Kunst

Die Stadt, in der niemand mehr ankommt

Alexander Mitscherlichs Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden ist 1965 erschienen, also nicht in den siebziger Jahren, wie ich es lange abgespeichert hatte, sondern noch mitten in jener bundesrepublikanischen Nachkriegsmoderne, deren Optimismus sich aus Wiederaufbau, Wachstum, Automobilisierung und einer fast naiven Verehrung des Funktionalen speiste. Ich habe das Buch irgendwann gelesen, jedenfalls in erheblichen Teilen, und es gehört für mich zu jenen Büchern, deren Titel sich nachhaltiger im Gedächtnis festsetzt als die einzelnen Argumentationsgänge. Das ist keineswegs gegen Mitscherlich gerichtet. Im Gegenteil: Es spricht für die außerordentliche Suggestivkraft dieses Titels. „Unwirtlichkeit“ ist eine dieser glücklichen Begriffsbildungen, die weit mehr aufnehmen können, als ihr Autor bei ihrer Erfindung im Auge hatte. Mitscherlich polemisierte gegen die funktionalistische Entmischung der Stadt, gegen die Monotonie der Wohnblocks, gegen Bodenspekulation, Eigentümerinteressen und eine Stadtplanung, die den Menschen zwar irgendwo unterbrachte, aber kaum noch Orte hervorbrachte, an die er sich psychisch und sozial binden konnte. Die historische Forschung hat diese Stoßrichtung später ziemlich präzise rekonstruiert: Mitscherlich wandte sich gerade gegen jene funktionale „Entmischung“, durch die Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Öffentlichkeit voneinander separiert wurden und aus der Stadt ein planerisch rationales, psychologisch aber eigentümlich bindungsloses Gebilde entstand.

Mich interessiert an Mitscherlich heute allerdings weniger, ob seine einzelne Kritik an der Nachkriegsarchitektur noch trägt. Die interessantere Frage lautet, ob sich die Kategorie der Unwirtlichkeit nicht inzwischen auf eine ganz andere historische Situation anwenden lässt und dabei sogar erheblich an Erklärungskraft gewinnt. Denn unsere Städte sind keineswegs deshalb unwirtlich, weil sie einfach immer hässlicher würden. Das wäre schon empirisch schwer zu behaupten. Vieles ist restauriert worden, Fassaden sind saniert, Fußgängerzonen wurden gepflastert, Plätze begrünt, Industriebrachen zu schicken Quartieren umgebaut, Altbauten mit erheblichem finanziellem Aufwand in jenen Zustand versetzt, in dem die sogenannte Patina möglichst teuer aussieht. Es gibt zahllose Cafés, Restaurants, Museen, Boutiquen, Galerien und eine städtische Erlebnisindustrie, von der Mitscherlich 1965 kaum hätte träumen können. Und trotzdem empfindet man viele Städte in einem sehr eigentümlichen Sinn als unwirtlicher. Genau dieser scheinbare Widerspruch ist interessant. Die heutige Unwirtlichkeit ist nicht mehr allein eine Unwirtlichkeit der Architektur. Sie ist eine Unwirtlichkeit der Überlagerungen: ökonomische Prekarisierung, Gentrifizierung, kommunaler Substanzverlust, Filialisierung, Onlinehandel, Verkehrskonkurrenz, digitale Kommunikation und eine allgemeine Beschleunigung des Alltags greifen ineinander und erzeugen einen Stadtraum, der außerordentlich intensiv benutzt wird, ohne deshalb noch selbstverständlich als gemeinsamer Lebensraum erfahren zu werden.

Der Abstand zu Mitscherlich muss dennoch genauer bestimmt werden. Seine Intervention war nicht bloß eine Geschmacksbeschwerde über Beton, sondern eine sozialpsychologische Kritik der Eigentumsordnung und der Planung: Wo Boden vornehmlich als verwertbares Gut behandelt, wo Funktionen räumlich auseinandergeschnitten und Bewohner zu Empfängern fertiger Wohnmaschinen gemacht werden, verkümmert die Möglichkeit, den Ort als eigenen hervorzubringen. Das verbindet ihn stärker mit Henri Lefebvre, als die unterschiedlichen intellektuellen Milieus zunächst vermuten lassen. Für beide ist gebaute Form geronnene Gesellschaft. Heute ist diese Einsicht nicht widerlegt, sondern unzureichend geworden, weil die Gerinnung nicht mehr allein im Stein stattfindet. Eine Straße kann baulich passabel sein und dennoch durch Eigentumsfonds, Lieferketten, touristische Bewertungsregime, Navigationssoftware und den Aufmerksamkeitsmarkt so vollständig präformiert werden, dass ihre Benutzer zwar frei gehen, aber fast nur noch zwischen vorgegebenen Optionen wählen. Mitscherlichs Frage nach der seelischen Bindung an den Ort bleibt also bestehen; nur die Instanzen, die den Ort herstellen, haben sich vervielfacht.

Paris – Foto: Goedart Palm

Schon das Wort „unwirtlich“ sollte man dabei ernst nehmen. Es bedeutet nicht einfach unansehnlich. Ein Ort kann hässlich und dennoch außerordentlich wirtlich sein, während ein perfekt durchgestalteter Platz etwas geradezu Abweisendes besitzen kann. Wirtlichkeit hat etwas mit der Möglichkeit des Aufenthalts zu tun, mit einer zeitweiligen Entlastung vom Zweck. Ein Wirt beherbergt jemanden, und die gastliche Situation zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man nicht in jeder Sekunde erklären muss, warum man noch da ist. Die moderne Innenstadt scheint dagegen immer häufiger die gegenteilige Botschaft auszusenden: Bewege dich, konsumiere, steige um, erledige, fahre weiter. Wo öffentlicher Raum nicht Verkehrskorridor ist, wird er gastronomisiert, eventisiert oder kommerzialisiert. Selbst das Sitzen besitzt zunehmend einen impliziten Geschäftsgrund. Die Stadt ist voll von Aufenthaltsangeboten und zugleich arm an Aufenthaltslosigkeit im positiven Sinne, also an jener Möglichkeit, einfach irgendwo zu sein, ohne als Kunde, Verkehrsteilnehmer, Tourist, Demonstrant oder Adressat einer Dienstleistung klassifiziert zu werden.

Wirtlichkeit bezeichnet deshalb keine dekorative Qualität, sondern ein Verhältnis zwischen Körper, Zeit und sozialer Erlaubnis. Jan Gehl hat mit der einfachen, gerade darum folgenreichen Unterscheidung zwischen notwendigen, optionalen und sozialen Aktivitäten gezeigt, dass ein Stadtraum erst dann lebendig wird, wenn er nicht nur das Unvermeidliche abwickelt. Zur Arbeit gehen muss man auch durch eine schlechte Straße; stehen bleiben, beobachten, reden oder einen Umweg machen wird man nur dort, wo Maßstab, Kante, Sitzmöglichkeit, Schutz und Anregung zusammenspielen. Kevin Lynch wiederum fragte nach der Lesbarkeit der Stadt: Wege, Ränder, Bezirke, Knoten und Merkzeichen geben dem Bewohner ein Bild, in dem er sich nicht bloß technisch, sondern imaginativ orientiert. Digitale Navigation löst das Orientierungsproblem effizient, kann aber die eigene mentale Karte verkümmern lassen. Wer nur einer blauen Linie folgt, kommt zuverlässig ans Ziel und hat womöglich weniger vom Dazwischen bemerkt. Wirtlichkeit verlangt daher nicht den Verzicht auf Zweck, wohl aber Räume, in denen Zwecke aussetzen, wechseln oder von ungeplanten Wahrnehmungen unterbrochen werden dürfen.

