Die Siebziger begannen nicht am 1. Januar 1970. Sie hatten schon vorher angefangen, vielleicht 1967, vielleicht 1968, jedenfalls in dem Augenblick, in dem die alte Bundesrepublik zum ersten Mal ernsthaft bemerkte, dass ihre Kinder nicht mehr ohne Weiteres bereit waren, die Welt der Eltern zu übernehmen. Das Entscheidende an diesem Jahrzehnt war deshalb nicht die Schlaghose. Es war ein neuer Ton. Die Sechziger hatten die Revolte hervorgebracht. Die Siebziger trugen sie in den Alltag. Was 1967 und 1968 noch Demonstration, Sit-in, Vollversammlung, Flugblatt und Provokation gewesen war, wanderte nun in Wohnungen, Schulen, Universitäten, Buchhandlungen, Kinderläden, Wohngemeinschaften und Beziehungen. Aus der Studentenbewegung wurde eine Lebensform, gelegentlich eine Pose, manchmal eine Dogmatik und erstaunlich oft ein neuer deutscher Alltag.
Plötzlich wurde über Dinge gesprochen, die vorher gar nicht als politische Fragen gegolten hatten. Wie erzieht man Kinder? Wer macht den Abwasch? Warum soll der Lehrer automatisch recht haben? Warum spricht der Professor und alle anderen schweigen? Warum entscheidet der Vater? Was ist eine Familie? Wem gehört die Stadt? Was darf Kunst? Was darf Sexualität? Warum soll ein Kind gehorchen, nur weil ein Erwachsener etwas verlangt? Das Private wurde politisch. Dieser Satz war mehr als eine Parole. Er bedeutete, dass Politik nicht mehr erst im Bundestag begann. Sie saß morgens am Frühstückstisch. In den Kinderläden zeigte sich das besonders deutlich. Sie waren ein eigentümliches Produkt jener Jahre: halb pädagogisches Experiment, halb politisches Labor, halb Befreiungsversuch von den Autoritäten der alten Erziehung. Kinder sollten nicht mehr selbstverständlich gedrillt, beschämt oder diszipliniert werden. Sie sollten reden, widersprechen, ausprobieren. Eltern diskutierten über antiautoritäre Erziehung, über Selbstbestimmung, über Gruppenprozesse und darüber, ob schon das Wort „brav“ eine Zumutung sei.
Manches daran war befreiend. Manches war lächerlich. Manches war beides zugleich. Das war überhaupt eine Spezialität der Siebziger. Man konnte sehr ernsthaft gegen bürgerliche Konventionen kämpfen und gleichzeitig eine neue Konvention daraus machen. Man konnte sich von der Spießigkeit der Eltern lossagen und innerhalb weniger Jahre eine linke Spießigkeit entwickeln, die mindestens ebenso zuverlässig wusste, was man essen, lesen, wählen, tragen und denken durfte. Der Fortschritt bekam seine eigenen Hausordnungen. In Wohngemeinschaften wurde über Herrschaftsstrukturen gesprochen, während einer immer noch den Müll herunterbringen musste. Man las Marx und Marcuse, diskutierte Reich, Adorno und Habermas und stritt gleichzeitig darüber, wer schon wieder die Küche nicht sauber gemacht hatte. Man wollte die Gesellschaft revolutionieren und scheiterte gelegentlich an der Organisation des Kühlschranks. Gerade dadurch wurden die Siebziger interessant. Der große politische Anspruch und das banale Leben lagen unmittelbar nebeneinander.
Die Studentenrevolte hatte die Sprache verändert. Autoritäten wurden nicht mehr einfach hingenommen. Professoren, Richter, Lehrer, Ärzte, Direktoren, Väter, Pfarrer – alle mussten sich plötzlich erklären. Titel verloren etwas von ihrer sakralen Wirkung. Schon der Habitus des Widerspruchs wurde zu einem kulturellen Fortschritt. Die alte Bundesrepublik hatte lange von der Vorstellung gelebt, Ordnung sei bereits eine Begründung. Nun reichte das nicht mehr. Das berühmte „Mehr Demokratie wagen“ Willy Brandts traf deshalb einen Nerv, der weit über die Regierungspolitik hinausging. Es war die staatstragende Formulierung für eine gesellschaftliche Bewegung, die längst unterwegs war. Demokratie sollte nicht nur aus Wahlen bestehen. Sie sollte in Behörden, Schulen, Hochschulen und gesellschaftliche Institutionen hineinreichen. Mitbestimmung war plötzlich ein Wort mit Zukunft. Schüler wollten gehört werden. Studenten wollten über ihre Universitäten mitreden. Arbeitnehmer forderten Beteiligung. Bürgerinitiativen entstanden. Eltern organisierten sich. Stadtplanung wurde nicht mehr selbstverständlich als Sache von Experten betrachtet. Selbst der Protest gegen eine Umgehungsstraße, einen Abriss oder ein Atomkraftwerk bekam einen demokratischen Ernst, den man früher eher politischen Parteien zugestanden hatte.
