Kunstnotiz
Die Abschaffung des Scheiterns
Das Scheitern in der Kunst wurde von Marcel Duchamp abgeschafft.
Danach hatte jeder Mensch die Option, ein erfolgreicher Künstler zu werden.
Diese beiden Sätze sind weniger kunsthistorische Bilanz als eine zugespitzte Diagnose. Das Readymade verschob die entscheidende Arbeit vom Herstellen zum Auswählen und Benennen. Ein Gegenstand musste nicht länger an der Schwierigkeit seiner Ausführung gemessen werden. Er konnte dem gewöhnlichen Gebrauch entzogen und durch eine Setzung in ein anderes Verhältnis zur Wahrnehmung gebracht werden. Damit verlor auch das handwerkliche Misslingen seine alte Macht über das Kunstwerk.
Vom Werk zur Entscheidung
Wo Kunst zuvor an Können, Vollendung und sichtbarer Arbeit geprüft wurde, trat nun die Entscheidung des Künstlers in den Vordergrund. Das war eine Befreiung und eine Zumutung zugleich. Befreiend war die Einsicht, dass künstlerisches Denken nicht an eine bestimmte Technik gebunden ist. Die Zumutung lag darin, dass nun fast jeder Gegenstand als Kunst auftreten konnte, sofern Kontext, Behauptung und Aufmerksamkeit ihn trugen.
Damit wurde das Scheitern nicht wirklich beseitigt; es wechselte nur den Ort. Ein Bild konnte misslingen, weil die Hand nicht leistete, was der Blick verlangte. Ein Readymade scheitert anders: Es kann belanglos bleiben, weil die Setzung keine Spannung erzeugt und der gewählte Gegenstand nach der ersten Irritation nichts mehr zu denken gibt. Die handwerkliche Probe wird durch eine begriffliche ersetzt.
Die demokratische Versuchung
Aus dieser Verschiebung entsteht die verführerische Aussicht, jeder Mensch könne Künstler werden. Sie ist nicht falsch. Auswahl, Kombination und Umdeutung gehören zum alltäglichen Umgang mit Dingen. Doch die Möglichkeit zur Kunst garantiert noch keinen Erfolg. Gerade weil die technische Schwelle sinkt, wächst die Bedeutung von Urteilskraft: Warum dieser Gegenstand, an diesem Ort, in diesem Moment? Was verändert die Geste außer dem Etikett?
Duchamps folgenreichste Pointe liegt deshalb vielleicht nicht darin, alles zur Kunst erklärt zu haben. Er machte sichtbar, dass Kunst immer auch von Institutionen, Blickordnungen und Erwartungen hervorgebracht wird. Das Museum zeigt nicht nur Kunst; es erzeugt einen Raum, in dem Gegenstände anders gelesen werden. Der Künstler produziert nicht nur Werke; er produziert Situationen der Aufmerksamkeit.
Erfolg nach Duchamp
Der erfolgreiche Künstler nach Duchamp muss nicht mehr beweisen, dass er die Welt besser abbilden kann. Er muss eine Differenz setzen, die trägt. Darin bleibt ein Risiko bestehen. Wenn alles Kunst sein kann, kann auch alles gleichgültig werden. Die Abschaffung des alten Scheiterns öffnete die Kunst – und erfand zugleich neue Formen des Misslingens.