Dass diese Entwicklung nicht lediglich einer etwas misanthropischen Wahrnehmung entspringt, lässt sich zunächst an der materiellen Substanz der Städte erkennen. Es gibt tatsächlich eine Prekarisierung kommunaler Infrastruktur, und sie besitzt inzwischen Größenordnungen, die jeden ästhetischen Eindruck von Schlaglöchern, verwahrlosten Schulen, kaputten Brücken oder schmuddeligen öffentlichen Anlagen in eine fiskalische Wirklichkeit übersetzen. Das KfW-Kommunalpanel 2026 beziffert den von Städten, Gemeinden und Landkreisen wahrgenommenen Investitionsrückstand inzwischen auf 231,2 Milliarden Euro. Allein bei Schulen werden 68,9 Milliarden Euro, bei Straßen und Verkehrsinfrastruktur 53,7 Milliarden Euro veranschlagt. 44 Prozent der befragten Kommunen beurteilen ihre Finanzlage als mangelhaft, und neun von zehn erwarten für die Zukunft eine nachteilige Entwicklung ihrer Finanzen. Nach der inzwischen vorliegenden Jahresrechnung stiegen die kommunalen Schulden 2025 gegenüber dem Vorjahr um 15,4 Prozent auf 197,0 Milliarden Euro; die im KfW-Kommunalpanel verwendete gerundete Angabe von 196 Milliarden beschreibt dieselbe Größenordnung. Das ist deshalb interessant, weil es die Rede vom städtischen Verfall aus dem Bereich der bloßen Stimmung herausnimmt. Wenn Kommunen dauerhaft nicht genügend investieren können, lagert sich fiskalische Schwäche sichtbar im Raum ab. Die kaputte Rolltreppe, die ungepflegte Grünanlage, das jahrelang eingerüstete Gebäude und der notdürftig geflickte Bürgersteig sind dann keine zufälligen Schönheitsfehler mehr, sondern gewissermaßen die Phänomenologie eines strukturellen Investitionsdefizits.

Köln ist für mich dafür ein besonders instruktiver Ort, weil ich die Veränderungen über lange Zeiträume beobachten konnte und die Stadt heute teilweise kaum mit jener Stadt identifizieren kann, die ich in Erinnerung habe. Die Ringe hatten einmal, bei aller Kölner Unordnung, etwas Großstädtisches und stellenweise sogar Gediegenes. Man konnte sie als Einkaufs- und Flanierzone wahrnehmen. Heute gibt es Abschnitte, die auf mich geradezu desolat wirken, wobei „desolat“ nicht bedeutet, dass dort nichts los wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade diese paradoxe Mischung aus hoher Frequenz und geringer Aufenthaltsqualität gehört zur neuen Stadterfahrung. Menschen, Gastronomie, Fahrzeuge, Reklame, Lieferdienste, Baustellen, Leerstände, Billigangebote und einzelne hochpreisige Inseln liegen unmittelbar nebeneinander. Man könnte zunächst vermuten, das sei die unvermeidliche Nostalgie desjenigen, der eine frühere Stadt mit einer späteren vergleicht. Nur ist bemerkenswert, dass die Stadt Köln selbst ähnliche Prozesse diagnostiziert. Für den Citybereich stieg die Zahl registrierter Leerstände von 62 im Jahr 2017 auf 163 im Jahr 2022. Für Hohe Straße und Schildergasse wurde ein Filialisierungsgrad von 92 Prozent festgestellt. Bei der Hohe Straße spricht das städtische Leitbild ausdrücklich von ersten „Trading-down-Tendenzen“ und weist darauf hin, dass Monotonie und Austauschbarkeit die langfristige Attraktivität der Innenstadt gefährden. Was subjektiv wie ein Verlust von Charakter erscheint, hat also eine ziemlich nüchterne handelsgeographische Entsprechung.

Solche Zahlen darf man weder zu einer Totaldiagnose der Kölner Innenstadt aufblasen noch als bloße Momentaufnahme abtun. Die 163 Leerstände stammen aus der Bestandsaufnahme von 2022, der Filialisierungsgrad von 92 Prozent aus dem städtischen Leitbild für Hohe Straße und Schildergasse; beides beschreibt einen bestimmten Ausschnitt, nicht die gesamte Stadt und schon gar nicht jede gegenwärtige Ladenzeile. Aber gerade in dieser Begrenzung sind die Befunde aufschlussreich. Sie zeigen, wie eine hohe Passantenfrequenz, die im Einzelhandel lange fast synonym mit Erfolg behandelt wurde, ihren eindeutigen Sinn verliert. Frequenz kann Kaufkraft anzeigen, sie kann ebenso aus Umsteigen, Tourismus, Durchquerung und der Suche nach billigen Gelegenheiten entstehen. An den Ringen wird diese Mehrdeutigkeit körperlich: Das Gediegene meiner Erinnerung war vermutlich nie so geschlossen, wie die Erinnerung behauptet; der heutige Eindruck des Desolaten wiederum ist nicht einfach Leere, sondern eine Überfülle schlecht aufeinander abgestimmter Ansprüche. Köln ist hier Fall und Prüfstein, nicht Beweis für eine allgemeine Niedergangsthese.

Paris – Foto: Goedart Palm

Dabei existiert gleichzeitig der genau entgegengesetzte Prozess. Meine Großmutter wohnte im Agnesviertel, und niemand wäre damals auf die Idee gekommen, darin ein besonders distinguiertes Wohnquartier zu sehen. Ihre Wohnung war schlecht, durchaus bescheiden, und sie wollte trotzdem aus diesem Viertel nie fort. Heute gehört das Agnesviertel zu jenen innerstädtischen Lagen, deren Altbauten genau jene Bevölkerung anziehen, die über Bildungsabschlüsse, kulturelles Kapital und ein Einkommen verfügt, das die erheblich gestiegenen Mieten überhaupt erst ermöglicht. An einem solchen Beispiel kann man beinahe im Zeitraffer erkennen, was seit Ruth Glass’ Einführung des Begriffs „Gentrification“ in den sechziger Jahren immer wieder beschrieben worden ist: Ein Quartier wird gerade wegen jener Eigentümlichkeiten attraktiv, die aus einer älteren, weniger kapitalintensiven Nutzung hervorgegangen sind, und diese Attraktivität setzt anschließend einen ökonomischen Prozess in Gang, der Teile jener Bevölkerung verdrängt, die den Charakter des Quartiers mit hervorgebracht haben. Sharon Zukin hat diesen Vorgang später sehr treffend als Kampf um die „Authentizität“ der Stadt analysiert. Das Authentische wird entdeckt, kulturell aufgewertet, vermarktet und schließlich zu einem knappen Gut, dessen Preis seine ursprünglichen Produzenten unter Umständen nicht mehr bezahlen können.

An meiner Großmutter wird mir zugleich klar, wie wenig sich Ortsbindung in den Kategorien des Immobilienexposés ausdrücken lässt. Sie blieb im Agnesviertel nicht, weil jemand dessen ‚Authentizität‘ kuratiert hätte, sondern weil Wege, Gesichter, Gewohnheiten, Läden und Erinnerungen zu einer alltäglichen Topographie zusammengewachsen waren. Diese Topographie war weder museal noch sozial harmonisch; sie enthielt schlechte Wohnungen, Enge und all die Begrenzungen, die später gern aus dem Bild des alten Viertels herausretuschiert werden. Gleichwohl besaß sie einen Gebrauchswert, der nicht mit dem Marktwert identisch war. Wenn derselbe Altbau heute technisch besser, die Straße sicherer, das Angebot vielfältiger und die Wohnung heller ist, wäre es töricht, die Aufwertung pauschal zu verdammen. Gentrifizierung kann Investitionen mobilisieren, vernachlässigte Bausubstanz retten und neue öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Unwirtlich wird sie dort, wo diese Verbesserungen nur unter der Bedingung sozialer Auslese zu haben sind und die Menschen, deren Lebenszeit im Viertel steckt, den gestiegenen Eintrittspreis nicht mehr bezahlen können. Das Viertel gewinnt Komfort und verliert Erinnerungsträger; es wird objektiv brauchbarer und subjektiv für weniger Menschen bewohnbar.