Die Linke war dabei nicht bloß eine Parteifarbe. Sie war eine Alltagskultur. Man erkannte sie an Zeitungen, Buchregalen, Plakaten, Jacken, Fahrrädern, bestimmten Formulierungen und manchmal schon am Tonfall. In den Wohnungen standen Bücher von Brecht, Marx, Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Frantz Fanon oder Simone de Beauvoir neben Taschenbüchern aus dem Rowohlt-Verlag. An den Wänden hingen politische Plakate, Kunstdrucke, Che Guevara, manchmal Mao, häufig aber auch einfach Picasso, Miró oder ein Ausstellungsplakat. Kunst, Politik und Lebensstil gingen eigenartige Bündnisse ein. Die Buchhandlung wurde deshalb zu einem wichtigen Ort dieses Jahrzehnts. Sie war nicht bloß Verkaufsstelle, sondern Umschlagplatz geistiger Möglichkeiten. Bücher lagen auf Tischen, standen dicht in Regalen oder füllten Schaufenster, die noch nicht von zentralen Marketingabteilungen entworfen wurden. Man sah etwas, von dem man vorher nicht wusste, dass man es lesen wollte. Daneben lagen Zeitschriften, Plakate, Postkarten, politische Broschüren, manchmal hektographierte Blätter und Publikationen kleiner Verlage. Auch Kunstläden hatten diese Atmosphäre.
Sie verkauften nicht das fertige Bild, sondern die Möglichkeit, eines zu machen. Leinwand, Farben, Tusche, Zeichenkarton, Pinsel, Letraset-Bögen, Klebefolie, Zeichenfedern, Rahmen, Pastellkreiden. Es waren Läden voller potentieller Zukunft. Ihre Auslagen wirkten wie eine Einladung, selbst etwas herzustellen. Das Do-it-yourself der Siebziger war nicht bloß Heimwerken. Es hatte etwas Emanzipatorisches. Man wollte nicht nur konsumieren. Man wollte gestalten. Das galt auch für Kleidung. London war noch immer ein ferner Magnet. Carnaby Street, King's Road, psychedelische Muster, indische Stoffe, Miniröcke, lange Mäntel, Plateauschuhe, hohe Stiefel und große Sonnenbrillen wanderten mit leichter Verspätung in westdeutsche Städte. Ein Sommertag in Köln, Bonn, Düsseldorf oder Frankfurt konnte plötzlich Bilder hervorbringen, die wenige Jahre zuvor noch fast unmöglich gewesen wären. Junge Frauen in kurzen Kleidern, daneben Männer mit langen Haaren, Studenten mit Schultertaschen, ältere Herren in Sommeranzügen, Hausfrauen mit Einkaufstaschen, Lehrlinge, Angestellte, Hippies und Beamte. Die Generationen liefen gleichzeitig durch dieselbe Straße, aber sie lebten nicht mehr in derselben Welt. Das machte die Städte visuell so interessant. Die Häuser waren häufig noch unsaniert. Die Reklame war uneinheitlich. Geschäfte hatten individuelle Schilder. Eine Buchhandlung sah anders aus als die nächste. Ein Kunstladen konnte in einem schmalen Altbau stecken, daneben ein Lederwarengeschäft, ein Fotoladen, eine Kneipe und ein Laden mit indischen Textilien. Niemand hatte das Ganze kuratiert. Die Stadt war eine Collage.
Auch politisch blieb alles widersprüchlich. Die neue Liberalität stand neben alten Institutionen. Frauen trugen Miniröcke, aber viele Berufe und Karrieren waren weiterhin männlich organisiert. Die sexuelle Revolution wurde gefeiert, während gesellschaftliche Doppelmoral keineswegs verschwunden war. Jugendliche sollten freier werden, gleichzeitig blieb die Schule oft autoritär. Die Regierung sprach von mehr Demokratie, während der Radikalenerlass zeigte, wie schnell die Republik wieder misstrauisch werden konnte. Und über allem lag der Schatten des Terrorismus. Die RAF war die mörderische Entstellung einer Bewegung, die ursprünglich viel breiter und demokratischer gewesen war. Gerade deshalb ist es falsch, die politische Kultur der Siebziger auf Terrorismus zu reduzieren. Die Mehrheit der neuen Linken ging nicht in den Untergrund. Sie ging in Schulen, Verlage, Universitäten, Redaktionen, Sozialarbeit, Stadtverwaltungen, Theater, Gewerkschaften, Initiativen und später sogar Ministerien. Die Revolte wurde institutionell. Das war vielleicht ihr größter Erfolg und zugleich ihr größtes Paradox. Diejenigen, die gegen das Establishment angetreten waren, wurden nach und nach selbst eines. Aus Studenten wurden Lehrer. Aus Spontis wurden Journalisten. Aus Aktivisten wurden Professoren, Rechtsanwälte, Politiker und Beamte. Die Sprache des Protests wanderte in die Institutionen, dort wurde sie gezähmt, professionalisiert und manchmal bürokratisiert.
