Genauigkeit und Verlust. Im Augenblick der Projektion sind Licht, Bewegung, Ton und Aufmerksamkeit eng verschaltet; danach beginnt sofort der Zerfall. Die Erinnerung rettet, was sie braucht, und lässt den Rest fallen. Manchmal erfindet sie sogar Einstellungen, die im Film nie existiert haben, verbindet zwei Räume, verlängert einen Blick oder legt eine Musik unter eine stumme Szene. Das erinnerte Kino ist damit keine verkleinerte Kopie des tatsächlichen Films. Es ist seine persönliche Nachproduktion. Vielleicht wäre das strengste Ranking nicht eine Liste der Filme, sondern eine Liste jener Bilder, die sich gegen das Vergessen behauptet haben.
Die nachfolgende Ordnung bleibt also „ultimativ“ nur im ironischen Sinn: Sie ist eine Momentaufnahme mit eingebautem Widerruf. Morgen kann ein Wiedersehen die Grenzen verschieben, ein bislang übersehener Film eine ganze Region neu vermessen oder ein alter Favorit seine Hauptstadtfunktion verlieren. Aber gerade diese Vorläufigkeit macht die Liste ernst. Sie gibt Auskunft über einen Stand des Sehens, ohne ihn zum Gesetz zu erheben. Sie ist Karte, Gedächtnisstütze, Streitangebot und Selbstporträt in Filmtiteln.

Wer darin nach den besten Filmen aller Zeiten sucht, wird deshalb nur eine bedingt brauchbare Antwort erhalten. Wer dagegen wissen möchte, wie Filme sich in ein Leben einschreiben, findet vielleicht die interessantere Liste. Nicht das Kino wird hier endgültig sortiert. Sortiert werden die Spuren, die es hinterlassen hat – bis die nächste Sichtung alles wieder durcheinanderbringt.
Die Rangliste
Kategorie 1: Blow up, Celine und Julie fahren Boot, Spiel mir das Lied vom Tod, Pulp Fiction, Uhrwerk Orange, Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird, Außer Atem, Roma, Die Reise nach Tokyo, Die sieben Samurai, El Topo.

Blow-Up steht an der Spitze, weil das Sehen dort nicht zur Erkenntnis führt, sondern den Verdacht vermehrt. Die Fotografie scheint zunächst Beweisstück zu sein: Je größer der Ausschnitt, desto näher müsste man der Wahrheit kommen. Tatsächlich wächst mit der Vergrößerung nur das Korn, und aus der vermeintlichen Evidenz entsteht eine neue Unlesbarkeit. Das Bild wird nicht durchsichtig, sondern autonom. Es zeigt etwas und entzieht zugleich die Gewissheit darüber, was es zeigt. In diesem Widerspruch liegt eine Grundfigur der gesamten Liste: Der Blick ist notwendig und unzuverlässig, Erkenntnis beginnt mit Wahrnehmung und scheitert an ihr.
Rivettes Céline et Julie vont en bateau antwortet darauf nicht mit besserer Beweisführung, sondern mit Spiel. Eine Erzählung wird betreten, wiederholt, manipuliert; Zuschauerinnen werden zu Mitspielerinnen, Figuren zu Zuschauerinnen ihrer eigenen Fiktion. Realität und Erzählung wechseln die Plätze, ohne dass eine letzte Instanz die Ordnung wiederherstellt. Godards Außer Atem zerstört filmische Selbstverständlichkeiten auf andere Weise: Schnitte zeigen plötzlich, dass geschnitten wurde, Gesten zitieren bereits andere Gesten, Kino ist zugleich Handlung und Erinnerung an Kino. Tarantinos Pulp Fiction macht aus dieser Selbstbezüglichkeit Popzirkulation. Zeit wird umgeordnet, Dialoge lösen sich vom Fortgang der Handlung, Nebensachen übernehmen die Macht. Dass ein Tanz, ein Burgergespräch oder eine falsch gesetzte Pointe stärker erinnert werden als die Chronologie, ist kein Defekt, sondern das Organisationsprinzip.
