Kunst

Der Beliebigkeitspluralismus des Kunstmarkts

Über Kunstmarkt, Kritik und die Freiheit der Beliebigkeit

„Alles so schön bunt hier“: Nina Hagens Satz könnte über dem Eingang jeder Kunstmesse stehen. In den Hallen wartet die gesamte Gegenwart auf Abruf – politische Installation neben dekorativer Malerei, dokumentarisches Video neben ironischem Nippes, existenzielle Geste neben makellos produziertem Spekulationsobjekt. Alles behauptet Aufmerksamkeit, alles besitzt einen Begleittext, und fast alles findet früher oder später jemanden, der seine bloße Anwesenheit bereits für ein Argument hält.

Man sollte diese Vielfalt nicht vorschnell denunzieren. Die Befreiung von akademischen Normen, verbindlichen Stilen und obrigkeitlichen Geschmacksurteilen ist ein historischer Gewinn. Moderne Kunst lebt davon, dass es keinen Katalog zulässiger Formen mehr gibt. Sie darf abstrakt oder figurativ sein, Objekt, Aktion, Konzept, Fotografie, Video, Text, Installation oder bloße Setzung. Wer darauf mit dem Seufzer reagiert, früher habe man wenigstens noch malen können, verwechselt Gewohnheit mit Qualität und die Vergangenheit mit einer aufgeräumten Speisekammer.

Das Problem beginnt nicht bei der Vielfalt. Es beginnt dort, wo aus Pluralismus ein System wird, das ästhetische und qualitative Ausschlüsse kaum noch zu formulieren wagt. Wenn prinzipiell alles Kunst sein kann, lautet die entscheidende Frage nicht: Ist das überhaupt Kunst? Sie lautet: Warum ist gerade dieses Werk bedeutend und ein anderes belanglos? Die Möglichkeit, Kunst zu werden, ist noch kein Qualitätssiegel. Sie macht die Begründung wichtiger, nicht überflüssiger.

Arthur C. Danto hat keineswegs schlicht verkündet, alles sei Kunst. Seine Pointe war genauer und folgenreicher: Die äußere Erscheinung allein entscheidet nicht mehr darüber, ob wir es mit Kunst zu tun haben. Seit Duchamp, Warhol und der Konzeptkunst kann ein Gegenstand visuell mit einem Alltagsding identisch sein und im Kunstzusammenhang dennoch eine andere Bedeutung annehmen. Was wir sehen, genügt nicht; Kontext, Theorie, Interpretation und Kunstwelt treten hinzu.

Damit verschiebt sich jedoch nicht nur die Last des Verstehens, sondern auch die Macht. Museen, Galerien, Kuratoren, Sammler, Auktionshäuser, Kunstmessen und Kritiker liefern nicht bloß Scheinwerferlicht für schon feststehende Meisterwerke. Sie erzeugen den Kontext, in dem etwas als relevant erscheint. Inzwischen übernehmen soziale Medien einen Teil dieser Arbeit: Sichtbarkeit wird in Echtzeit gemessen, Bedeutung mit Reichweite verwechselt und die Ausstellung gleich für ihre spätere Zirkulation auf dem Display eingerichtet.

So entsteht der eleganteste Zirkelschluss des Kulturbetriebs. Ein Werk ist wichtig, weil es gezeigt wird; es wird gezeigt, weil es wichtig ist. Sein Preis bestätigt seine Bedeutung, seine Bedeutung rechtfertigt den Preis. Jede Station beglaubigt die vorige, bis der Kreislauf wie ein Naturgesetz aussieht. Der Beliebigkeitspluralismus ist daher keine kunterbunte Anarchie. Er ist ein hoch organisiertes Verfahren, in dem die Freiheit der Formen mit der Autorität der Institutionen eine erstaunlich stabile Verbindung eingeht.

Belebte Straße mit Kunsthandlungen und Buchläden unter weitem Wolkenhimmel
Alles so schön bunt hier: Bilder, Waren und Aufmerksamkeit im öffentlichen Strom.

Das Straßenbild erdet die Theorie. Kunsthandlungen, Schilder, Passanten, Schaufenster: Bilder stehen nicht außerhalb des Verkehrs der Dinge, sondern mitten darin. Das einzelne Motiv muss sich in diesem Strom behaupten. Was macht aus einem Bild eine ernstzunehmende ästhetische Setzung – und was bloß ein weiteres Produkt, das kurz den Blick bindet, bevor der nächste Reiz übernimmt?

