Erinnerungen

Die Siebziger

Nachrichten aus einem nervösen Jahrzehnt

Familie an einer deutschen Autobahnraststätte der frühen Siebzigerjahre
Ferienfahrt, frühe Siebziger.

Die Siebziger begannen nicht mit einem Kalenderblatt. Sie waren schon vorher in den Zimmern. Sie kamen mit den längeren Haaren herein, mit einer anderen Musik, mit den ersten Sätzen, die am Mittagstisch nicht mehr zu Ende gesprochen werden konnten, weil jemand widersprach. Sie lagen auf dem Boden zwischen Schallplattenhüllen, Flugblättern und einer Ausgabe von Marx, die gelesen worden war oder jedenfalls so aussah. Sie hingen an den Wänden als Che Guevara, Angela Davis, Picasso, Vietnam, irgendeine Ausstellung in Amsterdam. Sie standen in den Fenstern als Topfpflanzen, die größer wurden als die Möbel. Sie tropften als Kerzenwachs an Chiantiflaschen herunter. Und sie rochen nach Kaffee, Gauloises, feuchtem Parka, Druckerschwärze und jener Mischung aus Räucherstäbchen und Reformhaus, die ankündigte, dass auch die Sinnlichkeit inzwischen gesellschaftskritisch geworden war.

Draußen fuhr die Bundesrepublik weiter. Käfer, Kadett, Rekord, Straßenbahn. Metzgerei, Sparkasse, Kaufhalle. Beamte gingen zum Dienst, Kinder zur Schule, die Müllabfuhr kam am Mittwoch. Aber über diesem ordentlich funktionierenden Land hatte sich eine zweite Wirklichkeit gelegt, eine Wirklichkeit aus Nachrichten, Begriffen und Verdächtigungen. Vietnam war nicht in Vietnam. Vietnam war abends im Wohnzimmer. Chile stand morgens in der Zeitung. Nixon, Brandt, Breschnew, Allende, Kissinger, Springer, Mao: Namen wurden herumgereicht wie Requisiten eines Stücks, in dem sich plötzlich jeder für einen Mitspieler hielt. Wer eine Zeitung aufschlug, bekam nicht mehr Nachrichten, sondern Material für eine Weltanschauung. Wer keine hatte, geriet beinahe in Verdacht.

Das Jahrzehnt hatte eine ungeheure Lust daran, die Dinge beim Namen zu nennen und ihnen anschließend einen anderen Namen zu geben. Eine Familie war eine Reproduktionsgemeinschaft. Eine Universität ein Herrschaftszusammenhang. Ein Kindergarten konnte ein Kinderladen sein, und ein Kinderladen war selbstverständlich nicht nur ein Ort für Kinder, sondern die Vorhut einer anderen Gesellschaft. Der Professor besaß keine Autorität mehr, sondern ein Autoritätsproblem. Der Vater war nicht streng, sondern repressiv. Eine Frau, die den Abwasch machte, erledigte nicht den Abwasch, sondern lieferte Anschauungsmaterial für patriarchale Arbeitsteilung. Es war die große Zeit der Wörter, die hinter die Dinge sehen wollten. Man misstraute dem Sichtbaren. Hinter dem Sichtbaren musste etwas stecken.

Drei junge Frauen in einer Straße mit politischen Buchhandlungen und Antiquariaten
Die Straße als Bühne.

Das Private war politisch geworden, und bald hatte das Politische keinen Feierabend mehr. In Wohngemeinschaften saßen Menschen nächtelang auf Matratzen und untersuchten einander auf unbewusste Herrschaftsansprüche. Man konnte sich verlieben und dabei zugleich über Besitzdenken nachdenken. Man konnte eifersüchtig sein und sich dafür ideologisch schämen. Man konnte eine Tür zuschlagen und anschließend eine dreistündige Diskussion darüber führen, welche gesellschaftlichen Bedingungen dieses Türzuschlagen ermöglicht hatten. Der Fortschritt war anstrengend. Er verlangte Sitzfleisch.

