Das digitale Leben kam nicht mit Fanfaren. Es klingelte an der Wohnungstür, stellte ein Paket ab und war schon wieder verschwunden. Zurück blieb der Bewohner, bestens versorgt und ein wenig überflüssig.
Das Abonnement des Banalen
Erst hielt ich es für eine Zeitschrift für Rechtstheorie. Doch es war ein Angebot von Amazon: Toilettenpapier im Abonnement. Die Moderne hat lange davon geträumt, den Mangel abzuschaffen. Nun schafft sie den Augenblick ab, in dem man ihn bemerkt. Noch ehe das letzte Blatt seine Bestimmung erfüllt hat, ist Ersatz unterwegs. Die Notdurft besitzt eine Lieferkette und die Vorsehung eine Sendungsnummer.
Ein Abonnement ist ein kleiner Vertrag gegen die Zukunft. Man verspricht, auch morgen derselbe Mensch mit demselben Bedarf zu sein. Das ist bei Zeitungen schon kühn, bei Rasierklingen etwas demütiger und beim Toilettenpapier beinahe unangreifbar. Nicht nur Waren kehren wieder. Der Kunde tut es auch. Er erscheint im System als zuverlässige Wiederholung seiner selbst.
Das Digitale ist am wirksamsten, wenn es nicht mehr auffällt. Es baut keine zweite Welt neben die erste; es richtet in der ersten die Wege kürzer, die Wünsche früher und die Überraschungen seltener ein. Das Außerordentliche war nur seine Reklame. Sein Geschäft ist das Gewöhnliche.
Der Sieg des Sitzenden
Der homo sedens hat nicht aus Faulheit gesiegt. Faulheit war noch ein Charakterfehler und besaß damit eine gewisse persönliche Würde. Sitzen ist heute Infrastruktur. Der Stuhl steht am Ende zahlreicher Netze: Strom, Unterhaltung, Nahrung, Arbeit, Bekanntschaft, Begehren. Man muss ihn nicht verlassen, weil die Welt gelernt hat, zu ihm zu kommen.
Das Haus, einst Rückzug vor den Geschäften des Lebens, wird selbst Geschäftsstelle. Es empfängt Lieferungen, bestätigt Termine, verlängert Verträge, meldet Verbrauch und hält uns über den Fortgang all dessen auf dem Laufenden, was wir früher einfach besaßen. Die Bequemlichkeit erspart Handgriffe und erzeugt Verwaltungsakte. Man ruht nicht mehr; man beaufsichtigt die Reibungslosigkeit.
Darin liegt die neue Armut des Komforts. Luxus gewährte früher Ausnahme. Komfort verlangt Regelmäßigkeit. Er muss verfügbar, planbar und störungsfrei sein. Wer sich an ihn gewöhnt, wird nicht verwöhnt, sondern diszipliniert: durch Lieferfenster, Erinnerungen, Aktualisierungen und jene höflichen Benachrichtigungen, die stets so klingen, als hätten sie uns einen Gefallen getan.
Die frühe Netzkunst liebte noch die sichtbare Fremdheit des Virtuellen: Ein Objekt wurde Bild, das Bild wurde Zeichen, und das Zeichen durfte rätselhaft bleiben. Das heutige Cyberlife hat weniger mit Kybernetikromantik als mit dem diskreten Funktionieren zu tun. Es trägt kein Neon. Es trägt Hausschuhe.
Der verlorene Weg
Wer nicht mehr zum Laden geht, spart einen Weg. Das klingt nach einem Gewinn, weil Wege in Minuten gemessen werden. Doch ein Weg bestand nie nur aus seinem Ziel. Er enthielt das falsche Schaufenster, den kurzen Regen, einen Bekannten, dem man auszuweichen versuchte und gerade deshalb begegnete, die Straße, die heute anders roch als gestern. Der Umweg war eine kleine Schule der Welt; Navigation hat sie geschlossen.
Mit dem Einkauf verschwindet nicht bloß Mühe. Es verschwinden Anlässe. Das Draußen wird zum Dekor hinter der Scheibe, eine laufende Vorstellung für Menschen, die ihre Plätze nicht mehr verlassen müssen. Gewiss war der Gang zum Supermarkt selten ein Abenteuer. Aber Ereignisse haben die schlechte Angewohnheit, sich nicht als solche anzukündigen. Wer nur hinausgeht, wenn etwas sicher lohnt, wird sehr sicher wenig erleben.
Die Stadt bleibt vorhanden, doch ihr Gebrauch wird dünner. Ihre Wege werden zu Fahrstrecken der Zusteller, ihre Läden zu Lagern mit Schaufenster, ihre Zufälle zu Störungen im Zeitplan. Man kann nun alles bekommen, ohne irgendwo gewesen zu sein. Das ist eine erstaunliche Leistung und ein eigentümlicher Verlust.
Begehren nach Vorschrift
Die alte Werbung überredete uns zu etwas, das wir vielleicht nicht wollten. Der neue Vorschlag ist taktvoller. Er erinnert uns an das, was wir vermutlich ohnehin gewählt hätten. Darum wirkt er nicht wie Verführung, sondern wie Selbsterkenntnis. Man bestellt, was einem entspricht, nachdem ausgerechnet wurde, was einem entsprechen wird.
Das Begehren wird nicht unterdrückt. Es wird von jeder unnötigen Phantasie entlastet. Andere Kunden kauften auch. Für Sie ausgewählt. Wieder bestellen. Die Formeln sind freundlich, denn ein Befehl wäre unzeitgemäß. Die Abrichtung erfolgt als Service. Sie lässt uns frei, genau das zu wünschen, was bereits vor der Tür steht.
So wird der Alltag zur Wiederholungsmaschine. Nichts Dramatisches geschieht. Alles ist da, alles kommt wieder, alles wurde vorbereitet. Die digitale Herrschaft ist darin beinahe vorbildlich bescheiden: Sie will nicht unser Leben. Es genügt ihr, dass kein unberechneter Nachmittag mehr dazwischenkommt.
Vielleicht beginnt Freiheit heute nicht mit dem großen Ausstieg aus den Netzen. Vielleicht genügt zunächst eine versäumte Lieferung, ein leerer Schrank und der altmodische Entschluss, selbst noch einmal hinauszugehen.