Daneben stehen Ozu und Leone wie zwei entgegengesetzte Antworten auf dieselbe Frage, wie filmische Zeit körperlich werden kann. Ozu erreicht Intensität durch kleine Verschiebungen, leere Räume, abgesenkte Blicke und jene Pausen, in denen eine Familie bereits vergangen scheint, während sie noch beisammensitzt. Leone dehnt den Augenblick, bis ein Blick, ein Geräusch, ein Warten monumentaler werden als das Ereignis, auf das sie zulaufen. Fellinis Roma, die Samurai Kurosawas, Tanner und Jodorowsky folgen wieder anderen Rhythmen. Die Kategorie behauptet keine falsche Verwandtschaft. Sie versammelt Formen des Kinos, in denen Zeit nicht bloß Transportmittel der Handlung ist, sondern ein eigener Stoff.
Kategorie 2: Metropolis, Nosferatu (Murnau), Fahrraddiebe, Amarcord, Shining, Babel, Falsche Bewegung, Der Stand der Dinge, Sauve qui peut, Weekend, Beruf Reporter, Die eine singt - die andere nicht, Schwarze Katze, weißer Kater, Providence, Mein Onkel aus Amerika, Merry-Go-Round, Die Geschichte von Marie und Julien, Stadt der Frauen, Casanova, Geschichte der Nacht, Ran, Mulholland Drive, Der Kontrakt des Zeichners, Ghost Dog, Kill Bill I und II, Inglorious Basterds, Zwei glorreiche Halunken, Rosemaries Baby, Short Cuts, Prêt-à-Porter, Easy Rider, Täglich grüßt das Murmeltier, Die Vögel, Nashville, The Wild Bunch, Butch Cassidy and the Sundance Kid, Montana Sacra, Avatar, Cashback, Artificial Intelligence, E.T. 2001, Cyborg - She, Brügge - Sehen und Sterben, Sucker Punch (Der Film wurde von diversen Kritikern nicht verstanden, dabei ist er so raffiniert in seinen Erzählebenen verknüpft, dass das Trauma unhintergehbar wird. Der Film steht in der Tradition Bunuels, der heute aber offensichtlich auch nicht mehr rezipiert wird).

In Kategorie 2 verbreitert sich diese Ästhetik zu einem historischen und formalen Gelände. Metropolis und Nosferatu stehen nicht nur am Beginn bestimmter Traditionslinien; sie erinnern daran, dass Kino Wirklichkeit von Anfang an nicht einfach abbildete. Die Stadt wird zur Maschine, der Schatten zum Akteur, Architektur zur Drohung. In Kubricks Shining ist der Raum längst selbst psychisch geworden. Der Hotelflur dient der Handlung nicht, er produziert sie. Türen führen in Erinnerungsschichten, Wege widersprechen dem Grundriss, Wiederholung wird unheimlicher als jedes einzelne Ereignis. Lynchs Mulholland Drive verlegt dieses räumliche Misstrauen in die Identität. Figuren, Wünsche, Rollen und Namen gleiten ineinander; der Film wird nicht interessanter, wenn man ihn wie ein Rätsel vollständig auflöst. Seine Bilder behalten einen Überschuss, und gerade dieser Rest verteidigt ihn gegen die beruhigende Erklärung.
Am anderen Ende der Lautstärke stehen Jarmusch, Varda, Resnais, Altman und die verschiedenen Rivette-Filme dieser Kategorie. Ghost Dog verbindet Gangsterfilm, Samurai-Ritual, Hip-Hop, urbane Einsamkeit und eine fast komische Feier anachronistischer Würde. Das Genre ist hier keine Schablone, sondern eine philosophische Maschine: Es prüft, ob ein überliefertes Regelwerk in einer Gegenwart bestehen kann, die seine Sprache nicht mehr versteht. Vardas Die eine singt – die andere nicht, Resnais’ Mein Onkel aus Amerika oder Altmans Short Cuts entfalten ihre Erkenntnis wiederum aus Beziehungen, Brüchen und Parallelführungen. Die Theorie kommt nicht vor den Figuren; sie entsteht in der Montage ihrer Lebensläufe.