Überhaupt wurde viel gesessen. In Seminaren, Vollversammlungen, Teach-ins, Küchen, Kneipen, Arbeitskreisen. Einer redete immer. Meistens etwas länger als nötig. Der Wichtigtuer der Siebziger trug Cordjackett oder Parka, hatte die Haare bis zum Kragen und konnte das Wort „objektiv“ so verwenden, dass jeder Widerspruch bereits theoretisch widerlegt schien. Er erklärte, warum eine scheinbar vernünftige Position in Wahrheit reaktionär sei, warum Reformismus die bestehenden Verhältnisse stabilisiere und warum der Vorredner den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang nicht begriffen habe. Währenddessen wurde Bier geholt. Häufig von jemand anderem.

Es war leicht, sich darüber lustig zu machen, und schon damals wurde darüber gelacht. Aber unter der Komik lag etwas Ernstes. Eine ganze Generation hatte entdeckt, dass Institutionen keine Naturereignisse waren. Schule konnte anders sein. Universität konnte anders sein. Ehe konnte anders sein. Erziehung konnte anders sein. Eine Stadt konnte anders geplant werden. Frauen mussten nicht so leben wie ihre Mütter. Männer mussten nicht so werden wie ihre Väter. „Mehr Demokratie wagen“ war deshalb ein Satz, der größer wurde als die Regierungserklärung, aus der er kam. Er passte auf die Hochschule, auf die Redaktion, auf das Klassenzimmer, auf den Betrieb und irgendwann sogar auf die Küche. Demokratisierung wurde zum Zauberwort und zum Schreckgespenst zugleich; die einen hörten darin endlich Bewegung, die anderen bereits den Zusammenbruch der Ordnung. Genau diese Nervosität durchzieht die Texte der Zeit.

Und alles sah plötzlich anders aus. Die Farben waren ausgebrochen. Orange stand neben Violett, Apfelgrün neben Braun, Rot neben Pink, geometrische Muster neben indischen Blumen. Die jungen Frauen kamen in Minikleidern durch die Fußgängerzonen, als hätte Mary Quant irgendwo heimlich Filialen eröffnet. Manche Röcke waren so kurz, dass die ältere Generation daraus zuverlässig den Untergang des Abendlandes ableiten konnte. Stiefel bis zum Knie, breite Gürtel, große Brillen, taillierte Kleider, Blumen, Kreise, Streifen. Die Männer antworteten mit Schlaghosen, Hemdkragen von beträchtlicher Spannweite und Frisuren, die den Ohren ihre jahrhundertelang behauptete Öffentlichkeit nahmen.

Berliner Einkaufsstraße mit Schuhgeschäft und Passanten zwischen alter und neuer Mode

Die Straße wurde zum Theater des Übergangs. Da ging die junge Frau im rot-orangefarbenen Minikleid an der älteren Dame mit Handtasche und Dauerwelle vorbei; der langhaarige Student am Herrn im grauen Anzug; vor der politischen Buchhandlung stand ein Che-Plakat, und zwei Häuser weiter bot die Konditorei Herrentorte an. Niemand hatte diese Bilder komponiert. Gerade deshalb waren sie vollkommen. Die alte Bundesrepublik und die neue teilten denselben Bürgersteig.

Buchhandlungen waren damals keine durchgestylten Verkaufsflächen. Sie quollen. Bücher lagen auf Tischen, in Kästen, hinter Glas, auf schiefen Stapeln, und manche standen draußen wie Obst. Literatur, Psychoanalyse, Politik, Kunst, Theorie. Suhrkamp-Bändchen in den Regalen, Rowohlt-Taschenbücher, Marx-Ausgaben, Brecht, Benjamin, Adorno, Marcuse, Simone de Beauvoir; daneben Krimis, Reiseführer und der neue Roman, den man eigentlich nur gekauft hatte, weil sein Umschlag gut aussah. In den politischen Buchhandlungen wurde die Welt sortiert: Imperialismus hier, Arbeiterbewegung dort, Frauenfrage, Dritte Welt, Sozialtheorie. Selbst das Regal hatte eine Position.