Kunst und Konsum gehen dabei eine wunderbare Mesalliance ein. Dass Kunst verkauft wird, ist weder neu noch skandalös; sie ist seit Jahrhunderten Ware. Charakteristisch für die Gegenwart ist vielmehr die Verschmelzung von ästhetischer Provokation, institutioneller Aufmerksamkeit, Markenbildung und Preis. Der Künstler wird zur Marke, das Museum zum Ereignisort, die Ausstellung zum Event. Das Werk ist zugleich ästhetisches Objekt, Kapitalanlage, Distinktionsmittel und Instagram-Motiv. Seine Vieldeutigkeit steigert im günstigen Fall nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Verwertbarkeit.

Der Markt kommt mit dieser Lage ausgezeichnet zurecht. Er muss nicht entscheiden, was wahr, notwendig oder gelungen ist. Ihm genügt, dass etwas zirkuliert, knapp erscheint und begehrt wird. Sogar der Protest gegen den Markt lässt sich als marktgängige Haltung führen. Die Provokation besitzt eine Edition, die Institutionskritik einen Versicherungswert, und das Werk gegen den Konsum wartet im Messestand auf seinen Käufer. Der Widerspruch ist kein Betriebsunfall; er gehört zum Geschäftsmodell.

Umso dringlicher wird Kritik. Sie darf nicht nur protokollieren, dass etwas existiert, und anschließend den Pressetext stilistisch auflockern. Kritik muss unterscheiden: warum eine Arbeit formal trägt oder in Effekten zerfällt, gedanklich etwas riskiert oder nur Theorie signalisiert, historisch präzise ansetzt oder alte Gesten neu etikettiert. Gerade weil kein verbindlicher Stil mehr entscheidet, muss das einzelne Werk genauer beurteilt werden. Die Freiheit der Kunst entbindet die Kritik nicht vom Urteil. Sie macht das Urteil erst schwierig.

Der beliebte Rückzug, Kunst liege nun einmal „im Auge des Betrachters“, hilft wenig. Natürlich hat Wahrnehmung eine subjektive Dimension. Doch daraus folgt nicht, dass jedes Urteil gleich gut begründet ist. Zwischen Präferenz und ästhetischem Urteil liegt die Arbeit des Vergleichens, Beschreibens und Begründens. Man widerlegt Van Gogh nicht, indem man Gelb nicht mag. Und man rettet ein schwaches Werk nicht, indem man jeden Einwand zum privaten Geschmack des Betrachters erklärt.

Ein Urteil muss dabei weder letztgültig noch unfehlbar sein. Es darf revidiert werden, es kann Minderheitenposition bleiben, es kann an einem Werk scheitern. Aber es muss sich exponieren. Wo Kritik nur noch Kontexte referiert, Namen sortiert und Marktbewegungen bestaunt, wird sie zur Begleitmusik der Selbstbeglaubigung. Sie verwechselt Offenheit mit Urteilslosigkeit und Höflichkeit mit Erkenntnis.

Der sozialistische Realismus hatte es scheinbar einfacher: Die Norm war vorgegeben, die Abweichung verdächtig. Niemand sollte sich nach dieser Eindeutigkeit zurücksehnen. Eine Kritik, die sich ihre Maßstäbe nicht mehr von Partei, Akademie oder Salon diktieren lässt, gewinnt Freiheit – und Verantwortung. Sie muss ihre Kriterien am Werk entwickeln und zugleich offenlegen. Formale Konsequenz, gedankliche Präzision, historische Wachheit, sinnliche Evidenz: Keines davon ist eine Schablone, aber jedes kann ein Grund sein.

Der Beliebigkeitspluralismus bezeichnet deshalb weniger die Freiheit, alles zu machen, als die Versuchung, nichts mehr begründet unterscheiden zu müssen. Der Kunstmarkt kann mit dieser Versuchung ausgezeichnet leben. Er braucht keine Wahrheit, sondern Zirkulation. Die Kritik verliert ihren Sinn, sobald ihr das ebenfalls genügt.

© Goedart Palm