Prekarisierung und Gentrifizierung sind deshalb weniger Gegensätze, als man zunächst denken könnte. Sie sind zwei räumlich unterschiedliche Erscheinungsformen derselben selektiven Stadtökonomie. Das Kapital fließt nicht gleichmäßig in die Stadt, sondern sucht bestimmte Häuser, Straßen und Quartiere, während andere Lagen an Aufmerksamkeit, Investitionen und Kaufkraft verlieren. David Harvey hat solche Prozesse mit seiner marxistisch zugespitzten Theorie der räumlichen Kapitalverwertung beschrieben, und Henri Lefebvre hatte bereits 1968 mit seinem Droit à la ville einen Gegenbegriff formuliert. Sein „Recht auf Stadt“ meinte gerade nicht bloß das Recht, in einer Stadt wohnen zu dürfen. Es bezeichnete den Anspruch der Bewohner, den urbanen Raum selbst zu gebrauchen, anzueignen und mit hervorzubringen. Die Stadt war für Lefebvre ein œuvre, ein gemeinsames Werk, und eben nicht nur ein handelbares Produkt. Neuere Rekonstruktionen seines Begriffs betonen genau diese Opposition zwischen der Stadt als kollektiv produziertem Lebensraum und der Stadt als Ware.

Man kann damit genauer beschreiben, was an der heutigen Gentrifizierung irritiert. Eine Stadt kann architektonisch schöner und sozial unwirtlicher werden. Der restaurierte Altbau ist schöner als der vernachlässigte Altbau. Das Café mit sorgfältig ausgewähltem Mobiliar ist angenehmer als die schummrige Eckkneipe, jedenfalls für manche. Aber wenn immer größere Teile der Bevölkerung bestimmte Quartiere finanziell nicht mehr bewohnen können, entsteht aus der ästhetischen Aufwertung keine entsprechende soziale Wirtlichkeit. Der Raum wird sortiert. Die Stadt besteht dann aus unmittelbar benachbarten, aber sozial immer weniger aufeinander bezogenen Milieus. Gerade diese enorme Nähe der räumlichen Distanzen bei gleichzeitiger Vergrößerung der sozialen Distanzen macht den modernen Stadtraum so eigentümlich. Man kann innerhalb eines zehnminütigen Spaziergangs mehrere ökonomische Welten durchqueren, ohne dass diese Welten noch viel miteinander zu tun hätten.

Saskia Sassen hat für die globale Stadt gezeigt, dass hochkonzentrierte Steuerungsfunktionen und prekäre Dienstleistungen einander nicht ausschließen, sondern hervorbringen: Der glänzende Unternehmensstandort benötigt Reinigung, Zustellung, Pflege, Gastronomie und Sicherheit, also jene Arbeit, die im repräsentativen Selbstbild der Stadt meist unsichtbar bleibt. Manuel Castells nennt die überregionale Ordnung von Kapital, Information und Entscheidungen einen ‚space of flows‘, einen Raum der Ströme, der die konkrete Lebenswelt der Orte nicht abschafft, aber nach fremden Takten organisiert. Köln ist keine Global City im selben Rang wie New York oder London, doch die begriffliche Spannung gilt auch hier. Immobilienrenditen, Plattformpreise, touristische Rankings und Logistikfenster werden andernorts berechnet und am lokalen Bürgersteig wirksam. Der Raum der Ströme trifft auf den Raum der Körper. Wer die Pakete bringt, das Café bedient oder die sanierte Wohnung putzt, muss weiterhin irgendwo wohnen und Wege zurücklegen, auch wenn sein Einkommen mit dem Preisniveau des aufgewerteten Viertels immer weniger Schritt hält.

Das bringt einen zu Georg Simmel, der für eine solche Betrachtung fast unvermeidlich ist. Sein Essay Die Großstädte und das Geistesleben von 1903 gehört zu den erstaunlichsten Texten der frühen Stadtsoziologie, weil Simmel die Großstadt nicht primär als Ansammlung von Gebäuden, sondern als psychisches Reizregime versteht. Das Individuum ist in der Metropole einer so großen Zahl rasch wechselnder und widersprüchlicher Eindrücke ausgesetzt, dass es darauf mit einem spezifischen Selbstschutz reagieren muss. Aus dieser Überreizung entwickelt Simmel die berühmte „Blasiertheit“, also jene Abschwächung der Reaktionsfähigkeit, durch die die Dinge ihren qualitativen Unterschied verlieren. Hinzu kommt die von ihm sogenannte „Reserviertheit“ gegenüber den zahllosen Fremden. Würde der Großstädter auf jeden Menschen, dem er begegnet, mit jener emotionalen Intensität reagieren, die im kleinen sozialen Verband möglich ist, wäre er psychisch nach kürzester Zeit erschöpft. Distanz, Indifferenz und sogar eine leichte gegenseitige Aversion sind für Simmel deshalb keineswegs einfach moralische Defekte. Sie sind urbane Schutztechniken. Bemerkenswert ist, wie präzise er bereits 1903 körperliche Nähe und seelische Entfernung zusammendenkt: Gerade die enorme räumliche Nähe vieler Menschen erzwingt jene psychische Distanz, durch die der Einzelne seine Freiheit bewahrt.

Simmel hatte Straßenbahnen, elektrische Beleuchtung, Warenhäuser, Zeitungen, Telefone, Börsenkurse und die damals enorme Beschleunigung des Verkehrs vor Augen. Er kannte aber selbstverständlich keine Situation, in der jeder einzelne Großstädter zusätzlich ein Gerät bei sich trägt, das praktisch die gesamte Informations-, Unterhaltungs- und Kommunikationswelt jederzeit verfügbar macht. Das Smartphone schafft deshalb keine völlig neue Anthropologie, sondern radikalisiert erstaunlicherweise diejenige, die Simmel bereits beschrieben hat. Die klassische Großstadt bombardierte das Individuum von außen mit Reizen. Die digitale Großstadt bombardiert es von außen und innen zugleich. Das Geräusch des Verkehrs, Gesichter, Reklame, Ampeln, Fahrräder und Schaufenster konkurrieren mit Nachrichten, Videos, Podcasts, E-Mails, Chats, sozialen Netzwerken und Suchergebnissen. Die Stadt ist dadurch nicht nur physischer Raum, sondern wird von einem zweiten Raum überlagert, der keinen geographischen Ort mehr besitzt.

Das Ausmaß dieser Verschiebung sollte man nicht unterschätzen. 2025 nutzten in Deutschland 95 Prozent der 16- bis 74-Jährigen das Internet innerhalb der drei Monate vor der Befragung, 86 Prozent hatten bereits online eingekauft, 70 Prozent sogar innerhalb der vergangenen drei Monate. 80 Prozent suchten online nach Informationen über Waren und Dienstleistungen, 79 Prozent nutzten Internet- oder Videotelefonie, 59 Prozent soziale Netzwerke, wobei Messenger-Dienste in dieser Zahl noch nicht einmal enthalten sind. Eine Bitkom-Erhebung kam 2025 auf eine durchschnittliche tägliche Smartphone-Nutzung von 155 Minuten. Solche Zahlen beweisen selbstverständlich nicht, dass Menschen im öffentlichen Raum nicht mehr miteinander sprechen. Sie zeigen aber, wie selbstverständlich inzwischen ein zweiter Kommunikationsraum geworden ist, der an jedem beliebigen physischen Ort aktiviert werden kann.