Die Kunstläden waren ähnlich verheißungsvoll. Papier, Leinwand, Tuschen, Farben, Letraset, Pinsel, Zeichenfedern, Klebstoffe, Rahmen. Noch war das Bild nicht gemacht. Alles lag als Möglichkeit herum. Vielleicht gehört das zum Lebensgefühl dieser Jahre: dass so vieles noch nicht fertig schien. Ein Plakat konnte noch geklebt, eine Zeitung gegründet, eine Wand bemalt, ein Flugblatt geschrieben, ein Kinderladen eröffnet werden. Man musste nicht unbedingt Künstler sein. Man brauchte zunächst Karton.

Und immer lief die Welt mit. Auf dem Küchentisch die Zeitung. Im Radio die Stimmen. Abends die Tagesschau. Bilder aus Saigon, Santiago, Bonn, Berlin. Ein Hubschrauber, ein Panzer, eine Pressekonferenz, Brandt in Warschau, Menschen hinter Absperrgittern. Das Fernsehen hatte noch etwas Liturgisches: Zu einer bestimmten Stunde sah eine Gesellschaft dieselben Bilder. Danach wusste man wenigstens, worüber man sich nicht einig war. Die Ereignisse kamen nicht als personalisierte Auswahl. Sie kamen für alle.

1973 stand plötzlich ein Auto auf einer leeren Autobahn, und die Straße, auf der sonst das Wirtschaftswunder entlangraste, war still. Ölkrise. Autofreier Sonntag. Ein Wort genügte, und hinter dem Wort erschien für einen Moment die Möglichkeit, dass Fortschritt vielleicht doch keine endlose Gerade war. Die Bundesrepublik, die sich an Wachstum gewöhnt hatte wie an Zentralheizung, entdeckte die Grenze. Gleichzeitig kaufte man Farbfernseher.

So waren die Siebziger. Ihre Widersprüche störten sie nicht; sie lebten davon. Man demonstrierte gegen die Konsumgesellschaft und sparte auf eine Stereoanlage. Man verachtete bürgerliche Besitzverhältnisse und stritt beim Auszug aus der Wohngemeinschaft über den Kühlschrank. Man las über die Befreiung des Menschen und wollte am Samstag eine schöne Jacke kaufen. Man fuhr mit dem VW-Bus nach Indien und brachte Dinge zurück, die bald im Kaufhaus erhältlich waren. Jede Gegenkultur hatte bereits ihren Lieferanten.

Modenschau der frühen Siebzigerjahre mit geometrischen Minikleidern, Fotografen und Publikum
Die Zukunft kommt über den Laufsteg.

Besonders eigentümlich war das Nebeneinander von Befreiung und neuer Strenge. Die Eltern hatten gewusst, was sich gehörte. Ihre Kinder wussten bald ebenso genau, was sich politisch gehörte. Man konnte den falschen Mantel tragen, das falsche Papier lesen, im falschen Seminar sitzen oder einer Gruppe angehören, deren Abweichung von der richtigen Linie nur für Eingeweihte wahrnehmbar war. Die K-Gruppen zerlegten die Weltrevolution mit jener deutschen Gründlichkeit, mit der andere Briefmarken sortierten. Die richtige Interpretation Chinas konnte Freundschaften belasten. Die Befreiung des Menschen war eine ernste Angelegenheit und vertrug erstaunlich wenig Humor.

Doch während die Ideologen ihre Weltkarten zeichneten, veränderte sich die Gesellschaft auf leiseren Wegen. Frauen begannen, ihre Biografien anders zu denken. Das Selbstverständliche wurde fragwürdig: Ehe, Beruf, Mutterschaft, Sexualität, Abhängigkeit. Männer mussten feststellen, dass ein Che-Poster keine hinreichende feministische Qualifikation darstellte. Kinder sollten nicht mehr schweigen, wenn Erwachsene sprachen. Schüler widersprachen Lehrern. Studenten Professoren. Bürger Stadtplanern. Patienten Ärzten. Die alte Formel „Das ist nun einmal so“ verlor an Beweiskraft.