2001 radikalisiert die Autonomie des Films gegenüber dem bloßen Erzählen. Bild, Musik, Dauer, Technik und Evolution bilden eine Denkbewegung, die sich nicht vollständig in Sätze zurückübersetzen lässt. Der berühmte Schnitt durch Jahrtausende ist keine illustrierte These, sondern selbst ein Gedanke, den nur Montage auf diese Weise hervorbringen kann. Dass derselbe Kategorienraum auch Avatar, Artificial Intelligence, Cashback, Brügge sehen … und sterben? und ausdrücklich Sucker Punch aufnimmt, verhindert die Versteinerung zum Hochkulturkanon. Exzess, digitales Spektakel und stilistische Übertreibung können erkenntnisfähiger sein als akademische Perfektion. Gerade die vorhandene Verteidigung von Sucker Punch markiert den Gegenkanon: Ein Film darf überladen, angreifbar und missverstanden sein, wenn seine verschachtelten Wirklichkeiten etwas riskieren, das die makellose Routine längst aufgegeben hat.
Kategorie 3: Zurück in die Zukunft I und II, Marnie, Topas, Performance, Mystic River, Der amerikanische Freund, Moritz, lieber Moritz, Paris - Texas, Lola rennt, Das Leben der Bohème, If, V - Vendetta, Santa Sangre, Matrix I, Star Wars, Alarm im Weltall, Herr der Ringe, Tanz der Vampire, Pans Labyrinth, Independence Day, Die Jury, Kick-Ass, Larry Flint, Natural Born Killers, My sassy girl, Windstruck und sehr viele andere.
Kategorie 3 macht sichtbar, dass populäres Genrekino in dieser Karte nicht als erholsame Pause von den „ernsten“ Filmen auftaucht. Matrix übersetzt eine alte erkenntnistheoretische Unruhe in Action: Was heißt Wirklichkeit, wenn Wahrnehmung technisch organisiert, Körpererfahrung programmiert und Befreiung womöglich nur die nächste Benutzeroberfläche ist? Star Wars baut aus Serial, Mythos, Maschinen und kindlicher Abenteuerlust ein Bildergedächtnis, dessen Wirksamkeit durch theoretische Herablassung nicht geringer wird. Zurück in die Zukunft verwandelt Kausalität und Familienroman in eine präzise Komödie der Zeit. V wie Vendetta, Natural Born Killers, Pans Labyrinth oder Performance lassen Identität, Gewalt, Maske und Gegenwelt in sehr verschiedenen Tonlagen aufeinanderstoßen.
Diese Filme stehen niedriger als die ersten Kategorien, aber nicht außerhalb der ästhetischen Theorie. Sie zeigen vielmehr ihre populäre, manchmal gröbere und gerade deshalb aufschlussreiche Form. Ein Konzept kann im Genrekino körperlich werden: als Verfolgung, Verwandlung, Monster, Zeitschleife oder Explosion. Nicht jede Ausführung trägt gleich weit, doch die Liste interessiert sich erkennbar für Filme, in denen das Genre mehr weiß als seine Figuren. Selbst Camp, Pathos oder technische Hypertrophie sind keine Ausschlussgründe. Mitunter erzeugt gerade die Reibung zwischen großer Behauptung und sichtbarer Künstlichkeit den bleibenden Reiz.
Kategorie
4: Zurück in die Zukunft II, Matrix II und III, Zimmer 1408,
2012, Wallstreet I („Chloe“ (2009) markiert
amerikanische Familienwerte, ist puritanisch und verlogen. Chloe Sweeney
(!) Amanda Seyfried) als beauftragte Verführerin mit höchsteigenen
Absichten muss für ihre Verruchtheit (und inakzeptable Lust) büßen.
Sie fällt aus dem Fenster des cleanen Spießerheims und umstandslos
durch den Rost der prüden Moral. Sex wird bestraft. Catherine (Julianne
Moore) begreift schnell, dass lesbische Lust keine Alternative zur
ewigen Liebe ist. David (Liam Neeson) ist unverführbar, allenfalls in
Gedanken mögen die Konditionen weniger eindeutig sein. Der Sohn des
sich wiederfindenden Liebespaars ist als Nebenfigur jenseits jeder
Plausibilität eines erträglichen Plots. Es bleibt ein Menschheitsrätsel,
warum Schauspieler der gehobenen Klasse für dermaßen moralinsaure Dürftigkeit
eingesetzt werden, ohne dass je mit einigen psychologischen
Erkenntnissen zu kompensieren - Goedart Palm).