Die jüngste Bitkom-Erhebung verschärft das Bild noch einmal: Für 2026 werden im Mittel 180 Minuten täglicher Smartphone-Nutzung unter den Nutzenden angegeben. Solche Verbandsumfragen sind keine neutralen Naturmessungen, Altersabgrenzungen und Erhebungsmethoden unterscheiden sich; als Größenordnung zeigen sie dennoch, dass das Gerät nicht gelegentliches Werkzeug, sondern eine tragbare Umwelt geworden ist. Barry Wellman hat diese Sozialform als ‚networked individualism‘ beschrieben: Nicht mehr die stabile Gruppe ist der selbstverständliche Knoten sozialer Beziehungen, sondern das Individuum bewegt sich durch mehrere, technisch vermittelte Netzwerke. Der Architekturtheoretiker und Stadtsoziologe kann darin eine Art portables Privatterritorium erkennen. Kopfhörer, Display, personalisierte Feeds und laufende Chats ziehen keine sichtbare Wand, erzeugen aber eine selektive Durchlässigkeit: Der Körper ist anwesend, die Ansprechbarkeit wird verwaltet. Erving Goffmans feine Beobachtungen zur ‚civil inattention‘, jener höflichen Nichtbeachtung unter Fremden, helfen die Differenz zu sehen. Zivile Nichtbeachtung bestätigt den anderen durch einen kurzen Blick, um ihn danach in Ruhe zu lassen; digitale Abwesenheit kann diesen minimalen Anerkennungsakt überspringen. Aus öffentlicher Einsamkeit wird eine privat vernetzte Einsamkeit.

Darin liegt eine für die Stadtgeschichte ziemlich folgenreiche Verschiebung. Früher konnte der Großstädter sich aus der Öffentlichkeit ins Private zurückziehen. Heute führt er das Private permanent mit sich. Richard Sennett hat in The Fall of Public Man von 1977, in Deutschland nicht zufällig unter dem berühmt gewordenen Titel Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität rezipiert, beschrieben, wie eine Kultur des Öffentlichen verloren geht, wenn persönliche Authentizität und intime Selbstoffenbarung zum allgemeinen Maßstab sozialer Beziehungen werden. Sennetts Pointe bestand gerade darin, dass Öffentlichkeit nicht eine mangelhafte Form von Intimität ist. Sie benötigt eigene Rollen, Konventionen und Distanzen. Man muss den Fremden nicht lieben, man muss ihn nicht einmal näher kennenlernen, um mit ihm zivilisiert denselben Raum zu teilen. Öffentlichkeit war gerade jene kulturelle Leistung, in der Menschen Beziehungen unterhalten konnten, ohne ihre privaten Personen vollständig ins Spiel zu bringen.

Das Smartphone kehrt diesen Prozess auf eine merkwürdige Weise um. Die Intimität verdrängt die Öffentlichkeit nicht dadurch, dass man nach Hause geht, sondern dadurch, dass man seine private Kommunikationssphäre in den öffentlichen Raum hineinträgt. Menschen sitzen im Café und korrespondieren mit Abwesenden, laufen nebeneinander her und telefonieren mit Dritten, stehen an einer Haltestelle und betrachten eine Bildschirmwelt, deren Inhalt mit der konkreten Situation überhaupt nichts zu tun haben muss. Es entsteht dadurch eine eigentümliche Sozialfigur, für die Sennett noch keine technische Voraussetzung kannte: körperliche Ko-Präsenz bei mentaler Exterritorialität. Die Menschen befinden sich am selben Ort, aber der Ort besitzt nicht mehr automatisch den Vorrang ihrer Aufmerksamkeit. Insofern lässt sich die digitale Stadt als eine Stadt verstehen, deren Bewohner jederzeit aus ihr verschwinden können, ohne sich einen Meter zu bewegen.

Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von ‚absent presence‘: Kenneth Gergen bezeichnete damit schon vor dem Smartphone eine Situation, in der Kommunikationstechnologien Menschen aus dem gemeinsam geteilten Hier und Jetzt herausziehen. ‚Phubbing‘, das demonstrative oder gedankenlose Vorziehen des Telefons vor ein anwesendes Gegenüber, benennt die alltägliche Kränkungsversion desselben Vorgangs. Telepräsenz ist dabei keine bloße Täuschung; sie kann wirkliche Nähe über Entfernung herstellen, Sorge ermöglichen, Arbeitsbeziehungen stabilisieren und Einsamkeit lindern. Gerade deshalb ist die Lage komplizierter als ein Sittenverfall. Die Aufmerksamkeit wird nicht vernichtet, sondern umadressiert. Für den öffentlichen Raum bleibt jedoch entscheidend, dass Aufmerksamkeit ein knappes gemeinsames Gut ist. Wo alle verfügbaren Blick- und Hörbeziehungen in andere Räume geleitet werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit jener kleinen Rückmeldungen, aus denen situatives Vertrauen entsteht: das Ausweichen, das Bemerkthaben, die spontane Hilfe, der beiläufige Kommentar, die gemeinsam registrierte Merkwürdigkeit.

Das ist keineswegs moralisch zu denunzieren. Ich greife selbst selbstverständlich zum Telefon, beantworte Nachrichten und suche Informationen. Es wäre albern, daraus einen Kulturkampf zwischen dem edlen analogen Flaneur und dem degenerierten Smartphone-Benutzer zu konstruieren. Interessant ist allein die strukturelle Veränderung. Die klassische Öffentlichkeit beruhte zumindest teilweise auf einer gewissen Unausweichlichkeit der Anwesenheit. Wer auf einem Platz saß, befand sich eben auf diesem Platz. Man konnte in Gedanken abschweifen oder eine Zeitung lesen, doch die Zahl konkurrierender Räume war begrenzt. Heute kann derselbe Platz innerhalb von Sekunden zum bloßen physischen Hintergrund einer Unterhaltung mit Australien, eines Videos aus Tokio oder eines Preisvergleichs zwischen fünf Onlinehändlern werden. Der öffentliche Raum verliert damit sein Monopol auf die Wahrnehmung der Menschen, die sich in ihm befinden.

Walter Benjamins Flaneur gewinnt vor diesem Hintergrund fast etwas Exotisches. Der Flaneur war gerade jener großstädtische Typus, der sich der Stadt auslieferte, ohne einem unmittelbar praktischen Zweck zu folgen. Er las Fassaden, Schaufenster, Gesichter und Passagen. Die Stadt wurde ihm zum Text. In Benjamins Passagen-Werk ist das Warenhaus selbstverständlich bereits ein kapitalistischer Traumraum, und gerade deshalb wäre es falsch, das 19. Jahrhundert als unschuldige vorkommerzielle Öffentlichkeit zu verklären. Aber der Flaneur benötigte eine besondere Form ungeteilter Aufmerksamkeit. Er musste sich treiben lassen können. Wer heute mit dem Smartphone in der Hand durch eine Einkaufsstraße geht, kann immer noch flanieren, aber die materielle Stadt konkurriert in jeder Sekunde mit einer immateriellen, potentiell unendlichen Umgebung. Der Flaneur droht zum Navigator zu werden, der sich von Google Maps zur nächsten vorher ausgesuchten Attraktion führen lässt. Damit geht nicht die Stadt verloren, wohl aber ein bestimmtes epistemisches Verhältnis zu ihr: die Möglichkeit, etwas zu finden, nach dem man nicht gesucht hat.

Michel de Certeau hat dem distanzierten Blick von oben die Praktiken der Gehenden entgegengesetzt. Der Planer sieht die Stadt als lesbares Ganzes; der Fußgänger schreibt mit Umwegen, Abkürzungen und eigensinnigen Nutzungen Sätze in ein System, das er nicht beherrscht. Diese ‚Kunst des Handelns‘ korrigiert jede allzu passive Vorstellung des Stadtbewohners. Auch der digital navigierte Mensch eignet sich den Raum an, sendet Warnungen, bewertet Orte, organisiert Treffen, dokumentiert Polizeigewalt oder findet in einer fremden Stadt eine barrierearme Route. Smartphones fragmentieren Öffentlichkeit, aber sie können sie ebenso verdichten: Demonstrationen koordinieren sich über Messenger, Nachbarschaften teilen Informationen, Gefahrenkarten und Übersetzungen senken Zugangsschwellen. Die Protestbewegungen der vergangenen Jahrzehnte wären ohne mobile Netze anders verlaufen. Die Gegenposition ist nicht ein höflicher Zusatz, sondern sachlich notwendig. Digitale Technik entscheidet nicht von selbst zwischen Zerstreuung und Teilhabe; sie verändert die Kosten, Geschwindigkeiten und Sichtbarkeiten beider. Das Problem beginnt dort, wo ihre privatwirtschaftlich optimierten Aufmerksamkeitsregime den gemeinsamen Ort dauerhaft schwächer gewichten als den nächsten Impuls auf dem Display.

Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung liefert hierfür einen weiteren Anschluss. Rosa beschreibt die Moderne als ein System, das sich nur durch fortwährende Steigerung stabilisieren kann: mehr Kommunikation, mehr Optionen, mehr Bewegung, mehr erreichbare Kontakte, mehr verfügbare Güter innerhalb derselben Lebenszeit. Das Problem besteht gerade darin, dass technische Beschleunigung keineswegs automatisch Zeitgewinn erzeugt. Häufig wächst mit der Beschleunigung vielmehr die Zahl dessen, was überhaupt erledigt werden kann und deshalb auch erledigt werden soll. Diese paradoxe Struktur lässt sich auf die Stadt übertragen. Die Verkehrs- und Kommunikationstechniken sollen Wege verkürzen und Möglichkeiten vermehren, produzieren aber zugleich eine Situation permanenter Anschlussbereitschaft. Der öffentliche Raum wird dadurch nicht bloß voller, er wird zeitlich dichter. Überall geschieht mehr gleichzeitig.

Hartmut Rosa hat dem Beschleunigungsbegriff später die Resonanz gegenübergestellt, nicht als sentimentale Harmonie, sondern als Beziehung zu einer Welt, die antwortet und sich zugleich der vollständigen Verfügung entzieht. Für die Stadt ist das ein produktiver Maßstab. Ein resonanter Ort ist kein Ort ohne Reibung; er muss überraschen, widersprechen und Fremdheit zulassen. Gerade die algorithmische Stadt droht jedoch, Erfahrung mit erfolgreicher Vorhersage zu verwechseln. Navigation minimiert Irrwege, Empfehlungen minimieren Fehlgriffe, Bewertungen minimieren Unsicherheit, generative KI minimiert die Mühe der ersten Orientierung. Jede einzelne Erleichterung ist willkommen, in ihrer Summe können sie das Unverfügbare aber so weit aussortieren, dass die Stadt nur noch als gut geroutete Folge bestätigter Präferenzen erscheint. Dann begegnet man nicht dem anderen, sondern einer räumlichen Ausgabe des eigenen Profils.

Genau diesen Punkt empfinde ich bei der heutigen Stadt vielleicht am stärksten. Es ist nicht allein der Verkehr im alten Sinn. An den klassischen Konflikt zwischen Auto und Fußgänger hat man sich längst gewöhnt, und Mitscherlichs Generation hatte allen Grund, die autogerechte Stadt zu kritisieren. Heute ist die Situation komplexer geworden, weil der Straßenraum von einer immer größer werdenden Zahl unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten beansprucht wird. Fußgänger, Fahrräder, Pedelecs, Lastenräder, E-Scooter, Motorräder, Autos, Busse, Lieferfahrzeuge und diverse Formen von Mikromobilität treffen auf Flächen, die nicht im selben Maße wachsen können wie ihre Nutzungsmöglichkeiten. Jeder einzelne dieser Verkehrsträger lässt sich vernünftig begründen. Das Fahrrad ist ökologisch sinnvoll, das Lastenrad kann den Lieferverkehr reduzieren, der Scooter ist für bestimmte Kurzstrecken praktisch. Das Problem entsteht nicht aus ihrer individuellen Existenz, sondern aus ihrer Simultaneität.

Die Unfallstatistik beweist dabei nicht unmittelbar ein subjektives Gefühl permanenter Wachsamkeit, zeigt aber, dass die neue Verkehrsmischung reale Konfliktlagen erzeugt. Für 2024, das jüngste Jahr, für das Destatis eine vollständig ausdifferenzierte Sonderauswertung vorgelegt hat, registrierte die Polizei 11.944 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden, 26,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Zusammenstößen mit Fußgängern trugen E-Scooter-Fahrende in 87,7 Prozent der erfassten Fälle die Hauptschuld. Gleichzeitig wurden rund 93.279 Unfälle mit Personenschaden registriert, an denen Fahrradfahrende beteiligt waren. Man muss diese Zahlen nicht dramatisieren: E-Scooter waren 2024 an 4,1 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden beteiligt, und die Statistik sagt weder, wer sich wann erschreckt hat, noch wie angespannt ein Bürgersteig subjektiv erlebt wird. Sie markiert aber jene neue kleinteilige Konfliktdichte des Straßenraums, die jeder Fußgänger kennt: Man hört eine Klingel hinter sich, ein Rad kommt von der Seite, jemand bleibt mit Blick auf sein Telefon unvermittelt stehen, ein Scooter fährt dort, wo man ihn nicht erwartet, Lieferdienste halten, Baustellen verengen den Weg. Das Gehen durch die Stadt verlangt eine permanente Mikro-Vigilanz, eine beständige Aufmerksamkeitsleistung, deren Einzelereignisse banal sind und deren Summe dennoch ermüdet. Mikro-Vigilanz ist hier kein etablierter verkehrspsychologischer Fachbegriff, sondern eine essayistische Bezeichnung für diese Folge kleiner Antizipationen und Korrekturbewegungen.

Jane Jacobs würde an dieser Stelle allerdings zu Recht Widerspruch anmelden, wenn man aus der bloßen Geschäftigkeit bereits auf urbane Dekadenz schließen wollte. Ihre Death and Life of Great American Cities von 1961 war gerade eine große Verteidigung der dichten, gemischten und unordentlichen Stadt gegen jene planerischen Großformen, die Mitscherlich wenig später ebenfalls kritisierte. Jacobs’ berühmte „eyes on the street“ beruhen auf der Anwesenheit vieler Menschen, auf kleinen Geschäften, wechselnden Nutzungen und einer ständigen, nicht institutionell organisierten sozialen Beobachtung. Eine menschenleere, hygienisch separierte Stadt wäre demnach nicht wirtlicher, sondern gefährlicher und langweiliger. Das muss gegen jede nostalgische Vorstellung einer stillen Stadt festgehalten werden. Urbanität lebt von Unterschiedlichkeit, Bewegung und Verdichtung. Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen die dichte Stadt, sondern gegen eine Dichte, deren Elemente immer weniger miteinander vermittelt sind.

Genau hier liegt die Grenze zwischen Urbanität und bloßer Überfüllung. Jacobs’ Straße besaß einen sozialen Rhythmus. Unterschiedliche Nutzungen führten zu unterschiedlichen Tageszeiten verschiedene Menschen zusammen, und aus dieser wiederholten Anwesenheit entstanden informelle Beobachtung, Bekanntheit und Vertrauen. Die heutige Innenstadt produziert dagegen teilweise eine enorme Frequenz ohne vergleichbare soziale Sedimentation. Touristen kommen und gehen, Pendler passieren, Lieferdienste fahren vor, Kunden wechseln, Filialen werden ausgetauscht. Hohe Frequenz kann deshalb mit geringer Ortsbindung zusammenfallen. Das erklärt auch, warum ein belebter Ort merkwürdig leer wirken kann. Er ist nicht leer an Körpern, sondern an Beziehungen.