Am Ende konnte sogar der Antiautoritäre einen Dienstweg haben. Das ist die komische Seite der deutschen Siebziger. Sie waren progressiv und spießig zugleich. Es gab den alternativen Lebensstil und sofort den korrekten alternativen Lebensstil. Naturkost konnte zur Weltanschauung werden. Die richtige Zeitung war wichtig. Die falsche politische Gruppierung konnte einen Abend ruinieren. In manchen Milieus wurde mit einer Ernsthaftigkeit über dialektischen Materialismus gestritten, die früher vielleicht theologischen Fragen vorbehalten gewesen war. Dazu kamen die K-Gruppen mit ihren eigentümlichen Abspaltungen, Weltdeutungen und Wahrheitsansprüchen. Wer heute zurückblickt, wundert sich über die Energie, mit der junge intelligente Menschen darüber stritten, welche Splittergruppe die Weltrevolution theoretisch korrekt verstanden hatte.
Aber daneben existierte etwas viel Größeres und Dauerhafteres. Eine allgemeine Lockerung. Man duzte sich häufiger. Kleidung wurde freier. Schulen veränderten sich. Sexualität wurde offener besprochen. Frauenbewegung und neue Frauenpolitik griffen tief in den Alltag ein. Homosexualität wurde langsam aus der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit gedrängt. Ökologie entstand als politische Kategorie. Bürgerinitiativen wurden selbstverständlich. Die Vorstellung, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht naturgegeben seien, setzte sich fest. Vielleicht war genau das der neue Geist der Siebziger. Die Welt war veränderbar. Nicht unbedingt durch eine große Revolution. Oft viel kleiner. Man konnte ein Haus besetzen, einen Kinderladen gründen, eine Zeitung machen, eine Bürgerinitiative anfangen, eine Schulordnung verändern, eine Frauengruppe organisieren, gegen einen Bebauungsplan protestieren, ein Theaterkollektiv gründen oder einfach beschließen, anders zu leben als die Eltern. Das hatte eine ungeheure Vitalität. Und es hatte eine Ästhetik. Orange, Braun, Grün, Violett. Grobe Typografie. Letraset. Siebdruck. Plakate. Jeans. Blumenmuster. indische Stoffe. lange Haare. Holzregale. Glasvitrinen. Kunstbücher. Schallplatten. politische Poster. vollgestellte Schaufenster. Cafés, in denen man stundenlang sitzen konnte.
Die Welt war materieller. Musik kam aus Plattenläden. Texte aus Büchern. Bilder aus Galerien. Informationen aus Zeitungen. Wer etwas finden wollte, musste irgendwohin gehen. Damit hatte die Stadt eine Bedeutung, die heute schwer wiederherzustellen ist. Die Straße war Suchmaschine. Man konnte an einem Laden vorbeigehen und etwas entdecken, von dem man nichts wusste. Ein Buch. Eine Platte. Ein Plakat. Eine Zeitschrift. Eine Person. Eine Idee. Der Zufall hatte noch einen festen Platz im Tagesablauf. Vielleicht liegt darin die besondere Melancholie, die alte Fotografien der Siebziger heute erzeugen. Nicht weil alles besser gewesen wäre. Vieles war schlechter, enger, ungerechter und politisch verbohrter. Aber die Gegenwart wirkte noch nicht vollständig erschlossen. Eine Straße konnte geheimnisvoll sein. Hinter einer Tür konnte sich ein Laden befinden, den man noch nie gesehen hatte. Auf einem Büchertisch konnte ein Gedanke liegen, der den nächsten Monat veränderte. In einer Kneipe konnte eine Diskussion beginnen, die erst morgens endete. Und selbst eine ziemlich gewöhnliche deutsche Einkaufsstraße konnte für ein paar Minuten aussehen, als hätte Carnaby Street einen Seitenarm am Rhein eröffnet.
So erinnere ich die Siebziger am liebsten. Nicht als geschlossenes Jahrzehnt, sondern als Übergang. Die alte Bundesrepublik war noch überall sichtbar. Ihre Fassaden, ihre Beamten, ihre Möbel, ihre Regeln, ihre Vorsicht. Aber dazwischen liefen bereits die Kinder einer anderen Zeit. Sie trugen kürzere Röcke, längere Haare und neue Ideen. Und sie stellten eine Frage, die für die alte Ordnung gefährlicher war als jede Mode: Warum eigentlich nicht anders?
© Goedart Palm