Erst Kategorie 4 führt in die Zone, in der das Versprechen stärker war als seine Einlösung. Auch das ist autobiografisch aufschlussreich. Fortsetzungen wie Matrix II und III besitzen weiterhin die große erkenntnistheoretische Apparatur, doch die Maschine beginnt, ihre eigenen Begriffe zu verwalten. Spektakel und Mythologie wachsen, während die ursprüngliche Irritation schwächer wird. Ähnlich können Katastrophenfilm, Finanzdrama oder Mystery ihre formalen Reize behalten und dennoch zu eindeutig auf jene Wirkung zulaufen, die man ihnen schon von weitem ansieht.
Die ausführliche Abrechnung mit Chloe bleibt deshalb mehr als eine beiläufige Schmähung. Sie benennt eine Grenze dieser Filmästhetik: Künstlichkeit, Verführung und moralische Ambivalenz sind willkommen, moralische Rückversicherung dagegen nicht. Wenn ein Film die lustvolle Störung seiner Ordnung am Ende bestrafen muss, wird seine schöne Oberfläche zum Vollzugsorgan der Konvention. Man kann Schauspiel, Fotografie oder einzelne Szenen bewundern und dem Ganzen dennoch misstrauen. Das ist der Unterschied zwischen Filmen, deren Ambiguität offen bleibt, und solchen, die sie nur ausstellen, um anschließend umso entschiedener zur Normalität zurückzukehren.
Kategorie 5: The Man from Earth (Interessante Ausgangsidee, aber schlecht ausgeführt)
The Man from Earth bildet mit der knappen Diagnose „Interessante Ausgangsidee, aber schlecht ausgeführt“ einen fast programmatischen Schlusspunkt. Eine Idee allein macht noch keinen interessanten Film. Kino muss denken, aber es denkt nicht schon dadurch, dass Figuren einen Gedanken aussprechen. Es denkt in Körpern, Räumen, Schnitten, Farben, Geräuschen, Blicken und Dauer. Wo die Inszenierung lediglich das Konzept transportiert, bleibt vom Film ein bebildertes Argument. Wo Form und Gedanke sich gegenseitig verändern, beginnt jene ästhetische Eigenständigkeit, die diese gesamte Liste sucht.
Aus der merkwürdigen Mischung ergibt sich damit kein Stilkanon, sondern eine Präferenz für Störungen. Bevorzugt werden Filme, die die Welt nicht einfach bestätigen, sondern sie in einen mehrdeutigen Zustand versetzen: als unsicheres Bild bei Antonioni, begehbare Fiktion bei Rivette, zerschnittene Konvention bei Godard, unzuverlässigen Raum bei Kubrick, Traumidentität bei Lynch, gedehnte Zeit bei Ozu oder popkulturelle Zirkulation bei Tarantino und Jarmusch. Das interessante Kino beginnt hier dort, wo das Bild aufhört, bloß Beweismittel für die Handlung zu sein. Es wird selbst zum Ereignis – und manchmal genügt ein einziges solches Ereignis, um einen unvollkommenen Film tiefer im Gedächtnis zu verankern als zwei Stunden erzählerischer Perfektion.
Bevor die erste Kategorie beginnt, lässt sich aus ihrer erstaunlichen Nachbarschaft bereits eine kleine Poetik herauslesen. Antonioni steht neben Rivette, Leone neben Ozu, Godard neben Tarantino, Jodorowsky neben den sieben Samurai. Das ist kein gemeinsamer Stil, nicht einmal ein gemeinsames Verständnis von Erzählung. Verbunden sind diese Filme eher durch die Weigerung, das Bild zum gehorsamen Boten einer Handlung zu machen. Immer wieder wird die sichtbare Welt problematisch: als Spur, Bühne, Ritual, Erinnerung, Spiel oder Exzess. Interessant ist nicht die zuverlässig reproduzierte Realität, sondern der Augenblick, in dem sie unter dem Blick porös wird.
Kategorie 1 ist daher der Kern dieser Rangordnung und zugleich ihre am wenigsten objektivierbare Zone. Hier liegen nicht einfach die vermeintlich vollkommensten Werke. Hier überlagern sich Filmgestalt, Erinnerung und Lebenszeit so stark, dass eine Trennung kaum noch möglich ist. Ein formal makelloser Film kann dagegen verlieren; ein sperriger, überdehnter oder eigensinnig misslungener gewinnen. Die Kategorie misst keine Qualitätseinheiten. Sie bezeichnet die stärkste Bindung.