An dieser Stelle gewinnt Marc Augés Begriff des „Nicht-Ortes“ neue Aktualität. Augé hatte damit Räume der Übermoderne bezeichnet, insbesondere Flughäfen, Autobahnen, Hotelketten und Einkaufszentren, deren Nutzer sich vor allem als Passagiere, Kunden oder Verkehrsteilnehmer begegnen. Ein Nicht-Ort besitzt wenig Gedächtnis und wenig soziale Identität. Die interessante Frage ist heute, ob nicht Teile der historisch gewachsenen Innenstadt selbst Eigenschaften des Nicht-Ortes annehmen können. Wenn eine Einkaufsstraße zu 92 Prozent aus Filialisten besteht, wenn dieselben Marken in Köln, Düsseldorf, London und Barcelona auftauchen, wenn das Warenangebot weltweit online verfügbar ist und wenn die Besucher den Ort überwiegend als Passage zwischen bereits bekannten Zielen benutzen, dann entsteht mitten im geschichtlichen Stadtraum eine eigentümliche Ortlosigkeit. Die Fassaden können verschieden sein, während die Nutzungen darunter semantisch immer ähnlicher werden.

Dass der Einzelhandel hierbei unter enormem Druck steht, ist inzwischen kaum zu bestreiten. 2025 stieg der reale Einzelhandelsumsatz in Deutschland zwar insgesamt um voraussichtlich 2,4 Prozent, doch innerhalb dieses Wachstums verschieben sich die Gewichte. Von Januar bis November 2025 legte der Internet- und Versandhandel real um 10,8 Prozent zu, der Einzelhandel in Verkaufsräumen lediglich um 0,9 Prozent. 86 Prozent der 16- bis 74-Jährigen hatten 2025 bereits online eingekauft, bei den 25- bis 44-Jährigen waren es 94 Prozent. Diese Zahlen machen verständlich, warum die klassische Einkaufsstadt in eine strukturell eigentümliche Lage geraten ist. Früher musste man in die Stadt, weil sich dort Dinge befanden, die man anderswo nicht bekommen konnte. Heute kann man in einen Elektronikmarkt gehen, ein Gerät ansehen, es anfassen, sich beraten lassen und anschließend noch im Laden auf dem Telefon feststellen, dass dasselbe Gerät woanders billiger zu bestellen ist. Der stationäre Händler finanziert dann im schlimmsten Fall die Ausstellung, die Beleuchtung, das Verkaufspersonal, die Innenstadtmiete und die Beratung für einen Kauf, den ein anderer abschließt. Das Smartphone verwandelt den Laden potentiell in den Showroom seines eigenen Konkurrenten.

Der Onlinehandel ist dabei nur der sichtbarste Teil einer umfassenderen Entbettung. Anthony Giddens hat für die Moderne von ‚disembedding‘ gesprochen, David Harvey von ‚time-space compression‘: Beziehungen werden aus lokalen Zusammenhängen herausgehoben, Entfernungen verlieren durch schnelle Verkehrs- und Kommunikationsmittel an Widerstand. Für die Innenstadt bedeutete das lange einen Gewinn, weil Eisenbahn, Presse und Warenzirkulation Menschen und Dinge in ihr konzentrierten. Nun kippt ein Teil dieser Logik. Das Buch braucht keine Buchhandlung, der Film kein Kino, die Überweisung keine Bankfiliale, die Auskunft kein Reisebüro, die Spezialware kein Fachgeschäft und die Verabredung nicht einmal denselben Raum. Rem Koolhaas hat mit dem provozierenden Begriff ‚Junkspace‘ die räumliche Hinterlassenschaft einer Moderne beschrieben, deren klimatisierte, beschilderte und kommerzielle Innenwelten endlos anschlussfähig, aber erinnerungsarm werden. Der Begriff ist polemisch und nicht überall gerecht; für jene Passagen, Malls und Ladenketten, in denen Orientierung perfekt und Erfahrung austauschbar wird, behält er eine unangenehme Genauigkeit.

Große Ketten besitzen dagegen zunächst gewisse Resilienzvorteile. Sie können Einkauf, Logistik, Onlinehandel und Filialstruktur kombinieren und einzelne schwächere Standorte länger kompensieren. Man könnte hier mit Nassim Nicholas Taleb sogar von begrenzten antifragilen Eigenschaften sprechen, sofern Schwankungen innerhalb eines großen Netzes aufgefangen werden können. Nur hilft auch der schönste Antifragilitätsbegriff nicht, wenn das Grundmodell einer Filiale dauerhaft keinen ausreichenden Ertrag mehr abwirft. Dann wird geschlossen, verkleinert oder standardisiert. Gerade die hohen innerstädtischen Mieten fördern dadurch jene Anbieter, die Skaleneffekte besitzen, während eigentümliche, kleinere Geschäfte verschwinden. Die Stadt verliert nicht unbedingt Handel, sie verliert Differenz.

Damit kehrt auf einer anderen Ebene Simmels Diagnose von der Geldwirtschaft als großem Nivellierer zurück. Simmel meinte damit, dass das Geld qualitative Unterschiede in quantitative verwandelt: Dinge werden über ihren Preis vergleichbar. Heute übernimmt der digitale Preisvergleich diese Funktion geradezu in Echtzeit. Im Geschäft steht noch ein konkreter Gegenstand, vielleicht sogar ein sachkundiger Verkäufer, doch auf dem Display erscheinen binnen Sekunden zwanzig formal gleichartige Angebote, sortierbar nach Preis, Bewertung und Lieferzeit. Der qualitative Ort wird von einer quantitativen Vergleichsmaschine überlagert. Dasselbe Gerät in Köln, Hamburg oder einem Zentrallager irgendwo in Europa wird ökonomisch auf dieselbe Zeile einer Trefferliste reduziert. Die Digitalisierung radikalisiert damit eine Tendenz, die Simmel an der Geldwirtschaft der Großstadt bereits vor mehr als hundertzwanzig Jahren beobachtet hat.

Und nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu. Noch lässt sich kaum seriös quantifizieren, wie stark sie den Stadtraum verändern wird, aber ihre strukturelle Richtung ist erkennbar. Das Internet hat Waren, Information und Kommunikation vom Ort gelöst. KI beginnt zusätzlich, Beratung, Orientierung, Vergleich, Übersetzung und bestimmte Formen kultureller Vermittlung vom konkreten menschlichen Gegenüber zu lösen. Man muss nicht mehr unbedingt einen Verkäufer fragen, wo ein Produkt zu finden ist, kein Reisebüro aufsuchen, um eine Reiseroute zu planen, und nicht einmal eine Bibliothekarin konsultieren, um einen ersten Zugang zu einem Thema zu erhalten. Das alles besitzt enorme Vorteile, die ich keineswegs missen möchte. Nur sollte man auch die stadtgeschichtliche Konsequenz sehen. Städte lebten jahrhundertelang davon, dass bestimmte Kenntnisse, Waren, Menschen und Dienstleistungen an bestimmte Orte gebunden waren. Man ging irgendwohin, weil dort etwas war, das anderswo fehlte. Je mehr Funktionen ubiquitär werden, desto stärker muss die Stadt begründen, warum man sich überhaupt noch physisch in ihr aufhalten soll.

Darin liegt eines der großen Paradoxa der Gegenwart. Die Stadt bleibt ökonomisch und kulturell extrem leistungsfähig, doch viele ihrer ehemaligen Exklusivfunktionen lösen sich auf. Bücher, Musik, Filme, Bankgeschäfte, Reisen, Einkäufe, Partnersuche, berufliche Kommunikation und sogar große Teile sozialer Geselligkeit setzen nicht mehr notwendig einen städtischen Ort voraus. Die Anstrengungen der Stadt bleiben dagegen bestehen: die Dichte, der Lärm, die Mieten, die Verkehrswege, die komplizierte Orientierung, die Konkurrenz um Raum. Ein Teil jener Belohnungen, mit denen die klassische Metropole diese Zumutungen kompensierte, ist in den digitalen Raum ausgewandert. Das könnte erklären, warum das Geschäftige, das für frühere Generationen geradezu zum erotischen Versprechen der Großstadt gehörte, heute schneller als bloßer Stress erlebt wird.