Es entstand eine merkwürdige neue Öffentlichkeit. Wände sprachen. Laternen sprachen. Türen sprachen. Überall Plakate, Aufrufe, Termine, Solidaritätskomitees, Frauenversammlungen, Teach-ins, Filmabende. Kommunikation hatte Gewicht und Kleister. Ein Aufruf musste gedruckt, vervielfältigt, getragen, verteilt werden. Man konnte eine politische Meinung in der Hand halten. Sie färbte manchmal noch ab.

Dann kam die Gewalt und legte einen Schatten über die großen Wörter. Aus revolutionärer Rhetorik wurde bei einer kleinen Minderheit revolutionärer Größenwahn, aus Größenwahn Mord. Die RAF verwandelte Begriffe, die in Seminaren endlos herumgereicht worden waren, in eine Wirklichkeit, vor der viele erschraken. Polizeikontrollen, Fahndungsplakate, Entführungen, Tote. Die Republik wurde nervöser, härter, misstrauischer. Das Jahrzehnt bekam jene bleierne Farbe, die im Rückblick manchmal alle anderen Farben überdeckt.

Trinkhalle im Ruhrgebiet mit Männern, Bier, Zeitschriften und Industrie im Hintergrund
Nachrichten, Bier, Stahl.

Aber wer nur das Blei sieht, sieht die Siebziger nicht.

Denn gleichzeitig war Sommer.

Die Buchhandlungen hatten ihre Türen offen. Vor den Läden standen Tische. Junge Frauen gingen lachend durch die Straße. Jemand kaufte eine Platte. Jemand verliebte sich. Jemand bestand eine Prüfung. Jemand lag im Park. Jemand zog aus dem Elternhaus aus und empfand ein Zimmer mit Matratze, Stereoanlage und zwei Apfelsinenkisten als vollkommen hinreichende Definition von Freiheit. Geschichte geschah, und man musste trotzdem Milch holen.

Vielleicht liegt das Geheimnis des Jahrzehnts genau dort: in der sonderbaren Spannung zwischen dem Bewusstsein, dass alles von weltgeschichtlicher Bedeutung sei, und der Erfahrung, dass das Leben sich davon nicht beeindrucken ließ. Man stritt über den Imperialismus und bekam Zahnschmerzen. Man diskutierte die Abschaffung der Kleinfamilie und fuhr Weihnachten zu den Eltern. Man wollte das Bewusstsein verändern und musste Montagmorgen um acht irgendwo sein.

Mit den Jahren wurden die Stimmen leiser. Nicht alle, aber viele. Aus Studenten wurden Lehrer, Journalisten, Anwälte, Professoren, Redakteure, Beamte. Der Parka hing irgendwann nicht mehr an der Garderobe. Die Wohngemeinschaft löste sich auf. Die Kinderladenkinder kamen in die Schule. Aus dem Anspruch, alles zu verändern, wurden Reformen, Berufe, Lebensläufe. Die Revolution hatte nicht stattgefunden; sie war versickert und dabei erstaunlich tief in die Gesellschaft eingedrungen.

1978 läuft Moritz durch Hark Bohms Film, als käme er von irgendwoher, wo all diese Stimmen noch zu hören sind. Familie, Schule, Krankheit, soziale Unterschiede, Pubertät – keine Revolution mehr, kein großes Manifest. Das Politische ist bereits in die Kulisse eingewandert. Die Welt hat sich verändert und tut, als wäre nichts geschehen.

Vielleicht war das der eigentliche Triumph der Siebziger.

Sie verschwanden.

Und ließen überall etwas zurück.

© Goedart Palm