Die Stadt besaß tatsächlich ein historisches Monopol, das heute leicht vergessen wird. Wer Neuigkeiten wollte, ging auf den Markt oder ins Kaffeehaus; wer Bücher suchte, brauchte Bibliothek und Buchhandlung; wer einen Film sehen, eine Reise buchen, Geld überweisen, eine seltene Platte kaufen oder Menschen außerhalb des eigenen Milieus treffen wollte, war auf urbane Institutionen angewiesen. Die Metropole war eine Maschine der unwahrscheinlichen Zugänge. Das Netz hat diese Zugänge nicht zerstört, sondern vervielfacht und entterritorialisiert. Künstliche Intelligenz treibt den Prozess weiter, weil sie nicht nur Bestände erreichbar macht, sondern aus ihnen Antworten, Empfehlungen, Bilder und Handlungspläne synthetisiert. Die Schwelle zwischen Information und Beratung, zwischen Archiv und Gespräch wird dadurch porös. Gerade daraus folgt die Frage nach der verbleibenden Eigenleistung der Stadt. Sie kann nicht in Schnelligkeit, Auswahl oder Bequemlichkeit mit dem digitalen Raum konkurrieren. Ihr unersetzlicher Überschuss liegt in Verkörperung, Zufall, atmosphärischer Dichte, widerständiger Nähe und der Begegnung mit Differenz, die nicht vorab nach Ähnlichkeit sortiert wurde. Die Stadt bleibt der Ort, an dem Welt Gewicht, Geruch, Temperatur, Entfernung und ein fremdes Gesicht besitzt.

Man sollte dabei unter keinen Umständen in eine historische Idylle zurückfallen. Die Stadt des 18. oder 19. Jahrhunderts war keineswegs ein gediegener bürgerlicher Salon. Sie war laut, unhygienisch, sozial brutal, gefährlich und voller Verkehrschaos. Das London von Dickens, das Paris Baudelaires oder die Berliner Mietskasernen bieten wenig Anlass zu romantischen Rückkehrphantasien. Auch die vermeintlich gute alte Einkaufsstraße war von Klassenschranken, Armut und Ausschlüssen geprägt. Entscheidend ist etwas anderes. Die klassische Moderne nahm die Zumutungen der Stadt in Kauf, weil sie mit ihnen ein Versprechen verband: Mehr Reiz bedeutete mehr Möglichkeit. Mehr Menschen bedeuteten mehr Begegnungen, mehr Geschäfte mehr Entdeckungen, mehr Dichte mehr Kultur. Die Frage unserer Zeit lautet, ob dieses Verhältnis noch stimmt oder ob die Reizintensität weiter wächst, während ein Teil der Möglichkeiten längst anderswo ebenso gut oder bequemer zugänglich ist.

Siegfried Kracauers Straßenbeobachtungen und Lewis Mumfords große Stadtgeschichte erinnern zudem daran, dass urbanes Leben nie aus einer einzigen Belastungsform bestand. Die industrielle Stadt zwang Körper durch Rauch, Enge, Krankheit und Klassenherrschaft; der Verkehr bedrohte lange vor dem E-Scooter; die Menge konnte berauschen und erschrecken. Neu ist nicht, dass die Stadt Aufmerksamkeit fordert, sondern die Art, wie ihre Anforderungen geschichtet werden. Zur materiellen Dichte tritt eine permanente adressierbare Ferne; zur Gefahr des Zusammenstoßes die Erwartung sofortiger digitaler Reaktion; zur Reklame an der Fassade die personalisierte Reklame in der Hand; zur lokalen Mietsteigerung das global vergleichende Anlagekalkül. Die frühere Stadt war vielfach härter. Die gegenwärtige kann dennoch auf eine spezifische Weise unwirtlich sein, weil ihre Zumutungen nicht mehr durch dieselbe Unausweichlichkeit gemeinsamer Situationen gebunden werden.

Richard Sennetts Öffentlichkeit gewinnt damit eine neue Bedeutung. Man muss von einer Stadt keineswegs verlangen, dass sie Geborgenheit im familiären Sinn erzeugt. Das wäre wahrscheinlich sogar antiurban. Eine Stadt ist keine große Wohnung, und gerade die Fähigkeit, mit Fremden zusammenzuleben, ohne sie in Freunde verwandeln zu müssen, gehört zu ihren zivilisatorischen Leistungen. Der Begriff der Geborgenheit führt deshalb ein wenig in die falsche Richtung. Was eine Stadt bieten muss, ist eher eine Form elementaren Vertrauens: die Gewissheit, dass man stehen bleiben kann, ohne sofort ein Hindernis zu sein, sitzen kann, ohne konsumieren zu müssen, gehen kann, ohne in permanenter Alarmbereitschaft zu stehen, und sich unter Fremden befinden kann, ohne deren Anwesenheit entweder als Bedrohung oder als vollkommen bedeutungslosen Hintergrund zu erfahren.

Das wäre für mich die entscheidende Aktualisierung Mitscherlichs. 1965 ging es um die psychischen Folgen einer gebauten Umwelt, die durch Funktionstrennung, Bodenspekulation und planerische Rationalisierung menschliche Bindung erschwerte. Sechzig Jahre später muss man den Begriff der Unwirtlichkeit erheblich erweitern. Die gegenwärtige Stadt wird nicht allein durch Häuser und Straßen produziert. Sie entsteht aus Immobilienmärkten, kommunalen Haushalten, Plattformökonomie, Logistiksystemen, Mobilitätstechnologien, digitalen Kommunikationsnetzen und algorithmisch gesteuerter Aufmerksamkeit. Lefebvres berühmte These, dass sozialer Raum produziert werde, bekommt dadurch eine nahezu wörtliche Aktualität. Der Raum, in dem wir uns bewegen, wird heute gleichzeitig von Stadtplanern, Investoren, Verkehrsunternehmen, Lieferplattformen, Einzelhändlern, Telekommunikationsnetzen und unseren eigenen Displays hervorgebracht. Die physische Straße ist nur noch eine Schicht dieses Raumes.

Gerade deshalb empfindet man die heutige Stadt so heterogen. Das hochsanierte Gentrifizierungsquartier liegt neben der prekarisierten Geschäftsstraße, das traditionsreiche Café neben dem global standardisierten Franchise, der historische Platz unter dem digitalen Navigationsnetz, der Fußgänger neben dem Scooter und alle zusammen unter der unsichtbaren Wolke ihrer Chats, Routen, Bewertungen, Lieferdienste und Preisvergleiche. Nichts davon ist für sich genommen katastrophal. Es ist die Addition, die eine neue Qualität erzeugt. Die Stadt besitzt keinen eindeutigen Rhythmus mehr, sondern eine Vielzahl gleichzeitig laufender Rhythmen, deren Abstimmung immer schwieriger wird.

Manuel Castells’ Raum der Ströme ist deshalb kein zweiter Planet über der Stadt. Er schneidet durch sie hindurch. Die Lieferroute erscheint als Linie in einem Dispositionssystem und zugleich als Transporter in zweiter Reihe; der touristische ‚point of interest‘ ist Datenobjekt und zugleich eine Menschentraube vor der Haustür; die dynamische Preisbildung der Übernachtungsplattform wird zur Kündigung, zur Zweckentfremdung oder zur veränderten Nachbarschaft. Auch die künstliche Intelligenz bleibt, bei aller scheinbaren Ortlosigkeit, materiell: Rechenzentren brauchen Energie und Wasser, Trainingsarbeit und Moderation haben Arbeitsorte, das bestellte Produkt verlangt Lager, Straße und Zusteller. Die Rede von der Entmaterialisierung wäre daher falsch. Wir erleben vielmehr eine Neuverteilung von Sichtbarkeit. Die bequeme Oberfläche erscheint ortlos, während ihre Kosten an konkreten, oft entfernten Orten anfallen.

Man könnte deshalb von einer lapsistischen Qualität des gegenwärtigen Stadtraums sprechen, von einem fortwährenden Ausgleiten der Aufmerksamkeit. Kaum hat man einen Eindruck aufgenommen, wird er vom nächsten überlagert. Kaum entsteht eine Situation, kann man sie digital verlassen. Kaum bildet sich ein charakteristischer Ort, wird er von ökonomischen Kräften standardisiert oder preislich exklusiv. Kaum gewinnt ein Quartier kulturelle Attraktivität, wird diese Attraktivität kapitalisiert. Gleichzeitig verfällt an anderer Stelle die kommunale Substanz, weil die öffentliche Hand selbst grundlegende Investitionen nicht mehr bewältigt. Das ist keine einfache Niedergangsgeschichte, und gerade deshalb ist sie schwerer zu fassen. Städte werden zugleich schöner und hässlicher, reicher und ärmer, voller und leerer, belebter und kontaktärmer.

Darin liegt am Ende die stärkste Paradoxie. Noch nie waren wir technisch so umfassend miteinander verbunden, und doch kann man durch eine dicht bevölkerte Straße gehen, in der nahezu jeder kommunikativ mit jemandem verbunden ist, der gerade nicht dort ist. Noch nie konnten wir so viele Waren bestellen, und doch verlieren Einkaufsstraßen ihre Geschäfte. Noch nie wurde so viel Geld in einzelne attraktive Quartiere investiert, während der kommunale Investitionsstau historische Rekordwerte erreicht. Noch nie standen so viele Mobilitätsformen zur Verfügung, und doch kann schon der Gang über einen Bürgersteig eine kleine Übung in permanenter Vigilanz werden. Noch nie war die Stadt derart voller Angebote, und selten wirkte ihre Öffentlichkeit so sehr wie eine Ansammlung nebeneinander herlaufender privater Projekte.

Das wäre dann eine Unwirtlichkeit, die Mitscherlich noch nicht beschreiben konnte. Sie besteht nicht mehr hauptsächlich darin, dass die Stadt falsch gebaut worden ist. Sie besteht darin, dass ihre Bewohner, Ökonomien, Verkehrssysteme und Kommunikationsräume immer weniger einen gemeinsamen Takt besitzen. Die moderne Stadt war stets ein Ort der Fremden, und das soll sie bleiben. Sie muss nicht heimelig werden. Aber ihre große kulturelle Leistung bestand darin, aus Fremden für eine begrenzte Zeit eine Öffentlichkeit zu machen. Genau diese Zwischenform scheint fragiler zu werden: zwischen der Intimität des Privaten und der bloßen funktionalen Koexistenz, zwischen Wohnung und Verkehrsraum, zwischen individuellem Konsum und kollektivem Leben.

Was dagegen zu verteidigen wäre, ist die Stadt als gemeinsamer Wahrnehmungsraum. Gemeinsam heißt nicht einmütig. Es bedeutet, dass Verschiedene für eine Weile demselben Wetter, demselben Hindernis, demselben Straßenmusiker, derselben Demonstration, derselben peinlichen Szene und demselben unerwarteten Glück ausgesetzt sind und einander dabei als Mitwahrnehmende registrieren. Öffentlichkeit beginnt womöglich in diesem unscheinbaren ‚Haben Sie das auch gesehen?‘, lange bevor politische Debatte oder bürgerschaftliche Beteiligung einsetzen. William H. Whytes und Jan Gehls Beobachtungen öffentlicher Plätze zeigen, wie stark solche Situationen von konkreten Kleinigkeiten abhängen: einer brauchbaren Kante, beweglichen Stühlen, Sonne und Schatten, langsamen Übergängen, einem Grund, kurz zu bleiben. Kommunale Politik kann diese Voraussetzungen schaffen, indem sie nicht jede Fläche maximal verwertet, kleinteilige Nutzungen schützt, Wege entwirrt und Pflege als dauernde Aufgabe statt als Eröffnungsfoto versteht. Sie kann die Öffentlichkeit nicht herstellen; sie kann ihr aber Zeit und Boden lassen.

Vielleicht – nein, streichen wir dieses vielleicht – liegt die eigentliche Unwirtlichkeit der heutigen Stadt deshalb darin, dass sie uns unablässig auffordert, uns in ihr zu bewegen, ohne uns noch zuverlässig das Gefühl zu geben, irgendwo angekommen zu sein. Man geht durch eine Stadt, die von Menschen überquillt, und bemerkt, dass jeder seine eigene Stadt mit sich trägt. Die Straßen bleiben dieselben, aber über ihnen liegen tausend unsichtbare Privatwelten. Mitscherlich fragte noch, was unsere Städte mit uns machen. Heute müsste man ergänzen: Was bleibt von einer Stadt übrig, wenn immer mehr von dem, was wir in ihr tun, gar nicht mehr in ihr stattfindet?

Die Antwort kann deshalb nicht lauten, die digitalen Überlagerungen abzuschalten oder die Stadt in eine Kulisse früherer Verhältnisse zurückzubauen. Sie muss lauten, das körperliche Dasein wieder als eigene, politisch zu schützende Leistung zu begreifen. Ein Platz, auf dem man ohne Kaufabsicht verweilen darf; eine Bibliothek, die mehr ist als Ausleihstation; ein Laden, dessen Wissen nicht in einer Trefferliste aufgeht; ein Weg, der Umwege erlaubt; ein Quartier, in dem Verbesserung nicht automatisch Vertreibung bedeutet; eine Verwaltung, die den Bürgersteig nicht erst repariert, wenn sein Verfall zur Gefahr geworden ist: Das sind keine romantischen Restbestände, sondern Infrastrukturen einer nichtalgorithmischen Erfahrung. Die Stadt wird das Netz nicht an Informationsfülle überbieten. Sie kann ihm etwas entgegensetzen, das gerade nicht skalierbar ist: die geteilte Gegenwart von Körpern, die einander nicht ausgesucht haben und dennoch eine Welt bewohnen müssen. Ankommen hieße dann nicht, jeder Zumutung enthoben zu sein. Es hieße, für einen Augenblick in einem Raum zu stehen, der unsere Aufmerksamkeit nicht nur fordert und verwertet, sondern sie zwischen uns zirkulieren lässt.

Literatur und Datengrundlagen

Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden (1965); Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben (1903); Walter Benjamin: Das Passagen-Werk; Henri Lefebvre: Le droit à la ville (1968); Jane Jacobs: The Death and Life of Great American Cities (1961).

Richard Sennett: The Fall of Public Man (1977); Marc Augé: Non-Lieux (1992); David Harvey: The Condition of Postmodernity (1989) und Rebel Cities (2012); Sharon Zukin: Naked City (2010); Hartmut Rosa: Beschleunigung (2005) und Resonanz (2016).

Ergänzend: Erving Goffman zur civil inattention; Michel de Certeau: L’invention du quotidien (1980); Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo; Lewis Mumford: The City in History (1961); Kevin Lynch: The Image of the City (1960); Jan Gehl: Life Between Buildings (1971); Manuel Castells: The Rise of the Network Society (1996); Saskia Sassen: The Global City (1991); Anthony Giddens: The Consequences of Modernity (1990); Rem Koolhaas: Junkspace (2001); Kenneth Gergen zur absent presence; Barry Wellman zum networked individualism.

Datengrundlagen: KfW-Kommunalpanel 2026; Statistisches Bundesamt zu kommunalen Schulden 2025, IT-Nutzung 2025, Einzelhandel 2025 und E-Scooter-Unfällen 2024; Stadt Köln: Ein Leitbild für die Handelslagen Hohe Straße und Schildergasse (2023); Bitkom-Erhebungen zur Smartphone-Nutzungszeit 2025 und 2026. Die Zahlen sind im Text mit Erhebungsjahr und Reichweite bezeichnet; Kausalbehauptungen werden daraus nicht abgeleitet.